Tag Archives: kappes

miniportion 373: guppes

19 Apr
Guppes im Haus Töller, Köln 2014

Guppes im Haus Töller, Köln 2014

„Du jehst hier dursch“, sagt der Mann im Kontörchen, der zentralen Kontrolleinrichtung am Eingang der Kölner Brauhäuser, aus der unter anderem der Bierverkauf an die Köbesse koordiniert wird, „dann hinter der Tür d’rekt links, dat is Eure Tisch!“ Wir folgen seinen Anweisungen, a) weil wir nach einer kreativen Sitzung Hunger haben und b) weil man Anweisungen in einem Brauhaus eigentlich immer widerstandslos befolgen sollte. Die in einem schweren Messinghalter aufgestellte Speisekarte besteht aus kölschen Klassikern, von denen die meisten mit einem Sternchen versehen sind, das auf hauseigene Produktion verweisen soll. „Was steht denn auf der Tageskarte?“ fragt Freund J., der aufgrund der häuslichen Nähe des Öfteren in diesem Etablissement verkehrt. „Guppis oder so“, berichtet Freund D., nachdem er von der Erkundung um die Ecke zurückkommt. Da sind wir erst einmal ratlos. Nach der erste Runde Kölsch und dem Hinweis, die Bierdeckel nicht kaputt zu machen, kommt der Köbes zurück, um unsere Bestellungen aufzunehmen. Wir bestellen Rheinischen Sauerbraten mit Klößen, Schnitzel mit Bratkartoffeln, Roastbeef mit Remoulade und Himmel un Ääd. „Eine Frage noch“, rufe ich dem im blauen Hemd Mann hinterher, der sich trotz einer gewissen Leibesfülle leichtfüßig mit seinem Blechkranz durch den vollen Laden schlängelt. „Das klingt vielleicht jetzt nicht unbedingt lecker“, sagt er, „aber das ist lecker! Krautsalat mit Gulasch.“ Ich mache aus meinem Sauerbraten kurzerhand eine Portion Guppes und Freund M. fragt, was denn der Name bedeute. „Hier musste dichten könne“, lautet die eher kryptische Antwort des Kellners. Eine Viertelstunde später steht ein goldberandeter Suppenteller mit hausgemachtem Krautsalat vor mir, der auch ohne Sternchen als hausgemacht durchgeht. Darauf eine großzügige Portion Rindsgulasch und zwei dicke Scheiben Graubrot. Der Köbes hat – wie immer recht – klingt nicht besonders lecker, ist es aber!

miniportion 314: blaukraut

7 Dez
Rotkohl auf der Domäne Dahlem, Berlin 2008

Rotkohl auf der Domäne Dahlem, Berlin 2008

Um das mal direkt klar zu stellen: Rotkohl hieß bei uns Rotkohl und nicht Blaukraut. Auch an einen saarländischen Ausdruck kann ich mich nicht erinnern. Den bayerischen Ausdruck kannte ich natürlich aus dem Zungenbrecher „Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid“, brachte ihn aber eigentlich nicht in Verbindung mit dem Gemüse, dass im Winter an Sonntagen auf den Tisch kam. Kraut ist hierzulande, also im Rheinland, ja eher eine Bezeichnung für den zum Brotaufstrich eingedickten Saft von Äpfeln oder Zuckerrüben. Auch damit hatte ich als Kind so meine Schwierigkeiten, weil ich davon ausging, dass man das Kraut der Rüben, also die oberirdischen Blätter verarbeitet.

Am Gymnasium hatte ich mal eine Kunstlehrerin, der ich gegenwärtig gelegentlich mit ihrem Pudel begegne, wenn ich durch den Wald renne. Einmal befassten wir uns in ihrem Unterricht mit dem Thema Strukturen und bekamen den Auftrag mit einem schwarzen Filzstift einen durchgeschnittenen Rotkohl zu malen. Das hätte an sich ja einen durchaus meditativen Charakter haben können, wäre besagte Lehrkraft nicht ein wenig überfordert mit dem ihr anvertrauten Haufen spätpubertierender Schüler und Schülerinnen gewesen, die auch schon mal im Unterricht rauchten, wenn es darum ging, einen Aschenbecher zu zeichnen. Aber ich schweife ab. Da für besagte Aufgabe im Supermarkt kein Rotkohl zu bekommen war – vermutlich befanden wir uns im Frühling – malten wir einen Radicchio. Dabei handelt es sich zwar um eine Zuchtform der Zichorie und nicht um ein Kohlgewächs, aber die Struktur konnte man immerhin zeichnen.

In Deutschland findet man Rotkohl abseits des Kunstunterrichts zumeist als Beilage zu deftigen Wintergerichten – Gans beispielsweise, Rinderbraten oder Wild. Die meisten mir bekannten Köche und Köchinnen schwören dabei auf die Zugabe von Äpfeln. Die mussten wir, wenn ich mich recht erinnere, auch mal malen.

miniportion 221: choucroute

30 Aug
Hauptstadt des Sauerkrauts, Krautergersheim 2013

Hauptstadt des Sauerkrauts, Krautergersheim 2013

„Hier riecht es nach Sauerkraut“, sagt mein Mann am ersten Abend, als wir auf einer der Außenterrassen der Restaurants im Zentrum von Colmar einen Tisch suchen. „Kein Wunder“, sage ich, „Choucroute ist nun mal das Leibgericht einer jeden Elsässer-Karikatur.“

Auf dem Rückweg in den Norden dann, bei einem Besuch auf dem Mont St. Odile, betrachten wir eine am Rande des Parkplatzes aufgestellte Karte der Region. Wanderwege sind dort eingezeichnet, die Weinberge entlang der Vogesen und, als blaugrüne Flächen, die Anbaugebiete von Weißkohl im Norden der Region. „Produktion vom Kohl bis zum Sauerkraut“ lautet die Legende. „Da will ich auch hin“, sage ich und lege eine gewisse Dringlichkeit in meine Stimme, um Diskussionen zu vermeiden. Ich bekomme meinen Willen und nachdem wir in einem riesigen Haushaltswarenladen in Obernai hüfthohe hölzerne Krauthobel bewundert haben, fahren wir weiter nach Krautergersheim, der selbsternannten Hauptstadt des Sauerkrauts. „Capitale de la choucroute“ steht dementsprechend auf einem großen Schild am Ortseingang, „verpartnert mit Kapsweyer (Pfalz)“, üppig dekoriert mit Petunien und Geranien. Ein paar Schritte weiter befindet sich der Dorfbrunnen – ein rötlicher Mühlstein mit der Reliefdarstellung von im Krautacker arbeitenden Menschen, wasserspeienden Fröschen und als Krönung einem ernormen Kappes aus Bronze. Ansonsten ist der Ort eher unauffällig und wir fahren die Autofenster herunter, um mögliche Kohlgerüche nicht zu verpassen. Auf dem Weg zum nächsten Halt werben vereinzelte Krauthöfe ihre Produkte am Straßenrand, ganz wie die Winzer weiter südlich. In Betschdorf, noch weiter nördlich, wird zwar nicht mehr so viel Kohl angebaut, dafür werden hier aber die Pötte aus Salzglasurkeramik gefertigt, in denen das Gemüse dank Milchsäuregärung zum Sauerkraut heranreift. Ohne diese ausgefeilte Kulturtechnik wäre ich vermutlich wohl ganz ohne Schirmständer aufgewachsen.