Tag Archives: kalter hund

miniportion 237: teewurst

18 Sep
Wurstteller zum Tee ohne Teewurst, Aachen 2010

Wurstteller zum Tee ohne Teewurst, Aachen 2010

„Teewurst hat meine Schwester immer gegessen“, sagt der R. der Galerist, „ich hab die nie gemocht.“ Obwohl es um durchaus ernst zu nehmende kulinarische Fragen geht, könnte die Konversation nicht weiter von dem entfernt sein, was den zehn Kulturschaffenden an diesem Abend im Rahmen eines Kreativ-Diners von zwei Köchen in einer leerstehenden Fabrikhalle vorgesetzt wird. Mit schwarzen Gummihandschuhen an den Händen räumen sie gerade die ersten Vorspeisenteller ab – Kürbisgazpacho mit Lachstartar – während ein Teil der Gäste sich über Zu- und Abneigung zu Schmierwurst unterhält. R., der Musiker, stammt aus Italien und weiß mit dem Phänomen Teewurst nichts rechtes anzufangen. R., der Galerist und J. die kulturwirtschaftliche Netzwerkerin versuchen, ihm eine Wurst zu beschreiben, die so gar nichts mit ihrer Bezeichnung zu tun hat und deren etymologische Herkunft vermutlich für immer im Dunkeln bleiben wird. „Eine fast scharfe Wurst“, erklären sie, „die man auf dem Butterbrot isst.“ „Aha“, sagt R. der Musiker etwas zaghaft und scheint froh zu sein, als mit gegrillten Gambas auf Ratatouille zumindest auf dem Teller ein Wiedererkennungseffekt eintritt.

„Welche Lebensmittel vermisst Du hier in Deutschland am meisten“, frage ich ihn. „Viele“, antwortet er umgehend, „aber vor allem die Art und Weise wie man sie isst.“ Wir sprechen eine Weile über die Lebensmittelpreise in Deutschland, die Wertigkeit von Essen und Trinken und ein Rezept für Lammfleisch und Kartoffeln aus seiner Heimat Die beiden Köche servieren kleine Nachtischhäppchen auf einer Schieferplatte. Süßes Sushi mit Wassermelone, ein Amarettini-Flan und eine dünne Scheibe Kalten Hund. „Das ist auch sehr deutsch“, erläutere ich meinem Nebenmann, „nennt man auch Kalte Schnauze.“ Tapfer probiert er die Schokoladen-Keks-Masse. „Schmeckt gut“, befindet er, „bei uns in Italien gibt es so etwas ähnliches, das nennt sich Salame di Cioccolato.“ Letztendlich alles Wurst eben.

miniportion 089: kalter hund

20 Apr
Kalter Hund goes Nutella, Berlin 2010

Kalter Hund goes Nutella, Berlin 2010

Zum Geburtstag gibt es von meinen Eltern einen Kuchen nach Wahl. Das ist so, seit ich mich erinnern kann und stellt eine familieninterne Tradition dar, die unbedingt eingehalten werden muss. Seit einigen Jahren handelt es sich dabei um einen runden Nusskuchen mit Schokoladenüberzug, der meist von meinem Vater hergestellt wird. Früher gab es da selbstverständlich mehr Variation, aber im Alter – das betrifft beide Seiten – beschränkt man sich ja gerne auf das bereits Bekannte.

Mein jahrelanger Favorit war aber Kalter Hund, bestehend aus Butterkeksen und kakaohaltiger Fettmasse. Kalter Hund hieß, wenn meine Mutter besonders gut gelaunt war, auch Kalte Schnauze. Das allein fand ich schon unglaublich komisch. Hinzu kam natürlich der Geschmack – nicht nur als Erwachsene haben wir eine Vorliebe für fette Lebensmittel – sondern auch die Tatsache, dass es sich hier um einen Kuchen handelte, der nicht gebacken sondern geschichtet wurde und den letzten Schliff im Kühlschrank bekam. Heute gibt es diverse Backmischungen „ohne backen“, aber damals war das irgendwie noch etwas Besonderes. Noch viel aufregender fand ich aber die Tatsache, dass der Mischung aus Kokosfett, Zucker und Kakao eine gewisse Menge Instantkaffee zugefügt wurde. Heute würde man vermutlich einen Tasse Nespresso nehmen, aber den gab es ja damals noch nicht. Der Instantkaffee verbrachte übrigens den Rest des Jahres wartend im Küchenschrank. Getrunken wurde schon damals nämlich fair gehandelter Kaffee aus Guatemala, der über die Mitgliedschaft in einer ökumenischen Basisgemeinde bezogen wurde. So war das in den 80er Jahren – da wohnten ethische Grundüberzeugungen und konsumistische Bequemlichkeit Tür an Tür. Irgendwann stellte ich meine Kuchenbestellung dann auf andere Modelle um. Vermutlich fand ich Kalten Hund zu kindlich. Mit Überzeugungen hatte das in jedem Fall nichts zu tun – im Nusskuchen ist nämlich Rumaroma.