Tag Archives: Gebäck

werkzeugkunde 006: stollenschlauch

9 Dez

Titel: Stollenschlauch

Fundort: Berlin, Karstadt Hermannplatz

Jahr: 2009

Material: Cellophan

werkzeugkunde 004: federpinsel

1 Dez

Federpinsel, Budapest 2010

Titel: Federn zum Bestreichen von Gebäck

Fundort: Pécs, Ungarn

Jahr: 2010

Material: Gänsefedern

ethnografische notizen 006: martinsbrezel

11 Nov

Aachen 2010

Die Bäckereifiliale unten im Haus verkauft Martinsbrezeln zu 2,75 Euro das Stück. Der Mann vor mir kauft gleich drei und lässt sie einzeln einpacken. Ich nehme die Letzte und beim bezahlen fällt mir auf, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals selbst eine süße Brezel gekauft zu haben. Überhaupt verbinde ich sie nicht mit dem Verkaufsraum einer Bäckerei sondern mit dem Seitenausgang der Kirche St. Johannes der Täufer in Simmerath, wo sie jedes Jahr nach dem Ende des Martinszuges verteilt wurden. Süßer schwerer Hefeteig, nicht wie diese hier mit Hagelzucker und Mandel bestreut, sondern nach dem Backen in bloßem Kristallzucker gewälzt. Eingebackt in eine dünne Plastiktüte wurde die (wenn ich mich recht erinnere, von den örtlichen Bäckereien gespendete) Gabe über Nacht im Vorratsraum aufbewahrt und in den folgenden Tagen in vorsichtig rationierten Portionen, mit oder ohne Nussnougatcreme, verzehrt. Auf dem Schulhof der katholischen Grundschule wurde derweil diskutiert, ob die Brezel des einen Dorfes der Hauptgewinn sei, oder doch die Tüte mit Süßigkeiten, die im Nachbarort an ihrer statt verteilt wurde.

„Mit langer Tradition zieht einer der größten Martinszüge in Aachen im November durch das Frankenberger Viertel“, heißt es in einer Übersicht der diesjährigen Veranstaltungen am St. Martins-Tag in den Aachener Nachrichten. Die Eltern der teilnehmenden Kinder können im Pfarrbüro Gutscheine für Weckmänner zu kaufen. „Außerdem werden Glühwein und Kinderpunsch sowie Hot Dogs angeboten, um den Abend im Schein des Martinfeuers und der Laternen ausklingen zu lassen.“

Ich fahre ungern auf dem Ticket derjenigen, die behaupten, dass früher alles besser gewesen sei, aber Glühwein und Würstchen als Abschluss eines Brauchmusters, dass mit einem essbaren Geschenk für Kinder bereits im 16. Jahrhundert belegt ist (Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006) sind eine Degeneration der Ausgestaltung öffentlichen Lebens. Brezel und Weckmann waren mehr als bloße Lebensmittel, sie waren mit Bedeutung aufgeladene gesellschaftliche Symbole, die sowohl den Kindern als auch den begleitenden Erwachsenen Markierungen im Jahreslauf boten und konkrete Handlungsvorlagen beinhalteten. Glühwein und Hot Dogs hingegen können diese Aufgaben nicht erfüllen. Sie sind keine spezifischen Komponenten mehr, die nur zu einer bestimmten Zeit nur an einem bestimmten Anlass verzehrt werden. Aus einem einzigartigen Handlungsmuster ist ein austauschbarer Winter-Event geworden.

werkzeugkunde 002: spritzgebäckschablone

8 Nov

Spritzgebäckschablone

Titel: Aufsatz für einen Fleischwolf zur Erzeugung von Spritzgebäck

Fundort: Deutschland

Jahr: 20. Jahrhundert

Material: Metall

ethnografische notizen 005: spritzgebäck

8 Nov

Aachen 2010

Zimtsterne und Marzipankartoffeln schon Anfang November? Das vielfach bejammerte Angebot von Weihnachtsgebäck und -süßigkeiten schon weit vor der Adventszeit ist eine simple Frage von Angebot und Nachfrage. Würden alle, die über ein viel zu frühes Erscheinen der Waren in den Läden den Kopf schütteln, wirklich bis zum Advent warten und nicht unter dem Hinweis, dass es ja dann nichts mehr gäbe, doch schon frühzeitig Vorräte anlegen, so wären die Discounter gezwungen, ihre Auslieferungen nach hinten zu verlegen. Aber ein Dominostein im Oktober bedeutet noch keinen Kulturverlust per se. Die Tatsache, dass sich bestimmte Ernährungsmuster aus ihrem ursprünglichen zeitlichen Kontext herauslösen, kein Phänomen einer vollständig von industrieller Nahrungsmittelproduktion bestimmten Gesellschaft – in Aachen werden seit langem ganzjährig Printen, in Nürnberg auch zu Ostern Lebkuchen verkauft.

In gleich mehreren Supermarktketten findet sich in diesen Tagen eine Fertigbackmischung für Butterspritzgebäck, die bei näherer Betrachtung jedoch eine ganz andere Frage aufwirft.  „Auf die Plätzchen, fertig, los!“, heißt es auf der Internetseite des Anbieters, „RUF Butter-Spritzgebäck gelingt sicher, so dass man sich ganz aufs Formen und Dekorieren der kleinen Kunstwerke konzentrieren kann.“ Laut Hersteller müssen bei der Zubereitung lediglich 250 Gramm Butter und zwei Eier hinzugefügt werden.

Was bitte, fragt man sich, könnte denn bei Spritzgebäck schief gehen? Nichts wäre auch für Back-Laien einfacher zu korrigieren als ein zu fester oder zu weicher Teig. Das „Spritzen“ des Gebäcks mit dem Fleischwolf ist darüber hinaus durch seine quasi unendliche Wiederholbarkeit ein ideales Übungsfeld. Ein Blick auf ein Nachkriegs-Familienrezept zeigt mit Mehl, Zucker, Butter, Eier, Backpulver und Vanillzucker (sic!) nahezu identische Inhaltsstoffe. Vom einen oder anderen überflüssigen Zusatzstoff einmal abgesehen. Worin liegt also der Mehrwert der Backmischung? In der bloßen Tatsache dass ich Mehl und Backpulver, Zucker und Vanillinzucker nicht mehr selbst mischen muss?

Die Antwort findet sich nicht in der Zubereitung, in keiner Arbeitserleichterung, nicht in den Zutaten und damit auch nicht im Geschmack. Der Kauf einer ansprechend bunten Verpackung inklusiv dem Erfolgsversprechen entspricht dem Erwerb einer Idee. Der Einfall, dass man ja eigentlich auch mal wieder Spritzgebäck machen könnte. Das hierfür ein Supermarkt notwendig ist, darin liegt die eigentliche Verarmung.

Rezept Martha M. (1917-2010)