Tag Archives: flohmarkt

food haul #005 – flohmarkt

25 Mai

Salzstreuer / Parmesan-Messer / Ma’amoul-Form / Keramik-Hahn / Pott aus dem Elsass / Käseglocke & Butterdose / Kochbücher

ethnografische notizen 097: ma’amoul

10 Mai
Ma’amoul-Löffel vom Flohmarkt, Köln 2015

Ma’amoul-Löffel vom Flohmarkt, Köln 2015

„Ja“, sagt die ältere Dame auf dem Flohmarkt am Auerbachplatz etwas ratlos, „wofür ist diese Form eigentlich?“ Sie dreht sich um zu den Anderen hinter dem langen Tapetentisch mit den sorgsam arrangierten Sammeltassen, Manschettenknöpfen und Küchenutensilien. „Ist die Marianne wieder zurück?“, fragt sie ihre aus zwei weiteren älteren Damen und einem im Auto kramenden älteren Herren bestehenden Mannschaft. Die verneinen. „Unsere Expertin ist leider gerade nicht da“, sagt sie zz mir und dreht sich noch einmal um. „Heinz, weißt Du vielleicht, was das hier für ein Förmchen ist?“ Heinz unterbricht das Sortieren von weiterer Ware, schiebt sich die Brille in die Stirne und befindet, dass es sich um eine Butterform handeln muss. „Die macht man nass“, sagt er und macht mir das einmal vor, „dann drückt man die Butter da rein und schlägt sie wieder raus.“ Ohne darauf hinzuweisen, dass ich mir nicht ganz erklären kann, warum eine alte Butterform aus Olivenholz geschnitzt sein sollte, kaufe ich das Objekt.

Ma’amoul-Löffel im Restaurant la Ouna, Liège 2015

Ma’amoul-Löffel im Restaurant la Ouna, Liège 2015

Dass es aus dem Libanon stammen könnte, vermute ich, weil ich vor einiger Zeit in einem libanesischen Restaurant im belgischen Lüttich ähnliche Formen als Dekoration im Schaufenster habe liegen sehen. Falafel vielleicht? Noch in der Straßenbahn fange ich an zu googlen. Die Stichworte „Falafel Form Holz“ liefert keine wirklichen Treffer und erst als ich es mit „Falafel Mould Wood“ probiere, finde ich in der Bildersuche ein entsprechendes Foto. Das gehört zu einem englischsprachigen Blog-Eintrag aus 2013 mit dem Titel „Jess‘ Collection: Interesting Kitchen Tools – Mamoul Moulds and Falafel Mould/Dispenser“. „Aha“, denke ich, „es gibt also noch mehr Menschen, die interesting Kitchen Tools sammeln.“ In diesem Fall ein großes Glück, weil Autorin Jessica –nach eigenen Angaben vor allem an vegetarischem und veganem Kochen interessiert – nicht nur eine Falafelform aus Metall besitzt und fotografiert hat, sondern auch einen geschnitzten Löffel aus Olivenholz, den man für sogenannte Ma’amoul benutzt. Dabei handelt es sich, so erklärt mir Wikipedia (noch immer in der Straßenbahn), um ein „kleines Grießgebäck der arabischen Küche des Nahen Ostens, meist mit Mandel-Nuss oder Dattelfüllung“. Wie hätte Heinz das auch wissen sollen.

miniportion 106: rumtopf

7 Mai
Basis für Mini-Rumtöpfe, Play del Ingles/Gran Canaria 2010

Basis für Mini-Rumtöpfe, Play del Ingles/Gran Canaria 2010

Als versierter Flohmarktgänger bin ich nicht nur über die Preise von Scrabblespielen, Sammeltassen und Tupperdosen informiert, sondern auch darüber, welche kulinarischen Techniken derzeit nicht mehr en vogue sind. Wer wissen will, ob es der richtige Zeitpunkt ist, seinen Raclettegrill, seine elektrische Crepepfanne oder seine Joghurtmaschine zu verkaufen, kann sich bequem an Sams- und Sonntagen auf Supermarktparkplätzen und Stadtfesten ein Bild machen. Es gibt da übrigens interessante innereuropäische Unterschiede. Am 1. Mai besuchte ich diverse Trödel im französischsprachigen Teil Belgiens und nahm überrascht zur Kenntnis, dass hier offensichtlich gerade erst das Zeitalter des Fondue-Sets zu Ende gegangen ist. Dieser Trend ist in Deutschland schon eine Weile passé und die Frequenz von entsprechenden Töpfen, langen Gabeln und praktisch aufgeteilte Teller auf den Tapeziertischen hat schon wieder abgenommen. Anders als auf bundesdeutschem Trödel fand sich hier aber beispielsweise kein einziger Rumtopf, vermutlich weil es sich dabei – sowohl bei Topf als auch beim Inhalt – um eine ziemlich teutonische Angelegenheit handelt.

Im heimischen Keller wohnte eine gläserne Version, in der das Obst wie in einer medizinischen Sammlung von Formaldehydpräparaten langsam vor sich hin bleichte und auf der mein Vater mit Kugelschreiber ein für ein Kind unendlich weit in der Vergangenheit liegendes Datum eingetragen hatte. Was genau enthalten war, ließ sich nur noch schwerlich erkennen, aber Dr. Oetker empfahl 1963 je 500 g Erdbeeren, Süßkirschen, Aprikosen, Pfirsiche, Sauerkirschen, Mirabellen, Pflaumen, Birnen, Weintrauben, eine Ananas, 3-4 Flaschen Rum und 1 kg Zucker. Eine gehaltvolle Mischung, der man im Westen der Republik offensichtlich auch über das Rezept hinaus zugetan war, irgendwoher müssen die ganzen glasierten Steinguttöpfe mit den hübschen Aufschriften ja kommen.

ethnografische notizen 41: belgiens trost – teil 5/5

7 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Hotdog in der Cafeteria des Viehmarkts von Battice

Hotdog in der Cafeteria des Viehmarkts von Battice

Im kleinen Örtchen Battice, gut 20 Kilometer von Lüttich entfernt, werden die Prioritäten greifbar. Jeden Sonntag wird hier auf dem örtlichen Viehmarkt der Mist beiseite geräumt, werden Plastikplanen ausgelegt und ein Flohmarkt veranstaltet. Kleinkram wird da feilgeboten, wo sonst Rinder und Schweine verkauft werden. Mitbringsel aus der ehemaligen Kolonie Belgisch-Kongo für wenig Geld, alte Vogelkäfige und Tonpfännchen für Eiergerichte. Es riecht nach Stall und in den Rinnen zwischen den überdachten Gängen stehen hier und da noch dunkle Pfützen. Doch auch der Flohmarkt von Battice ist im Wandel. begriffen Weniger professionelle Händler, wieder mehr Bauern aus dem Umland, die ihre paar Habseligkeiten verkaufen. Weniger romantisches Landleben und mehr Plastiknippes aus den letzten zehn Jahren. Es ist bitterkalt an diesem Frühlingsmorgen. Diejenigen Verkäufer mit mobilem Heizofen bewegen sich langsam wie wechselwarme Tiere und reagieren nur ungern auf Anfragen. Es wird viel geguckt und wenig gekauft. Eine nahezu zahnlose Frau hinter einem Haufen Küchengerätschaften versucht zwei jungen Männern eine große Kupferpfanne zu verkaufen. „Bloß 35 Euro“, sagt sie und klopft mit dem Fingerknöchel gegen den massiven Boden. „Wir überlegen noch einmal“, antworten die beiden und machen sich aus dem Staub.

In der am oberen Rand gelegenen Cafeteria ist um elf Uhr, eine Stunde vor Geschäftsschluss, schon einiges los. Ein beige-rot gefliester Raum mit Neonbeleuchtung und weißen Tischen mit schwarzen Plastikschalenstühlen. „Le vin pour boire, l’eau pour se raser“, Wein trinken und mit Wasser rasieren, steht in großen schwarzen Lettern auf der Wand. Daran hält sich jedoch zumindest an diesem Morgen niemand. Belgien ist mit mehr als 100 Brauereien definitiv eine Bier-Nation und vor den meisten Besuchern, die ihre dicken Jacken trotz der trockenen Heizungsluft nicht abgelegt haben, steht eines der typischen großen Gläser mit dunklem Trappistenbier. „Crepes, sucre ou chocolat“, empfehlen handgeschriebene Schilder auf den Tischen und bestätigen einmal mehr die regionale Vorliebe für Süßes. Die in braunes Kunstleder gebundene Speisekarte bietet auch Herzhaftes. Ein Pistolet Dagobert (zwei Scheiben Schinken, zwei Scheiben Gouda, Tomate, Mayonnaise und Salat) bekommt man für 2,50 Euro; Fricassée mit Speck, die belgische Version des Strammen Max für 6 Euro. Dazu Kaffee in einem braunen Plastikfilter auf einer weißen Tasse.

Ein Herr am Nachbartisch bestellt für sich und seine Frau zwei Gläser Bier und einen Hotdog. Vom Leben gezeichnet sind die beiden, irgendwie müde, aber noch ein paar Jahre vor der Pensionierung. Der Mann trägt eine verschlissene Cordhose, eine dicke wattierte Plastikjacke, und schwere Schnürschuhe, so wie man sie bisweilen in der Non-Food-Abteilung von Supermärkten angeboten bekommt. Auch der schwarze Wollmantel seiner Frau hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Kellnerin bringt ein Tischset aus Papier und in eine dünne Serviette gewickeltes Besteck. Ein paar Minuten später steht die Bestellung in all ihrer Pracht vor ihm. Eine appetitlich gebratene dicke Wurst auf einem aufgeschnittenen, watteweichen Brötchen, garniert mit einer Portion goldgelb geschmorter Zwiebeln. Links ein wenig Ketchup, rechts ein bisschen Senf. Die liebevolle Dekoration aus Salatblättern mit Tomaten, Gurken, Möhrensalat und einem halben Ei wird von einer mehr als großzügigen Portion Mayonnaise nebst Petersilie gekrönt.

Belgiens Trost liegt auch an diesem Morgen auf dem Teller.