Tag Archives: honig

Kas|sen|zet|tel 008

27 Jan

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Penny, Eigelstein, Köln 2016

Penny, Eigelstein, Köln 2016

Durch die große Halle des Kölner Hauptbahnhofs läuft ein rothaariger, bärtiger Obdachloser, in der Hand mehrere Plastiktüten. Auf einer von ihnen steht in weißen Buchstaben auf rotem Grund: „Erst mal zu Penny.“ Weiterlesen

miniportion 277: sanddorn

29 Okt
Sanddorn im Park, Berlin 2008

Sanddorn im Park, Berlin 2008

Auf meiner morgendlichen Joggingrunde kam ich in Berlin zwei Jahre lang an einem Sanddornstrauch vorbei. Seit Kindertagen erfreut sich diese Pflanze meiner tiefen Zuneigung. Vermutlich weil die von meinem Vater gelegentlich zubereitete Sanddornmilch aus Milch und einer Sanddorn-Orangen-Fruchtzubereitung der Firma Schneekoppe immer einen besonderen Moment kennzeichnete. Da konnte die an anderer Stelle beschriebene Bananenmilch einpacken. Sanddorn war nämlich sehr viel exotischer als Bananen, weil man die Frucht an sich so gut wie nie zu Gesicht bekam. Ein anderes Sanddornprodukt mit einer gewissen Aura waren die Fruchtschnitten, die aus dem Reformhaus stammend, bei längeren Fahrten zusammen mit Trinktütchen aus dem Cockpit nach hinten verteilt wurden. Meine verhaltene Sanddorn-Obsession ging sogar so weit, dass ich auf meiner ersten Klassenfahrt auf der weiterführenden Schule nach Gerolstein in der Vulkaneifel einen nicht unbeträchtlichen Teil meines mitgebrachten Taschengelds im örtlichen Reformhaus in ein Sanddornhonig-Gemisch als Mitbringsel für meine Eltern investierte.

Jahre später, in der Hauptstadt, beobachtete ich die Reifung der Sanddornbeeren und beschloss eines Tages mich nach der Arbeit noch einmal in den Park zu begeben, um die Ernte einzufahren. Dieses Vorhaben erwies sich jedoch aufgrund der dornigen Beschaffenheit von Hippophae rhamnoides als ziemlich schwierig, so dass ich mir unter der Beobachtung einiger Obdachloser auf einer Parkbank die Arme zerkratzte. Aus Gründen der Effizienz schnitt ich daher mit einer mitgebrachten Schere einige besonders üppige Zweige zur häuslichen Verarbeitung ab. Dort allerdings erging es mir nicht besser. Die überreifen Beeren zerplatzten bei der geringsten Berührung in grellorangefarbenen Fruchtbrei, der sich unappetitlich mit diversen Spinnen und Insekten mischte. Seitdem gebe ich doch lieber wieder einen beträchtlichen Teil meines Taschengelds für fertige Produkte aus.

miniportion 074: bienenhonig

5 Apr
Flotte Biene „old school“ in Troyes/Frankreich, 2012

Flotte Biene „old school“ in Troyes/Frankreich, 2012

In meiner Sammlung befindet sich ein altes Honigglas, in dem meine Großmutter mütterlicherseits einst Perlen und anderen Handarbeitskram aufbewahrte. Ein sehr schlichtes, farbloses Glas mit einem Schraubdeckel aus Metall in Wabenstruktur. Durch die gerade Form des Behältnisses, könnte man es (wenn man statt dem enthaltenen Nippes wieder Honig einfüllen würde) mühelos bis auf den letzten Rest leeren. Eine Eigenschaft, die man den meisten Marmeladen- und Nußnougatcremegläsern nicht zusprechen kann. Da muss man sich mit kleinen und kleinsten Löffelchen mühen, um das Glas wenigstens annähernd leer aussehen zu lassen und ist danach meist auch noch total verschmiert. Profitieren die Produzenten eigentlich wirklich davon, wenn sie die Kunden zwingen, möglichst viel Produkt in verstecken Ecken und hinter unnötigen Wülsten zurückzulassen? Oder ist dieses Ärgernis lediglich auf die Unkenntnis der Verpackungsdesigner zurückzuführen, die ein möglichst schönes Marmeladenglas entwerfen wollen und sich weder von Fabrikanten noch von erbosten Kunden und Kundinnen in ihre ästhetischen Prinzipien hineinreden lassen wollen?

Die Honigindustrie trägt dem Wunsch nach Nachhaltigkeit und restloser Ausbeute des gekauften Produktes ja schon seit Jahren in Form von auf dem Kopf stehenden, tropffreien Honigspendern Rechnung. Auf der anderen Seite sind genau die ein sicheres Anzeichen für einen mittelmäßigen, industriell verschnittenen Honig.  Bleibt also das Standardhonigglas vom Imker um die Ecke, das sich bis auf den Plastikdeckel kaum verändert hat. Dies sei über den Imkereifachhandel durchaus günstig zu beziehen, erklärte mir dereinst Imker N., den ich in Berlin-L. besuchte, um mir seine häusliche Honigproduktion erläutern zu lassen. Persönlich, so überraschte er mich anschließend, esse er eigentlich gar nicht so gerne Honig. Es sei vielmehr die Biene selbst, die die Faszination ausmache. So sind sie, die Biologen.

ethnografische notizen 028a: nelles ruppert, imker aus berlin

31 Mrz

 

LVR-Freilichtmuseum Kommern, 2005

Der Biologe Nelles Ruppert arbeitet als Fachreferent für Impfstoffe und als Hobbyimker. Bereits mit 12 Jahren lernte er das Handwerk, bekam seine ersten eigenen Bienen und durfte sich bald als der jüngste Imker Berlins bezeichnen. Heute nennt er acht Völker seine eigen, die im Ortsteil Lichtenrade im Süden der Stadt jedes Jahr rund 300 Kilogramm Honig produzieren.

 

Nelles, wie bist du zum Imker geworden?

Der Vater eines Kindergartenfreundes ist Imker und als ich in der siebten Klasse war, hat er mich bei der Arbeit zuschauen lassen. Nach einem Jahr wollte ich meine eigenen Bienen haben.

Du hast dich ja schnell professionalisiert.

Ja, ich haben von ein paar alten Imkern zwei, drei Kästen übernommen und im Garten meiner Schule in Marienfelde aufgestellt. Da habe ich meine Völker dann bis zur 13. Klasse gehalten. Da hatte ich dann zehn oder elf Völker.

Also auch ein glückliches Händchen?

Eher ein großes Interesse an der Biene, der Honig lief erst einmal nur nebenher.

Wie viel Honig produzierst du im Jahr?
Das ist sehr unterschiedlich, weil meine Völkerzahl nicht konstant ist. Im letzten Jahr waren es rund 300 Kilo.

Wie viel Arbeitszeit bedeutet das?

Auch das ist schwer zu sagen. Ich schleudere nur zwei Mal im Jahr. Einmal, wenn die Robinie aufhört zu blühen und die Linde beginnt – das ist meine Frühtracht. Und dann noch einmal, nachdem die Linde geblüht hat. Da sind zwei Tage an denen ich mit der Hilfe von fünf oder sechs Leuten von morgens bis abends beschäftigt bin.

Was genau machst du dann?

Ich hole die Waben aus den Stöcken. Der Honig wird dann geschleudert und läuft durch verschiedene Siebe. Am Ende muss dann alles gereinigt werden – das dauert eben den ganzen Tag. Letztendlich hat man aber das ganze Jahr über Arbeit.

Was machst du mit dem Honig?

Den verkaufe ich und verschenke aber auch viel. Das ist eine sehr praktische Sache. Ein Glas Honig als Geschenk steht nicht blöd rum sondern wird verbraucht. Außerdem ist es ein Naturprodukt. Ich mache ihn zwar nicht selber – das tun die Bienen – aber er ist von mir selbst geerntet.

Kannst du dich noch an deine erste Ernte erinnern?

Das war ein ganz fantastisches Gefühl. Ich war sehr stolz, weil es gleich 20 oder 30 Kilo gewesen waren.

Und hast Du dieses Gefühl jetzt auch noch, wenn Du geerntet hast?

Schon. Dieses Jahr hatte ich eine ganze Menge Honig. Dann sehe ich halt die ganzen Töpfe und denke, was das für eine Wahnsinnsleistung der Bienen ist, das alles zu sammeln.

Was zeichnet Deine Bienen aus?

Sie sind, wie die Berliner Bienen im Allgemeinen, ziemlich sanftmütig. Die Imker hier in Berlin achten darauf, eine wenig aggressive Biene zu züchten.

Und was sagt man über den Berliner Honig?

Wahrscheinlich erzählen die Imker in Bayern, ihr Honig sei der Beste. Ich behaupte das jetzt mal von Berlin – darf ich auch als lokaler Imker. Der Berliner Honig ist sehr hochwertig, weil er sehr wenige Rückstände hat.

Schmeckt der eigentlich immer gleich?

Nein, die Blütensituation ist ja nie exakt dieselbe. Manchmal wird es ja im Frühling schlagartig warm, alle Knospen gehen auf und verblühen ganz schnell. Freunde von mir sagen aber, dass mein Honig einen sehr typischen Geschmack habe. Das liegt daran, dass der Standort derselbe bleibt und das Pflanzenbild identisch ist.

Was sind denn die wichtigsten Futterpflanzen?

Im Frühjahr habe ich immer Robinie, aber natürlich sammeln die Bienen auch ganz viel Obstblüte. Der Sommerhonig ist schwerpunktmäßig Linde. Es gibt Imker aus dem Süden Deutschlands, die kommen mit ihren Bienen an die Stadtgrenze nach Berlin wenn die Linde blüht.

Warum das?

Man sagt, dass die Linde in anderen Gegenden nur alle sieben Jahre „honigt“. In Berlin haben wir aber ein Mikroklima – die Abwärme der Häuser, der Verkehr, 3,5 Millionen atmende Menschen, die auch wieder Feuchtigkeit abgegeben – das offensichtlich ideal ist. Deshalb haben wir eigentlich jedes Jahr Linde. Außer wenn es regnet, dann können die Bienen nicht fliegen. Wenn die Linde anfängt zu blühen und wir haben fast vier Wochen am Stück Dauerregen, dann ist die Ernte natürlich mies und schmeckt dann auch anders.