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ethnografische notizen 096: food haul

12 Apr

Dass die sozialen Medien die Menschen vom physischen Alltag entfremden würden, ist eine diffizile Unterstellung. Im Internet geht es doch eigentlich ständig um Essen und Trinken – wenn auch in Form einer mehr oder weniger sorgfältigen digitalen Inszenierung. Aber das war früher ja nicht anders. Essen war immer schon eine Frage des Sehens und Gesehenwerdens. Was serviere ich, wenn die Familie zu Besuch kommt? Wo gehe ich am Samstagabend mit der neuen Liebe essen? Und was bringe ich zum Firmen-Grillfest mit? Jetzt eben digital und mit Snapseed-Filter „Drama“.

Während sich der Normalbürger gegenwärtig darauf beschränkt, seinen Starbucks-Kaffee oder den Besuch in einem Restaurant mit Michelin-Stern bei Facebook zu dokumentieren, gibt es eine rege Blogger-Szene, in denen in Formaten wie diesem hier Rezepte geteilt, Kochbücher rezensiert, Produkte getestet und Geschichten erzählt. Das macht Spaß und bleibt meistens ein zeit- und kostenintensives Hobby.

Richtig viel Geld verdienen tun hingegen einige wenige Menschen auf youtube. Beispielsweise mit sogenannten Haul-Clips. Das sind Videos bei denen Menschen ihre Einkäufe vorstellen. Abgeleitet vom englischen „to haul“, was so viel bedeutet wie „schleppen“ oder „Beute nach hause bringen“. Meistens handelt es sich dabei im Kosmetik, die enthusiastisch bis hysterisch ausgepackt und kommentiert wird. Oh my god! Daneben gibt es aber auch noch eine Sonderform – Food-Hauls in denen es ausschließlich um gerade gekaufte Lebensmittel geht.

Um mal einen Einblick in die Dimensionen geben, in denen hier hantiert wird. „Eine bunte Mischung aus Lifestyle, Travel, Beauty, Fashion und Food. Ein kleiner Einblick in mein Leben“, beschreibt Youtuberin Daarum ihren Kanal mit tagesaktuell 1.020.812 Followern. Ihr Video „FOOD HAUL – Whole Foods / teuerster Einkauf überhaupt…“ in dem sie Produkte aus einem amerikanischen Bio-Laden präsentiert wurde am 31. März 2015 hochgeladen und bislang 208.733 Mal angeschaut.

Die Erkenntnisse, die mal als Zuschauer daraus ziehen kann, sind eher beschränkt. Allenfalls, dass Daarum ziemlich einwandfreies Englisch spricht und gerne dies oder das isst. Wegklicken kann man aber trotzdem irgendwie nicht, weil man all diese kleinen Informationen dann doch irgendwie interessant findet. Ein kleiner Einblick in das Leben der anderen eben.

ethnografische notizen 088: ndouzem village

4 Jan
Huguette – Ndouzem Village, Aachen, Januar 2015

Huguette – Ndouzem Village, Aachen, Januar 2015

Ndouzem Village, sagt Huguette, das sei die Bushaltestelle am Dorf ihrer Großeltern. Also keine Bushaltestelle im europäischen Sinne vielleicht, sondern vielmehr ein Stichwort, dass man dem Busfahrer nennt, wenn man an einer ganz bestimmten Stelle, rund 300 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, aussteigen möchte. Und weil wir bekanntlich ja gerne leckere Dinge mit schönen Erinnerungen verknüpfen, heißt das kleine Unternehmen von Huguette eben wie eine Bushaltestelle irgendwo in den unendlichen Weiten Kameruns. Eventköchin ist sie und kocht, wie heute Abend, in den Küchen ihrer Gäste Gerichte aus ihrer Heimat in Westafrika.

„Wenn wir Kinder bei den Großeltern ankamen“, erzählt sie und setzt sich zwischen den Gängen eine Viertelstunde zu uns, „dann durften wir gerade mal auspacken und dann mussten wir alle Omas im Dorf begrüßen gehen. Eine nach der anderen. Und überall gab’s was zu essen.“ Bei dieser Vorstellung werde ich ganz unruhig und frage mich insgeheim, was so ein Flug nach Kamerun kosten könnte und ob Huguette wohl sein freundlich sein würde, mich einmal mitzunehmen … Wir müssen an diesem Abend aber keine Runde drehen, sondern bekommen insgesamt vier verschiedene Gänge an den Tisch gebracht. Auch wenn das in Kamerun nicht unbedingt üblich ist, wo alles gleichzeitig auf den Tisch gestellt wird und man sich nimmt, worauf man gerade Lust hat. Ich selber pendele als Gastgeber aber zwischen Esstisch und Küche, um auch ein bisschen von der Zubereitung mitzubekommen.

Accra de Poulet, Aachen, Januar 2015

Accra de Poulet, Aachen, Januar 2015

Huguette nimmt eine Handvoll zähflüssigen Teig und lässt mit geschickten fließenden Bewegungen kleine Kugeln in das heiße Fett gleiten. Kurze Zeit später sitzt die Familie etwas gespannt um den fertigen Teller mit Accra de poulet, die in eine scharfe Pfeffersoße getaucht werden. Plötzlich bricht das Eis und auch der zweite Teller ist sofort gelehrt. Erst am nächsten Morgen wird mir so richtig klar, dass das Afrika-Bild der Generation meiner Eltern ein ganz anderes ist als das meine. Dass ihnen nach meiner Ankündigung, dass eine Köchin aus Kamerun uns an meinem Geburtstag bekochen wird, vermutlich sämtliche Klischees aus dem Katechismusunterricht durch den Kopf gegangen sein müssen, hatte ich nicht bedacht. Die Tatsache, dass Huguette seit 18 Jahren in Deutschland ist und mit Yaoundé aus einer Stadt kommt, die etwa so groß ist wie Berlin, blieb daher unerwähnt. An diesem Abend aber gibt es – auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass abseits der Einteilung in einzelne Gänge allzuviele Konzessionen an den deutschen Geschmack gemacht werden – kein Bushmeat, sondern Gerichte, die auch bei den zunächst skeptischen Senioren auf große Begeisterung stoßen.

Einen Salade royale tropicale mit Avocado, Ananas und Grapefruit zum Beispiel oder die Hauptspeise Ndolé zum Beispiel. Die Vorspeise nicht so ungewöhnlich, das Hauptgericht mit seinem mehrfach gekochten und gewaschenen Bittergemüse, Rindfleisch, Garnelen und gekochtem Erdnussmus hingegen schon fremder.

Ndolé mit Maniok und Kochbanane, Aachen, Januar 2015

Ndolé mit Maniok und Kochbanane, Aachen, Januar 2015

„Das ist unser Nationalgericht“, sagt Huguette, schlägt ihr großes Messer in das Stück Maniok in der linken Hand und trennt die braune Schale vom strahlendweißen Inneren der Wurzel. „Ndolé kommt eigentlich von der Küste, aber man ist es jetzt im ganzen Land.“ Sie hält mir das Maniok-Stück unter die Nase. „Muss man sorgfältig schälen und kochen“, sagt sie, „die Schale ist giftig.“ „Sieht aus wie Grünkohl“, sagt meine Schwiegermutter als die Schüsseln auf dem Tisch stehen und ich jedem eine Portion auftue. Der leicht bittere Geschmack des Gemüses, die kartoffelartigen Maniokstücke und die fruchtigen Kochbananen ergeben nicht nur ein optisch stimmiges Bild.

„So langsam werden wir müde“, flüstern mir meine Eltern zu, als Huguette sich nach dem Hauptgang wieder in der Küche an die Arbeit macht. Als sie mit zwei Tarte Tatin Banane zurückkommt, isst aber sogar meine Mutter, die sich bekanntermaßen nichts aus Nachspeisen macht, noch ein Stück. Ein paar Stunden später liege ich wohlig gesättigt im Bett und denke an die Bushaltestelle im Westen Kameruns, die jetzt nicht nur eine schöne Erinnerung für Huguette sondern auch für mich ist.

http://www.ndouzemvillage.de