miniportion 223: holunder

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Roter Holunder, so dachten wir als Kinder, sei giftig. Und da man als Kind ja einen gewissen Sinn für Dramatik hat, dachten wir gerne, er sei tödlich giftig. Deshalb kochte ich mit einem anderen Jungen aus der Straße auf einem Esbit-Kocher im Hof ein tödliches Gift, das im Wesentlichen aus rotem Holunder und den Früchten der Eberesche bestand, aber nie zum Einsatz kam. Wir hatten ja auch kein Wikipedia, dort las ich nämlich erst Jahrzehnte später, dass lediglich der Verzehr von rohen roten Holunderfrüchten zu Brechdurchfall führen könne, sie im gekochten Zustand aber durchaus essbar seien. Schwarzer Holunder, den man normalerweise für Saft oder Gelee nimmt, kam in der Nordeifel nicht so häufig vor. Vielleicht fand ich ihn auch einfach weniger interessant, weil ihm nicht der Ruf vorauseilte, tödlich giftig zu sein.

Diese Sorte entdeckte ich nämlich erst mit meinem Umzug in die Hauptstadt für mich. Als ich einmal im Treptower Park mit Schere und Eimer unterwegs war, wurde ich von diversen Berliner Senioren und Seniorinnen angesprochen, die begeistert waren, dass ein (vergleichsweise) junger Mann, einer solchen Tätigkeit nachging. „Haben wir früher ja auch gemacht“, sagten die meisten von ihnen mit einem nostalgischen Gesichtsausdruck – ohne zu begründen, warum sie damit aufgehört hatten. Grundsätzlich gehörten aber sowieso fast ausschließlich Menschen mit türkischem Hintergrund zu denen, die man dort in Parks und anderen öffentlich zugänglichen Grünflächen bei der Ernte von irgendetwas beobachten konnte. Haselnüsse beispielsweise, Mirabellen und Pflaumen oder die Früchte der so weit im Norden eher selteneren Maronenbäume. Die mehr als reiche Holunderernte blieb jedoch mir allein überlassen, was vielleicht damit zusammenhängen mag, dass die hier vorkommende Art Sambucus Nigra im Mittelmeerraum nicht bekannt ist. Vielleicht gilt sie ja als giftig. An Gelee aus Rotem Holunder habe ich mich schließlich bislang auch noch nicht getraut.

miniportion 036: blutorange

Blutorangen – zum Verzehr geeignet, Aachen 2013

Blutorangen – zum Verzehr geeignet, Aachen 2013

Manche Badezimmer haben ja ein eher maritimes Styling. Bahama-beige war ja mal eine sehr beliebte Fliesenfarbe und auch Fische sind dort nach wie vor sehr häufig zu finden. Auf dem Duschvorhang beispielsweise oder als Window Color-Präsente am Fenster. In meinem Bad befindet sich hingegen hauptsächlich Obst und Gemüse, was daran liegt, dass die zuständige Naturkosmetikmarke ihre bunten Verpackungen mit hübschen vegetalen Bildern verziert. Ich nutze beispielsweise ein Duschgel der Kombination Bambus-Grapefruit, ein Haargel mit Zitronengras und weißem Tee und ein Deodorant mit Auszügen aus Salbei und Limette. Manchmal fühle ich mich aber auch von DM hinters Licht geführt, denn der Gesichtschaum Sensitiv mit Seidenproteinen und Arganöl riecht eindeutig nach Himbeeren. Aber das nur am Rande.

Am appetitlichsten finde ich aber die Körperbutter Blutorange/Holunder. Diese beiden Pflanzen haben so gar nichts miteinander zu tun, außer vielleicht, dass sie beide den Ruf haben, Erkältungskrankheiten vorzubeugen. Die Blutorange – Inkarnation der winterlichen Prophylaxe – verbinden wir natürlich aufgrund des hohen Vitamin C-Gehaltes mit Gesundheit. Vielleicht aber auch, weil wir die Herkunftsregion der Aranca Rossa di Sicilia IGP (wobei die Abkürzung IGP für Indicazione Geografica Protetta, also geschützte geografische Herkunftsangabe steht) gerne mit Sommer, Sonne und braungebrannten Menschen assoziieren und nicht mit Schneematsch, Winter und bleicher Haut. Die Färbung von Blutorangen entsteht aber durch die Anlagerung von Pigmenten in Folge von dauerhaft hohen Temperaturschwankungen. Von wegen heißes Sizilien! Diese sogenannten Anthocyane sind unter der Nummer E 316 als Lebensmittelzusatzstoff übrigens EU-weit zugelassen.

Das genannte Pflegeprodukt für trockene bis sehr trockene Haut gibt es übrigens auch in der Geschmacksrichtung Macadamianuss/Karitébutter. Die ist aber mehr was für gemütliche Tage. An denen rieche ich nach Pudding und nicht nach Limonade.