miniportion 220: kougelhopf

Werbung im Kreuzstich, Ribeauville 2013

Werbung im Kreuzstich, Ribeauville 2013

Der berühmteste Kuchen des Elsass ist sicherlich der Kougelhopf, der – abgeleitet vom mittelhochdeutschen Wort für Kapuze – eigentlich eher ein süßes beziehungsweise herzhaftes Hefebrot in Kuchenform ist und anderswo auch Gugelhupf genannt wird. Dem Gebäck begegnet man zwischen Molsheim im Norden und Thann im Süden in Form von dekorativ verzierten Backformen, niedlichen Kühlschrankmagneten, nostalgischen Rezeptpostkarten und natürlich in natura in den Auslagen der diversen Boulangeries und Pattisseries. In seiner Ausgestaltung und Verarbeitung sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. In Riquewihr aß ich ihn in der Miniversion mit Puderzucker auf der Hand, in Ribeauville kaufte ich geröstete Scheiben als Unterlage für den Munster-Käse und in Wissembourg probierte ich ihn in Ei gewendet und ausgebacken an frischen Früchten und Speiseeis.

In meiner Kindheit, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, sah ich einmal einen Märchenfilm im Nachmittagsprogramm. Dort verspeiste ein entsetzlich dicker König erst gigantische Mengen Gugelhupf und dann kleinere Kinder, die ihm beide über eine Art Fließband zugeführt wurden. Vermutlich handelte es sich um eine kapitalismuskritische DEFA-Produktion, die bei mir eine Mischung aus Angst vor dem Vielfrass und Lust auf den übermäßigen Verzehr saftiger Kuchen mit Rosinen hinterließ.

Jahre später erstand ich während eines Wochenendtrips auf einem Flohmarkt in Straßburg eine alte Backform aus Keramik. Diese nutzte ich allerdings erst, nachdem mir in Berlin ein lokaler Napfkuchen (des Kougelhops preußischer Cousin) in einer neuen Metallform das Wohlgefallen aller geladenen Kaffeegäste eingebracht hatte. „Jetzt auch in historisch“, dachte ich und schob die traditionell unbeschichtete Variante in den Ofen. Das Ergebnis war eine Katastrophe, die optisch an einen Trümmerberg nebst Erdrutsch denken ließ. Geschmacklich aber einwandfrei!