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miniportion 294: grünkohl

16 Nov
Schattenspender und Vitamin C-Lieferant, Bonn 2004

Schattenspender und Vitamin C-Lieferant, Bonn 2004

Es gibt lästerliche Personen, die behaupten, dass die höchste schattenspendende Pflanze des Kreises Heinsberg der Grünkohl sei. Man hört diesen Spruch gelegentlich aber auch in der Zuckerrübenversion, je nach Jahreszeit. Dabei muss sich der Kreis Heinsberg aus kulinarischer Perspektive keinesfalls verstecken. Hier wurde immerhin der Eierlikör erfunden, die sandigen Böden eignen sich zum Spargelbau, es gibt einen Schlemmermarkt mit überregionaler Strahlkraft und mit dem Wassenberger Sämling sogar eine eigene, ganz besondere Pfirsichsorte. Wer kann das schon bieten?

Und außerdem gehört der Grünkohl ja immerhin auch zu den Gemüsesorten, die sich in verschiedenen Regionen dieser Republik großer Beliebtheit erfreuen. In den benachbarten Niederlanden, mit denen der Kreis Heinsberg seine wenigen Bodenerhebungen teilt, heißt der Grünkohl übrigens „boerenkool“. In diesem Fall rührt sein Name also nicht von seiner Beschaffenheit und Farbe, sondern vermutlich von dem Personenkreis, der früher winterlang auf seinen Verzehr angewiesen war, wenn das platte Land in Eis und Schnee versank. Wie in Deutschland auch, gibt es nach dem ersten Frost auf den Feldern einen regelrechten Sturm auf die hochgewachsene Kohlsorte, die gekocht und mit Kartoffeln versehen zu einem appetitlichen Brei zerstampft wird. In Deutschland isst man, je nach Breitengrad, Pinkel oder Mettwurst dazu, in den Niederlanden, wie übrigens zu allen stamppot-Gerichten, eine ordentliche Gelderse Rookworst, entweder vom Metzger des Vertrauens oder der Kaufhauskette HEMA. Wie dem auch sei, grundsätzlich freut man sich – ob im Verein oder als Individuum – in beiden Ländern über die Ankunft des ersten Kohls auf dem Markt. Mit dem Grünkohl hat die Natur uns nämlich ein kleines Geschenk gemacht, reich an Vitamin C wird er mit dem ersten Frost genau dann erntereif, wenn aufgrund der permanenten Dunkelheit ohnehin keinen Bedarf an Schatten mehr besteht.

miniportion 230: kartoffeln

10 Sep
Einkellerkartoffeln nach rechts, Eupen 2013

Einkellerkartoffeln nach rechts, Eupen 2013

Kartoffeln kamen früher immer aus Heinsberg. Das ist die westlichste Kreisstadt der Bundesrepublik und für südlich von Aachen beheimatete Menschen unvorstellbar weit weg. In Heinsberg gibt es nach wie vor viele Kartoffeln und bald sogar wieder einen Bahnhof. Und außerdem Spargel und mit dem Wassenberger Sämling auch eine eigene Pfirsichsorte, aber das ist eine andere Geschichte. Vor allem also Kartoffeln. Auf dem Weg zum größten Supermarkt stand damals gelegentlich ein Kartoffelbauer mit seinem Lieferauto mit dem Kennzeichen HS für Heinsberg. Der stand dann wie zufällig in der Kurve, stellte ein Schild an seinen Wagen und verkaufte Kartoffeln. Die wurden dann zuhause vom Kofferraum in den Keller gebracht und dort in ein ziemlich wackliges Holzgestell im Vorratskeller umgebettet. Links in der Ecke, neben dem Weinregal und gegenüber vom Tiefkühlschrank. Dort harrten sie dann ihres Schicksals, welches zumeist in Form von Salzkartoffeln ein Ende fand. Waren wir Kinder anwesend, wurden wir schon mal in den Keller geschickt, um Kartoffeln zu holen. Das geschah mittels eines kleinen grünen Plastikeimerchens, in dem möglichst gleich große Knollen zu transportieren waren. Bis dahin gab es allerdings noch mehrere Hindernisse zu überwinden. Zum einen ging ich nicht gerne in den Keller, weil ich ja ein sehr beschäftigtes Kind war und meistens etwas zu sortieren hatte, zum anderen ging ich nicht gerne in den Keller, weil ich vor allem Abends schon mal ein bisschen Angst im Dunkeln hatte. Dazu kam, dass Kartoffeln damals noch mehr oder weniger ungewaschen in den Handel kamen und ich das Anfassen der rauen, sandigen Schale unangenehm empfand. Für eine sofortige Ausführung des Auftrags hingegen sprach, dass man auf dem Weg dahin ein bisschen in den überall auf dem Speicher und im Keller herumstehenden Kartons mit Kram aus diversen Erbschaften herumkramen konnte. Und am Ende des steinigen Weges stand ja immerhin auch eine warme Mahlzeit.

miniportion 044: apfelmus

6 Mrz
Apfelmuswärmestation, Köln 2005

Apfelmuswärmestation, Köln 2005

Kalte Speisen sind schlecht für den Magen! Das gilt vor allem für kalte Getränke. Mein Freund S., der einen beträchtlichen Teil seiner Kindheit in Gesellschaft seiner Großmutter, Tanten und deren Freundinnen in Kaffeehäusern mit handwarmen Johannisbeersaft verbrachte, kann das bestätigen. Eine Warnung, die auch meine Mutter gerne ausgab und die in ihrer Risikobehaftung nahe an die des Verzehrs von ungewaschenem Obst herankam.

Bei der Großmutter meines Mannes gab es kaum ein Mittagessen, zu dem kein Apfelmus gereicht worden wäre. Ein Tag ohne Salzkartoffeln und ohne Apfelmus ist ein verlorener Tag! Mit Ausnahme vielleicht derjenigen Monate in denen die einheimischen Feldfrüchte aufgebraucht waren und man bis zur neuen Ernte auf Importe auf Übersee hätte zurückgreifen müssen. Unvorstellbar. Beim Einkauf von Kartoffeln und Äpfeln achtete die Oma daher stets strikt auf deutsche Herkunft – weniger aus patriotischen Gründen, sondern weil sie Transporte aus Gegenden jenseits des Westerwaldes für Wahnsinn hielt. Eine Art Regional-Aktivismus avant la lettre. Einmal mit der flotten Lotte vermust, wurden die Äpfel zum Abkühlen in eine Glasschüssel umgefüllt und etliche Stunden vor dem Mittagessen aber wieder auf der Heizung platziert, um wieder auf magenschonende Temperatur zu kommen.

Bei uns zuhause bekamen wir ab und an von Bekannten von Bekannten eine größere Menge Äpfel geschenkt bekamen. Dann gab es Apfelkuchen vom Blech, dessen dicken Vollkornhefeteig ich entsetzlich trocken fand und eben Apfelmus, das in Glasbehältern mit Plastikdeckeln eingefroren wurde, in denen einmal Zaziki gekauft worden war (das mit dem Selbermachen hatte nicht immer Priorität).

Manchmal fuhr aber auch ein brauner Kombi mit Heinsberger Kennzeichen durch die Straße, und eine kleine, ältere Frau mit einem gelähmten Arm, dessen Hand in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, klingelte an den Haustüren, um den Bedarf von Eiern und Äpfeln zu erfragen. So war das damals auf dem Land.