ethnografische notizen 081 – pflaumenernte

Vor dem Ernterausch, Mützenich 2014

Vor dem Ernterausch, Mützenich 2014

Die Pflaumenernte ist in jedem Jahr eine Herausforderung für mich. Zum einen weil ich – leicht zwanghaft – an unbeernteten Bäumen jedweder Sorte Obst nur schwer vorbeigehen kann. Zum anderen, weil ich aus ästhetischen und emotionalen Gründen ein großer Pflaumenfan bin, sie mir aber, ehrlich gesagt, in den meisten Fällen zu sauer sind. Pflaumenkuchen finde ich toll, aber mehr so zum gucken. Da bin ich eigen, ganz sicher in diesem Jahr, wo die Sonne in den entscheidenden Monaten meist nur frühmorgens mal kurz zu sehen war. Der Pflaumenbaum im Garten meiner Eltern, der vor zwei Jahren sogar für mich genießbare Resultate hervorbrachte, hatte in diesem Jahr nahezu mehr Früchte als Blätter. Das versprach Gutes. Der Baum hing so voll, das man aus dem Wohnzimmer sogar in der Dämmerung noch einen violetten Glanz wahrnehmen konnte.

Neulich beschloss ich, dass nicht nur die Pflaumen sondern auch die Zeit jetzt reif sei und begab mich erst mit einem Korb und im Verlaufe meiner rauschartigen Sammeltätigkeit mit einer großen Obstkiste auf die Wiese. Dass ich nach ein, zwei Proben beschlossen hatte, das Prädikat „ungenießbar, weil trotz voller Reife hart und sauer“ zu verleihen, spielte zu diesem Zeitpunkt schon keine Rolle mehr. I was a man with a mission. Später dann dämmerte mir, dass die rund 9 Kilogramm Früchte, die optisch eher an zu blau geratene Oliven erinnerten, auch verarbeitet sein würden wollen. Aus dem Bücherregal meiner Eltern, Sektion „Special Interest“, zog ich drei Bücher. John Seymours „Selbstversorgung aus dem Garten. Wie man seinen Garten natürlich bestellt und gesunde Nahrung erntet“, außerdem das „Handbuch für die Früchtezubereitung“ von Pfeiffer und Langen (in dem ich ein Antwortschreiben der Redaktion an meine Mutter in Sachen „ungenießbarer Wermutlikör“ fand) und schließlich das gute alte Einmachbuch von Dr. Oetker.

Anderthalb Tage später sind drei Kilogramm Pflaumen entsteint, kurz gekocht und im leicht geöffnete Backofen getrocknet, zweieinhalb weitere Kilogramm mit Anis und Zimt zu Pflaumenmus verarbeitet, 500 Gramm nach einem Rezept aus dem Netz mit frischem Ingwer und Korn angesetzt und schließlich zehn Gläser mit Rotwein und Sternanis eingeweckt. „Lassen sie denn gut vom Stein“, fragt mich meine Schwiegermutter. „Nein“, antworte ich und weil ich trotz Gummihandschuhen dunkelviolette Finger und wunde Daumennägel habe, koche ich das letzte Pfund mit Stein, Rotwein und Gewürzen auf und mache ganz bequem Gelee draus.

Am nächsten Tag, beim Mittagessen im Büro, öffnen wir das erste Glas. „Du bist meine Testperson“, sage ich zu Kollegin M., „Du musst sagen, ob man die überhaupt essen kann. Eine halbe Stunde später rufe ich meinen Vater an und bitte ihn, auch die restlichen Pflaumen aufzusammeln und vorbeizubringen.

miniportion 232: vogelbeere

Vogelbeeren auf der Ehrensteinsley, Mützenich 2013

Vogelbeeren auf der Ehrensteinsley, Mützenich 2013

Als wir zum ersten Mal in Schweden Urlaub machten, mieteten wir das kleine Ferienhäuschen der Schwedischlehrerin von Freund S., unweit von Göteborg. Vor Ort angekommen, musste ich feststellen, dass alles so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sommer, Sonne und Leichtbier, das Geräusch von Kindern, die in der nahegelegenen Schärenbucht ihren Schwimmunterricht absolvierten und duftende Zimtschnecken auf dem Kaffeetisch. Nur das mit dem Beeren hatte ich ein wenig üppiger erwartet. Erdbeeren gab es am Stand vor dem Supermarkt und nicht etwa wild im Garten, wie ich mir das gewünscht hätte. Dafür wohnte dort die Möwe Helga, die nicht nur gerne die vertrockneten Muffins verzehrte, die man ihr zuwarf, sondern gleich auch das dazugehörige Papierförmchen.

Weil ich aber den dringenden Wunsch verspürte, aus dem Fenster eines hübschen schwedischen Haus herausschauend, Selbstgesammeltes zu verarbeiten, stieg ich eines Tages mit einem Körbchen am Arm auf den zum Garten gehörigen Felsen, um das einzig beerenähnliche in der näheren Umgebung zu ernten. In diesem Fall handelte es sich dabei um die hellroten Früchte der Eberesche, auch Vogelbeere genannt. Dass diese nicht giftig sind, sondern im rohen Zustand nicht besonders bekömmlich, weiß ich nicht aufgrund solider botanischer Grundkenntnisse sondern auch aufgrund der Tatsache, dass mein Vater seit Jahr und Tag im Herbst Ebereschenmarmelade unter Zugabe von Orangensaft und Whiskey herstellt. So eine Art regionale Herrenkonfitüre. Auf Schwedisch heißen Vogelbeeren „Rönnbär“, sind als Gelee durchaus auch im Supermarkt zu finden und werden dort beispielsweise als herber Akzent zu kräftigen Wildgerichten empfohlen. An diesem Nachmittag produzierte ich mehrere Gläser Rönnbärgelé, die ich auch mit zurück nach Deutschland transportierte. Was dort mit ihnen geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Manchmal ist ja der Weg das Ziel.

miniportion 223: holunder

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Roter Holunder, so dachten wir als Kinder, sei giftig. Und da man als Kind ja einen gewissen Sinn für Dramatik hat, dachten wir gerne, er sei tödlich giftig. Deshalb kochte ich mit einem anderen Jungen aus der Straße auf einem Esbit-Kocher im Hof ein tödliches Gift, das im Wesentlichen aus rotem Holunder und den Früchten der Eberesche bestand, aber nie zum Einsatz kam. Wir hatten ja auch kein Wikipedia, dort las ich nämlich erst Jahrzehnte später, dass lediglich der Verzehr von rohen roten Holunderfrüchten zu Brechdurchfall führen könne, sie im gekochten Zustand aber durchaus essbar seien. Schwarzer Holunder, den man normalerweise für Saft oder Gelee nimmt, kam in der Nordeifel nicht so häufig vor. Vielleicht fand ich ihn auch einfach weniger interessant, weil ihm nicht der Ruf vorauseilte, tödlich giftig zu sein.

Diese Sorte entdeckte ich nämlich erst mit meinem Umzug in die Hauptstadt für mich. Als ich einmal im Treptower Park mit Schere und Eimer unterwegs war, wurde ich von diversen Berliner Senioren und Seniorinnen angesprochen, die begeistert waren, dass ein (vergleichsweise) junger Mann, einer solchen Tätigkeit nachging. „Haben wir früher ja auch gemacht“, sagten die meisten von ihnen mit einem nostalgischen Gesichtsausdruck – ohne zu begründen, warum sie damit aufgehört hatten. Grundsätzlich gehörten aber sowieso fast ausschließlich Menschen mit türkischem Hintergrund zu denen, die man dort in Parks und anderen öffentlich zugänglichen Grünflächen bei der Ernte von irgendetwas beobachten konnte. Haselnüsse beispielsweise, Mirabellen und Pflaumen oder die Früchte der so weit im Norden eher selteneren Maronenbäume. Die mehr als reiche Holunderernte blieb jedoch mir allein überlassen, was vielleicht damit zusammenhängen mag, dass die hier vorkommende Art Sambucus Nigra im Mittelmeerraum nicht bekannt ist. Vielleicht gilt sie ja als giftig. An Gelee aus Rotem Holunder habe ich mich schließlich bislang auch noch nicht getraut.