ethnografische notizen 080: ikea

Schwedische Schonkost, Köln 2014

Schwedische Schonkost, Köln 2014

„Somma zu Ikea Schödbulla essen fahrn?“ fragt mich mein Mann per SMS. Wir sind beide aus ganz unterschiedlichen Gründen krank geschrieben und haben keine Energie selbst zu kochen.

Eine gute Stunde später stehen wir in der Schlange. Ein älterer Herr trägt einen Teller mit Fleischklöpsen und Fritten vor sich her. In einem steckt eine kleine schwedische Fahne. Ansonsten gibt es hier an diesem Morgen auffallend viele junge Menschen, von denen auffallend viele so aussehen, also ob sie geradewegs aus dem Katalog herausgepurzelt seien. Vielleicht ist man ja gerade schon bei der Produktion für die Frühjahrsausgabe und die Models machen Mittagspause. Aber Models machen eigentlich keine Mittagspause, denke ich. Diese hier aber sehr wohl denn sie reihen sich ganz offensichtlich gut gelaunt und gut aussehend in die Köttbullar-Reihe ein. Das Kind vor uns hingegen heißt Joel. „Du kriegst jetzt trinken“, sagt die Mutter. Oder die Oma. So genau kann man das nicht erkennen, weil beide irgendwie aussehen wie Sonja Zietlow.

Im Kühregal warten diverse Teller mit appetitlich dunkelroten Krebsen unter einer Plastikhaube auf Käufer und Käuferinnen, werden von den Katalogdarstellern und -darstellerinnen aber einfach ignoriert. Auch schöne Menschen essen offensichtlich lieber Köttbullar und Pommes. Während ich mir das alles so notiere, schiebe ich das Tablett weiter. Das ganze muss ja im Fluss bleiben. Joel bekommt eine halbe Portion zum halben Preis und wir von Fatih, so heißt die Servicekraft am Köttbullar-Posten, keine kleine schwedische Flagge in den Klops. Vielleicht ist das nur was für alte Leute. Den Namen des Kassierers kann ich mir in der Eile nicht aufschreiben. „Stören wir“, fragt mein Mann in seiner unnachahmlich verbindlichen Art. „Nein“, sagt der junge Kassierer gelassen, „das kann alles warten“, er legt das Handy weg, „zusammen bezahlen?“

Wir nehmen einen Tisch mit Ausblick in der Abteilung mit grünen und hellblauen Stühlen, die ein wenig an Krankenhaus erinnern. Eine Putzfrau, deren Migrationshintergrund eindeutig nicht schwedisch ist, wischt über Tisch und Bänke. Auch die dreistöckigen Tabletts mit denen zwei ältere Damen – die jungen schönen Menschen haben offensichtlich kein größeres Interesse an der Aussicht auf den Parkplatz – ihre grünen Bohnen durch die Gegend fahren, erinnern an Hospital.

Ein paar hundert Meter weiter hat vor zwei Tagen eine Filiale von Poco Domäne eröffnet. Erschlaffte rote und gelbe Ballons hängen an den Laternen links und rechts der Einfahrt. Vor der Türe stehen Menschen verschiedensten Alters und rauchen Zigaretten. Für einen Moment frage ich mich, wo sie wohl ihre Infusionswagen gelassen haben und warum sie keine Frotteebademäntel tragen. Dann fällt mein Blick auf ein Schild im Speisebereich. „Für echte Genießer“, lese ich und denke, „stimmt, wir sind ja gar nicht im Kranken-, sondern im Möbelhaus.“

ethnografische notizen 075: kantine

Deutsche Kantineneinrichtung, Köln 2014

Deutsche Kantineneinrichtung, Köln 2014

„Wie kommen Sie hier weg?“, fragt mich Herr F., mein Ansprechpartner im Autohaus. „Gar nicht“, antworte ich, „eigentlich wollte ich warten.“ Ich bekomme Anweisung über den Hof und die Treppe hinauf zu gehen, um mir in der Kantine ein Brötchen und einen Kaffee geben zu lassen.

Die Kantine in der ersten Etage ist um diese Uhrzeit noch leer. Eine sehr freundliche Dame im weißen Berufskittel, mit einem Papierschiffchen auf dem Kopf und einem zarten ostdeutschen Akzent fragt mich, ob sie mir weiterhelfen könne. „Herr F. schickt mich“, sage ich wahrheitsgetreu, „vielleicht kann ich einen Kaffee bekommen?“ „Na klar“, sagt die Dame, „machen Sie sich doch ein Brötchen.“ Sie zeigt auf die linke Seite der Theke, wo ein großer Korb mit Brötchen steht und verschiedene Teller mit Wurst und Käse unter Frischhaltefolie. Ich lehne dankend ab. „Ein süßes Teilchen vielleicht?“ Auch das nicht. „Dann ein Stück ganz frischen Rührkuchen!“ Weil der so aussieht, als sei er von zuhause mitgebracht, gebe ich nach. Sie schaut sichtlich zufrieden und macht sich an den Kaffee. „Ach nee, jetzt funktioniert mein Ding hier wieder mal nicht.“ Der WMF-Vollautomat gibt die Meldung „Wasserdruck“ und ist so groß, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um die oberen Funktionen zu bedienen. Der vorgebrühte Kaffee jedoch läuft einwandfrei. Weil sie mir eine richtig volle Tasse geben will, drückt sie noch einmal auf den Knopf. Sie verschwindet hinter der Theke und schneidet mir ein riesiges Stück luftigen Marmorkuchen.

Ich wähle einen der Tische in der Mitte des Raumes mit Blick aus dem großen Fenster über den Hof. An einer Pinnwand hängen diverse Bilder von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Daneben ein Ventilator, ein Cola-Automat und eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme von einer Messe mit VW-Käfern. Der Raum ist mit typischem Kantinenmobiliar ausgestattet, praktische Stühle aus hellem Holz und Edelstahl und Tische mit einer hellgrau gesprenkelten Kunststoffoberfläche. Darauf hellgrüne Papierservietten mit floralem Design und ein Ständer mit Pfeffer und Salz. Eine mit einem Klebezettel versehene Plastiktüte lässt erkennen, dass nicht alle Plätze zu haben sind. Auf einem anderen Tisch liegen ein Kartenspiel und ein Schreibblock mit den Ergebnissen vom Vortag. Ein junger Mann in blauer Arbeitshose betritt die Kantine und möchte ein Getränk. „Nimm’s Dir selbst“, sagt die an einem Tisch hinter mir befindliche Kantinenchefin, „ich hab mich gerade hingesetzt. Sonst komme ich heute nicht mehr dazu.“ „Das kenne ich“, sagt der Mann und legt 60 Cent auf die Theke. Ich verschicke eine Whatsapp mit einem Foto vom Kuchen. „Wo bist Du?“, kommt die Frage zurück. „Im Autohaus“, antworte ich, „ich glaube ich bleibe bis heute Abend!“

miniportion 122: kasseler

Metzgerladen im legendären Berlin, 2008

Metzgerladen im legendären Berlin, 2008

Das Kasseler nicht aus Kassel stammt, ist mittlerweile ja eine altbekannte Sache. Erfunden wurde der Kantinenknaller von einem  gleichlautenden allerdings mit großem „C“ geschriebenen Metzger namens Johann in Berlin. In Schöneberg soll das gewesen sein, in der Potsdamer Straße, aber wie das mit Legenden so ist, der Nachweis ist schwer zu erbringen, auch wenn sich nahezu sämtliche Hauptstadtskochbücher neben Bockwurst und Boulette auch dieses Kulturmuster auf die Fahnen schreiben. Mit Sauerkraut und Kartoffelpüree. Der Rippenspeer vom Schwein, der vor dem Räuchern einige Tage in Salzlauge gepökelt wird, ist gegenwärtig in der gesamten Republik beliebt. Aus reiner Gehässigkeit ein weiterer Grund, warum die Erfindung nicht im hessischen Kassel erfolgt sein kann, da die Verbreitung aus einer Stadt in der nur alle fünf Jahre ortsfremde Menschen gesichtet werden sicherlich sehr viel langsamer verlaufen wäre.

Kasseler ist so beliebt, weil so praktisch portionierbar und außerdem durch die Doppelkonservierung so haltbar. Wächst man hingegen in einer Familie auf, die nur bestimmtes, nach erratischen Kriterien ausgesuchtes Schweinefleisch verzehrt, bleibt einem diese gutbürgerliche Spezialität leider vorenthalten. Ich weiß, wovon ich spreche – keine frische Bratwurst, kein Schnitzel und auch kein Kasseler. Das habe ich später nachholen müssen, denn Kasseler mit dicker Soße (nach dem Abkühlen schnittfest und als Außenhaut für Ariane-Raketen zu verwenden), Salzkartoffeln und Bohnensalat gehörte zu den festen Bestandteilen unserer Besuche bei der Großmutter meines Mannes. Im Laufe der Jahre wuchsen die beim Metzger gekauften Stücke auf ein bedrohliches Maß und passten kaum noch in den Kochtopf. Im Alter verliert man mitunter ein wenig den Überblick, was die Proportionen des Kochens angeht. Da kann man ein Gericht auch 60 oder 70 Jahre lang gekocht haben – plötzlich haut es nicht mehr hin. Das fängt meistens mit der Menge an.

miniportion 026: käsebrötchen

Käsebrötchen in der Kreisstadtkantine in D.

Käsebrötchen in der Kreisstadtkantine in D.

„Mit oder ohne Salat“, fragt mich die Dame hinter der Theke der Kreisstadtkantine in D.,  „Körnerbrötchen oder normal?“ Damit sind die Wahlmöglichkeiten aber auch schon erschöpft – ich werde beispielsweise nicht gefragt, ob ich mein Käsebrötchen mit Margarine UND Remoulade haben möchte. Das war hier in D. wohl immer schon kulinarischer Konsens. Ich entscheide mich für die Salatgarnitur und, weil meine Kollegin das letzte Körnerbrötchen bekommt, für „normal“. An der Kasse, hinter einem goldenen Sparschwein und ein wenig versteckt von einem großen Kaffeeautomaten sitzt eine freundliche ältere Dame mit kurzen blondierten Haaren und einem pinkfarbenen Pullover. Der Herr vor mir bezahlt sein halbes Hähnchen mit Fritten und eine Fanta. Weiter hinten im Saal warten seine Freunde, wohl ehemalige Kollegen, mit denen er vermutlich seit Jahrzehnten hierher kommt. „Wie geht es dem Hans“, fragt die Dame hinter der Kasse und lächelt mir zu, um anzudeuten, dass dieses Gespräch kurz dauern wird. „Der Hans“, sagt der Mann und streicht sich die Haare über die Glatze, „der Hans hat jetzt auch noch grauen Star.“ Die Dame lässt gute Besserung ausrichten. „Das sind alles alte Gäste“, sagt sie zu mir, „die kommen immer noch hierher, obwohl meine Tochter ja jetzt übernommen hat.“ Sie reicht mir eine Papierserviette. „So viel Zeit muss sein“, sage ich. Sechs Schüler aus dem gegenüberliegenden Gymnasium bestellen Zigeunerschnitzel mit Pommes und trinken Cola. Auf jedem der runden Tische stehen ein Vase mit einer gelben Tulpe sowie ein Körbchen mit Salz und Pfeffer sowie einer kleinen Flasche mit Maggiwürze. Neben dem Kücheneingang sitzt ein kleiner Langhaardackel. Unter seinem Stuhl steht eine kleine Plastikschüssel mit Wasser. Irgendwie passt der Hund zum Ambiente der Kantine, in der in den letzten 30 Jahren vermutlich alles so geblieben ist, wie es war – inklusive dem Käsebrötchen auf meinem Teller.