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Supermarkt Challenge 06/07

25 Okt
Dorade in der Auslage, Fisch Paradies, Kalk, Oktober 2018

Dorade in der Auslage, Fisch Paradies, Kalk, Oktober 2018

 

Ein letztes Mal laufe ich die Hauptstraße hinunter. Vorbei am Bäcker und an der Kaffeerösterei, vorbei am alten Warenhaus, hinter dessen nun teilweise schon wieder sichtbaren Erdgeschoss sich das Kaufland, eine Woolworth-Filiale und ein gigantischer Drogeriemarkt im hellen Scheinwerferlicht auf die Eröffnung vorbereiten.

„Man muss kämpfen“, sagt der Fischhändler, „ist alles nicht mehr so leicht.“Der junge Mann trägt einen dicken blauen Pullover und sieht ein wenig müde aus. Mit einer großen Metallschaufel läuft er nach hinten und kommt mit einer Ladung Eis wieder, die er sorgfältig auf den Makrelen verteilt. Der Laden ist zweckmäßig eingerichtet. Ein strahlend blauer Fußboden Kacheln mit einem Delfin-Motiv und ein Nazar-Amulett an der Wand. Es riecht angenehm nach Fisch, frisch, nicht alt. Ich betrachte die Sardinen vor mir, den Wolfsbarsch und die Doraden. Ganze Fische, noch nicht ausgenommen. Im Fenster ein bisschen Pangasius-Filet, Lachs und Meeresfrüchte, aber der Fokus liegt eindeutig auf den ganzen Tieren, die in weißen Styroporkisten auf den Verkauf warten. Meerbarben, Seehecht, Forellen. In der Theke liegen Zettel mit den Bezeichnungen auf Türkisch und auf Deutsch. Auf den Sardellen steht außerdem „Alice“. Vermutlich der italienischen Kundschaft wegen, der Metzgerladen ist ja gegenüber.

Eine kleine Frau mit Kopftuch und einem langen engen Mantel betritt den Laden. Der Inhaber schaut mich fragend an. „Mach nur“, sage ich, „ich habe Zeit.“Nach einem kurzen Beratungsgespräch auf Türkisch entscheidet sich die Frau für drei Wolfsbarsche. Der Verkäufer schuppt die Fische, ein irgendwie sprödes Geräusch. Als die Kundin gegangen ist, setzen wir unser Gespräch fort.

Seit zehn Jahren gibt es den Laden nun. Manchmal helfen seine Eltern hier aus. Die kamen 1978 von Istanbul nach Köln, der Vater als Türkisch-Lehrer. Und auch seine Mutter sei eine studierte Frau. „Die haben sich hier gewöhnt“, sagt er und schaut ein wenig abwesend auf die gerade ruhige Straße, „aber ganz ehrlich, du vermisst dein Land.“20 Prozent seiner Kunden seien türkisch, sagt er, der Rest gemischt – Deutsche, Italiener, Araber …

Wie heißt du?“,frage ich.

„Orhan.“

„Nachname?“

„Lieber nicht.“

Er verrät noch, dass er 30 Jahre alt ist, ein Foto möchte er nicht machen. Auch nicht von seinen Händen, die einen Fisch halten. „Die Leute sind nicht mehr schnell“, sagt er und lenkt vom Thema ab, „hat sich viel verändert. Ich mag schnelle Geschäfte.“

„Was siehst du in mir?“, fragt er mich unvermittelt und ich weiß nicht direkt, was ich darauf antworten soll.

„Du scheinst mir jemand zu sein, der mehr erreichen will“, sage ich schließlich diplomatisch.

Die Antwort scheint ihm zu gefallen.

„Ja“,sagt er, „man muss kämpfen.“

 

Fisch Paradies

Rolshover Straße 3 /Di-Sa 9-19

 

Diese Reihe ist Teil der „Supermarkt-Challenge“, einer Initiative der Aktion Agrar, die mit Kampagnen, Hintergrundrecherchen und Mitmach-Aktionen das Verhältnis der Menschen zu ihren Lebensmitteln verändern wollen. Eine Woche lang, vom 19. bis zum 26. Oktober, verzichten die Teilnehmer*innen der Challenge bewusst auf den Einkauf in Supermärkten und Discountern und werden dabei mit Tipps und Rezepten unterstützt.

ethnografische notizen 237: france 2017/10

20 Jun
Rochen – vorher/nachher, Concarneau Juni 2017

Rochen – vorher/nachher, Concarneau Juni 2017

Es gibt Fähigkeiten, bei denen man sich genau erinnern kann, wann und von wem man sie gelernt hat. Schnürsenkel binden zum Beispiel ( von der Mutter einer Mitschülerin) oder Papier entlang einer Linie falzen und dann gerade zerreißen (Oma mütterlicherseits). Beides konnte ich relativ früh. Viel später lernte ich hingegen, wie man einen Rochenflügel fachgerecht verzehrt. In diesem Fall vor ziemlich genau elf Jahren auf meiner ersten Reise in die Bretagne von Freundin N.

Der Grund unserer Anwesenheit in einem Feriendorf war übrigens ein zweiwöchiges Bollywood-Seminar, aber das ist eine andere Geschichte. In jedem Fall wurden wir mit rund 80 anderen Studierenden zentral versorgt. Vollpension versteht sich. Das Küchenteam sorgte abwechselnd für Belustigung (etwa mit Thunfisch-Lunchpaketen für Vegetarier), für Abneigung (mit dicken, warmen Blutwürsten zu grünen Bohnen) und schlussendlich auch für Verwirrung – beispielsweise durch das Servieren von Rochenflügeln mit Kapernbutter. Denn auch wenn eine nicht unbeachtliche Anzahl der überwiegend jungen Menschen dem Verzehr des Knorpelfisches nicht abgeneigt waren, wusste jedoch kaum jemand, wie man dies anstellen sollte. Ganz anders Freundin N., die vermutlich welterfahrenste von uns allen, die mir kurzerhand, wenn auch ein paar Sekunden zu spät, erklärte, dass man den Flügel niemals schneiden dürfe, den Muskel stattdessen immer mit dem Messer in die richtige Richtung schaben müsse.

Und auch wenn es elf Jahre gedauert hat, bis ich wieder einmal Roggenflügel mit Beurre Blanc und Kapern auf dem Teller vor mir finde, das habe ich mir gemerkt. Es gibt eben Fähigkeiten, bei denen man sich genau erinnern kann, wann und wo man sie gelernt hat.

RESTAURANT TY COSY | Avenue du Dr Pierre Nicolas | Concarneau

miniportion 252: anchovisfilet

3 Okt
Synchronschwimmen auf dem Fischmarkt, Istanbul 2011

Synchronschwimmen auf dem Fischmarkt, Istanbul 2011

Zu den Lebensmitteln, die ich als Kind wirklich unverzehrbar fand, gehörten neben Wein, grünen Oliven und Kapern auch Anchovis. So können sich die Zeiten ändern. Sardellen (die Bezeichnung „Anchovis“ war im Dorf vermutlich allenfalls dem italienischen Feinkosthändler Faccini bekannt, dessen Geschäft leider irgendwann der ersten PLUS-Filiale weichen musste) kamen im heimischen Küchensystem nur an einer Stelle vor, nämlich dann wenn selbstgemachte Pizza gegessen wurde. Auf einem für meinen Vater reservierten Teil der Unterlage aus Hefeteig (wie wir zu vier Personen mit einem Backblech Standardgröße auskamen ist mir bis heute ein Rätsel) wurden dann nicht nur grüne Oliven mit roter Paprikafüllung aufgebracht, sondern auch Sardellenpaste aus einer im Kühlschrank aufbewahrten Tube, die ich nicht nur geschmacklich zu intensiv sondern aufgrund ihrer grau-bräunlichen Färbung auch ästhetisch äußerst fragwürdig fand. Auf dem Teller untersuchten wir Kinder dann peinlichst genau, ob der Fischgeschmack der in willkürlichen Mustern herumliegenden Fischpaste nicht vielleicht doch auf unbefugte Weise sein Terrain verlassen und auch die für uns vorgesehenen Stück okkupiert hatte.

Meine Schwester schaffte den Sprung in die Welt der erwachsenengerechten Aromen altersgemäß früher als ich. Ich erinnere mich an eine Nudelsoße, die sie einmal nach Studienbeginn für mich kochte und die mit kleingeschnittenen Anchovisfilets gewürzt wurde. Danach war mein Interesse geweckt, auch wenn ich bis heute kein großer Fan von Sardellenpaste geworden bin. Dafür finde ich als erwachsener Mensch in Anchovisfilets gewickelte Kapern, Oliven und ein Glas Wein einen gelungenen Einstieg in gesellige Zustände jeder Art. Je nach Portionsgröße wünsche ich mir dann aber gelegentlich, ich hätte ein eigens auf mich zugeschnittenes Feld mit Lebensmitteln, die sonst niemand mögen würde.

werkzeugkunde 008: sardinenheber und hummergabel

1 Aug

Titel: Sardinenheber und Hummergabel

Fundort: Besteckhaus Glaub, Köln

Jahr: 2011

Material: Edelstahl