miniportion 238: falafel

Falafel am Tag des guten Lebens, Köln 2013

Falafel am Tag des guten Lebens, Köln 2013

Von ihren Israel-Reisen in den 1980er Jahren brachte meine Mutter stets auch essbare Souvenirs mit. Einmal eine beeindruckend große, grüngelbe und birnenförmige Frucht, die vor allem aus Schale bestand und heute als Pomelo in gut sortierten Supermärkten zum Standardsortiment gehört. Ein anderes Mal brachte sie einen Löffel mit, mit dem man Kichererbsenbrei in Form bringt, bevor er zu Falafel frittiert wird. Dieses einfache Gerät aus Metall, mit dem man mittels einer integrierten Feder ganz unproblematisch gleichförmige Portionen ins heiße Fett geben kann, kam meines Wissens aber nie zum Einsatz. Zum einen, weil der Rest der Familie nicht annähernd so Israel-begeistert war wie meine Mutter, zum anderen, weil frittierte Speisen als sehr arbeitsaufwändig galten. Ohne Zweifel befindet es sich allerdings noch heute irgendwo in der Erbmasse.

Rund 30 Jahre später besuche ich den „Tag des guten Lebens“ in Köln-Ehrenfeld. Alles steht im Zeichen der urbanen Nachhaltigkeit. Schräg gegenüber der Kreuzung, an der ab 17 Uhr Walzer getanzt werden wird, stehe ich am Tisch von zwei jungen Leuten, die auf einem Gaskocher Falafel frittieren. Ob sie Israel-begeistert sind, weiß man nicht so genau, der junge Mann heißt Mahmoud und scheint den erwähnten Arbeitsaufwand nicht zu scheuen. Während seine Geschäftspartnerin die Falafel mit der Hand formt und dann frittiert, rollt er mit stoischer Ruhe dünnes Fladenbrot, klein geschnittenene Essiggurken und Peperoni, mit Sesamsoße und für die, die mögen, auch ein bisschen scharfem Gewürz. Das Ergebnis verteilt er in einer Butterbrottüte an die Anwesenden. Ein älterer Mann, von dem ich bezweifeln würde, dass er je zuvor schon Falafel gekostet hat, fragt die beiden, was eine Portion kosten würde. „Nichts“, antwortet die junge Frau, „das gibt es heute einfach so.“ „Haben Sie denn eine Spendenbox?“, fragt der Mann. „Nein“, antwortet sie, „kostet heute einfach mal nichts.“

So geht das mit dem guten Leben.

miniportion 184: wassermelone

Costa de Almeria, Aachen 2013

Costa de Almeria, Aachen 2013

Obst war in meiner Familie mitunter auch politisch besetzt. Ich erinnere mich beispielsweise gut an einen Besuch der Obstabteilung des örtlichen Supermarktes, in dem meine Mutter uns erklärte, warum es nicht opportun sei, Trauben aus Südafrika zu kaufen. Gegenwärtig isst meine Mutter keinen Mais, weil sie fürchtet, es könne genmanipuliertes Gemüse darunter sein. Wobei die Chance auf ein Gericht mit Mais im familieninternen Speiseplan auch vorher schon gegen Null strebte. Aber Prinzip ist Prinzip.

Ich selbst aß als Heranwachsender eine Zeit lang keine Wassermelonen. Auch hier war – zumindest vorgeblich – die Agrartechnologie im Spiel. Ich hatte nämlich irgendwo einmal gelesen, dass es israelischen Züchtern gelungen sei, den Melonen die Kerne weg zu züchten. Das fand ich skandalös, auch wenn sich dahinter vermutlich eher ein stiller Protest gegen die bedingungslose Israel-Faszination meiner Mutter (mit Ausnahme des Umgangs mit den Palästinensern!) verbarg. Lange habe ich diesen Boykott übrigens auch nicht durchgezogen – vielleicht weil meine Schwester anfing, diverse Obstkerne zu sammeln, um daraus hübsche Ketten zu basteln. Diese politisch korrekte Tätigkeit setzte ja den Konsum von kernhaltigen, also nach meinen Berechnungen nicht-israelischen, Melonen voraus. Ansonsten aß ich die Kerne für gewöhnlich aus reiner Bequemlichkeit einfach mit.

Ein paar Jahre nach diesem viel zu früh erloschenen Do-it-yourself-Trend weilte ich mit meiner Großmutter und diversen anderen Familienmitgliedern auf einem italienischen Landsitz in der Nähe von Rom. Die Kerne der am Straßenrand gekauften Honigmelone entsorgte ich kurzerhand im Waschbecken, wo sie nach ein paar Tagen zu keimen begannen und den Abfluss verstopften. Wer denn so etwas mache, wollte der erboste Hausmeister wissen. „Verstehe ich auch nicht“, sagte ich schulterzuckend und stellte mich unschuldig. Wo man doch so schönen Schmuck daraus fertigen könnte.