ethnografische notizen 250: Heiligmittag

Hühnersuppe mit Einlage, Heiligmittag 2019

Hühnersuppe mit Einlage, Heiligmittag 2019

In diesem Jahr ist alles anders und trotzdem muss es so bleiben, wie es immer war. Die Tatsache, dass ein Familienmitglied fehlt ist eine Sache, die Tatsache, dass die meisten der familiären Traditionen über all die Jahre von diesem einen Menschen installiert und instandgehalten wurden, verkompliziert die Angelegenheit nicht unwesentlich. Weiterlesen

miniportion 216: backerbse

Backerbsen, Mützenich 2005

Backerbsen, Mützenich 2005

Backerbsen, also in heißem Fett ausgebackene Teigtropfen, scheinen ein Phänomen zu sein, welches laut Wikipedia „eine typische Suppeneinlage der Regionalküchen im mitteleuropäischen Raum“ darstellt. Schwammiger kann man’s wohl nicht formulieren. Die Suppeneinlage mit Ursprung in Vorarlberg scheint jedoch strikt auf den deutschsprachigen Raum Europas beschränkt zu sein. Auch nach gründlicher Recherche fand ich im Internet mit „fried batter pearls“ nur eine einzige Übersetzung, die zudem eher umständlich-beschreibend und nicht nach sentimentalen Kindheitserinnerungen klingt.

Backerbsen verbinde ich persönlich nämlich zum einen mit einem Ort und zum anderem einem Datum. Das eine hat dabei aber nichts mit dem anderen zu tun. Bei dem Ort handelte es sich um das Brotfach in der Resopalküche meiner Großmutter väterlicherseits, in dem eben nicht nur Brot, sondern aus unerfindlichen Gründen auch die Maggiflasche und ein Vorrat an Backerbsen aufbewahrt wurden. Vielleicht befand sich beides auch in unterschiedlichen Fächern und ich werfe da im gegenwärtigen Lebenszeitalter etwas durcheinander. In diesem Fall müssen wir leider warten, bis im hohen Alter auch die Details der frühen Kindheit wieder ins Gedächtnis zurückkehren. In jedem Fall hat die Brotlade einen faszinierenden Magnetverschluss und in jedem Fall aß ich, wenn niemand hinschaute, gerne einige Backerbsen mit ein paar Tropfen Maggiwürze. Einfach so, auch wenn ich natürlich die dazugehörige Suppe nicht abgelehnt hätte. Ich war schließlich ein hungriges Kind. Die Suppe gab es – und damit kommen wir zum angekündigten Datum – immer am 24. Dezember. Oder an Heilig Früh, wie das im Familien-Jargon hieß. Dann nämlich war das Suppenhuhn für die Königinnenpastetchen am Heiligen Abend ausgekocht und die feste Speisenabfolge der Weihnachtstage begann mit einer kräftigen Hühnersuppe mit Markklößchen und Backerbsen. Ich hätte die Backerbsen aber auch so gegessen. Mit ein paar Tropfen Maggiwürze vielleicht.

miniportion 014: hühnersuppe

Hühnersuppe von der Schwiegermutter, Aachen 2013

Hühnersuppe von der Schwiegermutter, Aachen 2013

Im Wikipedia-Eintrag zum Stichwort „Hühnersuppe“ findet sich der hübsche Satz: „Hühnersuppe gilt als klassische Nahrung für Genesende.“ Bei uns zuhause hingegen gab es Hühnersuppe ganz klassisch am Heiligen Mittag, weil es nämlich abends jedes Jahr ganz klassisch Ragout fin im Pastetchen gab. Gerichte mit gekochtem Hühnerfleisch haben nun einmal den Vorteil, dass sie bereits auf dem Weg dahin mit nur wenig Mühe ein weiteres Produkt abwerfen. Ansonsten gab es Hühnersuppe nicht besonders oft. Manchmal, an besonders heimeligen Abenden, gab es Tiefkühl-Bihun-Suppe zum Abendbrot. Die hat aber in erster Linie nichts mit Huhn zu tun – auch wenn zumeist welches drin ist – sondern vielmehr mit dem indonesischen Wort für Reisnudel – bihun. Um herauszufinden, dass es sich bei dem im Supermarkt erhältlichen Fertiggericht um eine deutsche Erfindung handelt, musste ich übrigens erst 38 Jahre alt werden.

Ebenfalls vergleichsweise spät fand ich zu eigenen Herstellung von Hühnersuppe – in einem meiner beiden Berliner Winter, die mit dauerhaften Temperaturen unter -15 Grad sowohl größere Mengen Soulfood als auch Hausmittelchen zur Erkältungsprävention erforderten. In Ermangelung eines Suppenhuhns erstand ich in meiner Neuköllner Kauflandfiliale einen „Broiler“. „Das schmeckt doch nicht“, sagte meine Mutter am Telefon, „so ein Suppenhuhn hat doch ganz anderes Fett.“ Da hat sie recht, vor allem mehr Fett hat so ein Suppenhuhn. Die Suppe war trotzdem lecker, ich zumindest von innen wohlig warm und krank geworden bin ich, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht.

Anders als in diesem Winter. Als noch nicht wirklich Genesender verzichte ich auf die Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter. „Bring mir was leckeres mit“, erinnere ich meinen Mann per SMS gegen Abend. „Von Mutti für Dich“, sagt er als er nach hause kommt und drückt mir einen Tupperdose in die Hand. Am effektivsten – sowohl in der emotionalen als auch der physischen Prävention – ist Hühnersuppe dann, wenn man sie nicht selbst kochen muss.