Tag Archives: hühnersuppe

ethnografische notizen 250: Heiligmittag

24 Dez
Hühnersuppe mit Einlage, Heiligmittag 2019

Hühnersuppe mit Einlage, Heiligmittag 2019

In diesem Jahr ist alles anders und trotzdem muss es so bleiben, wie es immer war. Die Tatsache, dass ein Familienmitglied fehlt ist eine Sache, die Tatsache, dass die meisten der familiären Traditionen über all die Jahre von diesem einen Menschen installiert und instandgehalten wurden, verkompliziert die Angelegenheit nicht unwesentlich. Jetzt sind wir dran, die beiden Kinder und der Ehemann.

Alles wie immer, einmal das volle Programm, so lautet die Küchenplanung für Heiligabend und den ersten Weihnachtsfeiertag. So einiges hatte sich allerdings in den letzten Jahren aufgrund des erhöhten Alters und der zunehmenden Demenz meiner Mutter schon mehr oder weniger verabschiedet: kein Stollen mehr, kein Quittenbrot, kein Adventskalender. Aber die großen Klassiker müssen schon sein, befinden wir Kinder: sprich Königinnenpastetchen am Heiligen Abend und ein Truthahn aus dem Römertopf am ersten Feiertag.

Wir suchen noch nach ein paar zusätzlichen Rezepten für Gebäck, alkoholische Getränke und Nachtische und mailen meinem Vater schließlich eine ausführliche Einkaufsliste (die er nicht einfach ausdruckt, sondern mit seiner kleinen Handschrift auf einen quadratischen Zettel überträgt). Im Gegenzug übernehme ich die Abholung des vorbestellten Geflügels aus biologischer Erzeugung (1 x Suppenhuhn, 1 x Puter) in der Stadt.

Eigentlich ein einfaches Projekt, wären da nicht widrige Umstände spätkapitalistischen Überflusses – zum einen der verunglückte Müllwagen auf der Wilhemstraße, zum anderen die deutschlandweite Störung im elektronischen Zahlungsverkehrs, die mich an der Kasse des Bio-Supermarkts erwischt. „Sie können eine Bonrückstellung machen und dann Bargeld holen gehen“, sagt die freundliche Filialleiterin. Ich nicke und reiche ihr die beiden Tiere in der schweren Papiertüte. „Oh“, sagt sie überrascht. „Ja“, antworte ich, „wäre schlecht, wenn wir das nicht hinbekommen.“ Letztendlich bekomme ich die Tiere ausgelöst und fahre hoch in die Eifel, wo ich meinen Vater beim Einkauf von ein paar vermeintlich letzten Sachen begleite und gegen seinen Willen (auch das eine alte Tradition) den Kauf eines Weihnachtsbaums durchsetze.

In der heiligen Früh fährt der Vater dann doch noch einmal ein paar allerletzte Sachen einkaufen und wir geben ihm noch ein paar zusätzliche Aufträge mit auf den Weg. Mittags wird es – wie immer – Hühnersuppe geben und ich bitte um ein Bund Frühlingszwiebeln. „Was?“, fragt mein Vater etwas ratlos. Eigentlich kann er ganz gut kochen, aber alles, was er nicht regelmäßig kauft, kommt im Einkaufsuniversum nicht vor. „Warte“, sagt meine Schwester, „ich zeige dir ein Bild.“ Er betrachtet das Google-Ergebnis eingehend und befindet, dass es keinen Unterschied zum Porree sehen kann.

Gegen Mittag kümmere ich mich um die Suppe. Und weil noch ein bisschen Zeit ist und weil ich’s einfach kann, beschließe ich, die Bouillon zu klären. „Was?“, sagt mein Vater, „das hat eure Mutter aber nie gemacht.“ Es gelingt mir aber, ihn durch eine geschickte Erklärung der biochemischen Prozesse auf meine Seite zu ziehen, auch wenn ich die Bedenken, dass mit den Schwebstoffen auch der Geschmack der Suppe entfernt werden könnte, nicht ganz ausräumen kann.

Wir decken den Tisch – mit dem einfachen, getöpferten Alltagsgeschirr aus Frankreich. „Weißt du was“, sage ich, „wir geben uns heute mal so richtig Mühe.“ In der Speisekammer finde ich eine große Suppenterrine und im Küchenschrank die dazugehörigen Suppenteller – Dekor Alt Straßburg von Villeroy & Boch. Und weil er zugeben muss, dass meine Mutter das Geschirr besonders mochte, kommt nur ein bisschen Gegenwehr. „Wir können doch den Kessel einfach auf den Tisch stellen“, sagt er zögerlich, als ich die Terrine vorwärme, „das tut es doch auch.“ Ich gebe nicht nach und als die geklärte Suppe mit einer Einlage aus Nudeln, Möhren, Hühnerfleisch und Eierstich in den Tellern ist, sind alle sichtlich zufrieden und sogar ich schaffe es, das reflexartige Würzen mit Maggi unkommentiert zu lassen. Das hätte meine Mutter nämlich auch so gemacht.

miniportion 216: backerbse

25 Aug
Backerbsen, Mützenich 2005

Backerbsen, Mützenich 2005

Backerbsen, also in heißem Fett ausgebackene Teigtropfen, scheinen ein Phänomen zu sein, welches laut Wikipedia „eine typische Suppeneinlage der Regionalküchen im mitteleuropäischen Raum“ darstellt. Schwammiger kann man’s wohl nicht formulieren. Die Suppeneinlage mit Ursprung in Vorarlberg scheint jedoch strikt auf den deutschsprachigen Raum Europas beschränkt zu sein. Auch nach gründlicher Recherche fand ich im Internet mit „fried batter pearls“ nur eine einzige Übersetzung, die zudem eher umständlich-beschreibend und nicht nach sentimentalen Kindheitserinnerungen klingt.

Backerbsen verbinde ich persönlich nämlich zum einen mit einem Ort und zum anderem einem Datum. Das eine hat dabei aber nichts mit dem anderen zu tun. Bei dem Ort handelte es sich um das Brotfach in der Resopalküche meiner Großmutter väterlicherseits, in dem eben nicht nur Brot, sondern aus unerfindlichen Gründen auch die Maggiflasche und ein Vorrat an Backerbsen aufbewahrt wurden. Vielleicht befand sich beides auch in unterschiedlichen Fächern und ich werfe da im gegenwärtigen Lebenszeitalter etwas durcheinander. In diesem Fall müssen wir leider warten, bis im hohen Alter auch die Details der frühen Kindheit wieder ins Gedächtnis zurückkehren. In jedem Fall hat die Brotlade einen faszinierenden Magnetverschluss und in jedem Fall aß ich, wenn niemand hinschaute, gerne einige Backerbsen mit ein paar Tropfen Maggiwürze. Einfach so, auch wenn ich natürlich die dazugehörige Suppe nicht abgelehnt hätte. Ich war schließlich ein hungriges Kind. Die Suppe gab es – und damit kommen wir zum angekündigten Datum – immer am 24. Dezember. Oder an Heilig Früh, wie das im Familien-Jargon hieß. Dann nämlich war das Suppenhuhn für die Königinnenpastetchen am Heiligen Abend ausgekocht und die feste Speisenabfolge der Weihnachtstage begann mit einer kräftigen Hühnersuppe mit Markklößchen und Backerbsen. Ich hätte die Backerbsen aber auch so gegessen. Mit ein paar Tropfen Maggiwürze vielleicht.

miniportion 014: hühnersuppe

4 Feb
Hühnersuppe von der Schwiegermutter, Aachen 2013

Hühnersuppe von der Schwiegermutter, Aachen 2013

Im Wikipedia-Eintrag zum Stichwort „Hühnersuppe“ findet sich der hübsche Satz: „Hühnersuppe gilt als klassische Nahrung für Genesende.“ Bei uns zuhause hingegen gab es Hühnersuppe ganz klassisch am Heiligen Mittag, weil es nämlich abends jedes Jahr ganz klassisch Ragout fin im Pastetchen gab. Gerichte mit gekochtem Hühnerfleisch haben nun einmal den Vorteil, dass sie bereits auf dem Weg dahin mit nur wenig Mühe ein weiteres Produkt abwerfen. Ansonsten gab es Hühnersuppe nicht besonders oft. Manchmal, an besonders heimeligen Abenden, gab es Tiefkühl-Bihun-Suppe zum Abendbrot. Die hat aber in erster Linie nichts mit Huhn zu tun – auch wenn zumeist welches drin ist – sondern vielmehr mit dem indonesischen Wort für Reisnudel – bihun. Um herauszufinden, dass es sich bei dem im Supermarkt erhältlichen Fertiggericht um eine deutsche Erfindung handelt, musste ich übrigens erst 38 Jahre alt werden.

Ebenfalls vergleichsweise spät fand ich zu eigenen Herstellung von Hühnersuppe – in einem meiner beiden Berliner Winter, die mit dauerhaften Temperaturen unter -15 Grad sowohl größere Mengen Soulfood als auch Hausmittelchen zur Erkältungsprävention erforderten. In Ermangelung eines Suppenhuhns erstand ich in meiner Neuköllner Kauflandfiliale einen „Broiler“. „Das schmeckt doch nicht“, sagte meine Mutter am Telefon, „so ein Suppenhuhn hat doch ganz anderes Fett.“ Da hat sie recht, vor allem mehr Fett hat so ein Suppenhuhn. Die Suppe war trotzdem lecker, ich zumindest von innen wohlig warm und krank geworden bin ich, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht.

Anders als in diesem Winter. Als noch nicht wirklich Genesender verzichte ich auf die Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter. „Bring mir was leckeres mit“, erinnere ich meinen Mann per SMS gegen Abend. „Von Mutti für Dich“, sagt er als er nach hause kommt und drückt mir einen Tupperdose in die Hand. Am effektivsten – sowohl in der emotionalen als auch der physischen Prävention – ist Hühnersuppe dann, wenn man sie nicht selbst kochen muss.