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Supermarkt Challenge 05/07

24 Okt
Herrenespresso im Schaufenster der Rösterei Hogrebe, Kalk, April 2012

Herrenespresso im Schaufenster der Rösterei Hogrebe, Kalk, April 2012

 

Die Kaffeerösterei zählt zu den ersten Eindrücken hier in Kalk. 2012, als noch überhaupt nicht abzusehen war, dass ich hier einmal wohnen und arbeiten würde. Bei einem Sonntagsspaziergang wagen wir uns damals in den wilden Osten und ich erinnere mich, dass ich überrascht war von der Hauptstraße, vom Kaufhof, von einer Kneipe bei der man Konserven der Gulaschsuppe aus der Puszta-Hütte am Neumarkt kaufen kann und eben von der alten Kaffeerösterei mit der kuriosen Auslage. Jetzt, sechs Jahre und drei Städte danach wohne ich um die Ecke, kaufe hier meine Fair Trade-Bio-Mischung und kann, wenn der Wind günstig steht, sogar schon an der Haustüre riechen, wenn gebrannt wird.

Am Mittwochnachmittag gehe ich wieder aus dem Haus, vorbei an den beiden Gaststätten, vor denen die ersten Senioren schon mit einem Kölsch vor sich in die Herbstsonne blinzeln, vorbei am Bücherschrank vor der Bäckerei und der immer gut besuchten Eisdiele. In der Kaffeerösterei wird gerade das Fenster neu dekoriert. Ein wenig kahl sieht es aus und wird vermutlich schon bald für den Herbst oder Halloween hergerichtet. Die Verkäuferin unterhält sich mit einer Kundin und ich beschließe, vorher noch schnell bei der Bank Geld abzuheben. Auch vor dem Palmengrill stehen junge Männer draußen vor der Tür, rauchen eine Zigarette und machen verstohlen hinter dem Briefkasten ein Selfie. Fast so, als wäre Frühling.

Als ich zurückkomme, ist die Kundin immer noch da und ich bekomme noch den Schluss des Gesprächs mit, bei dem es um Gemüse geht. „Hier auf der Kalker Hauptstraße“, sagt die Verkäuferin, „da gibt es doch so viele Gemüsehändler mit solchen Auslagen.“ Ihre Hände zeigen die Breite des Angebots. „Da frage ich mich immer, wieviel da eigentlich weggeworfen wird.“ Das klingt ja schon nach Supermarkt-Challenge, denke ich mir und warte bis die Kundin ihren Stoffbeutel gepackt und den Laden verlassen hat.“

„Ich wollte mal fragen, ob Sie schon mit dem Chef sprechen konnten“, sage ich.

Die Verkäuferin guckt mich fragend an und es dauert einen Moment, bis sie mich zuordnen kann.

„Tja“, sagt sie, „er sagt, dass er so was grundsätzlich nicht macht.“

Irgendwie hatte ich diese Antwort schon erwartet.

„Schade“, sage ich.

„Ja“, sagt die Verkäuferin, „ich hätte mich gefreut.“

Wir verabschieden uns und ich verspreche, demnächst wieder als Kunde vorbei zu schauen.

Als ich später am Tag wieder vorbeilaufe, sehe ich den bärtigen Kaffeeröster bei der Arbeit und überlege für einen Moment, ob ich ihn ansprechen soll.

„Na“, denke ich, „wenn er nicht will, dann will er nicht. Es reicht, wenn die Leute da einkaufen gehen.“

 

Kaffeerösterei Hans Hogrebe

Kalker Hauptstraße 166 / Mo-Fr 9-16.30, Sa 9-16

 

Diese Reihe ist Teil der „Supermarkt-Challenge“, einer Initiative der Aktion Agrar, die mit Kampagnen, Hintergrundrecherchen und Mitmach-Aktionen das Verhältnis der Menschen zu ihren Lebensmitteln verändern wollen. Eine Woche lang, vom 19. bis zum 26. Oktober, verzichten die Teilnehmer*innen der Challenge bewusst auf den Einkauf in Supermärkten und Discountern und werden dabei mit Tipps und Rezepten unterstützt.

ethnografische notizen 242: palermo

12 Mai
Cedri & Granita, Palermo 04/2018

Cedri & Granita, Palermo 04/2018

„Menù touristico?“ schreibt eine Bekannte leicht pikiert unter mein Foto auf Facebook. Eine Werbetafel mit gleichlautender Aufschrift, ein schnauzbärtiger Koch mit ausladender Kochmütze, rotem Halstuch und einem Holzlöffel in der Hand. „Recherche“, antworte ich, „aber nur von außen.“ Allerdings mache ich mir keine Illusionen, als Nicht-Tourist durchgehen zu können. Auch ohne kurze Hosen, Sandalen, Spiegelreflexkamera auf dem Bauch und Reiseführer in der Hand sind wir gut zu erkennen. Weiterlesen

miniportion 203: espresso

12 Aug
Kaffeerösterei in Ehrenfeld, Köln 2011

Kaffeerösterei in Ehrenfeld, Köln 2011

Einmal machten wir Ferien auf der Insel Ischia. Die liegt im Golf von Neapel und ist ja bekanntlich auch das favorisierte Urlaubsziel unserer Bundeskanzlerin. Damals war aber noch Gerhard Schröder von der SPD Kanzler, so dass das Eiland in der bundesdeutschen Wahrnehmung allenfalls als Seniorenparadies existierte. Dem war so, weil alles auf der Insel so überschaubar ist, das Klima angenehm und das leicht radioaktive Wasser der heißen Quellen eine wohltuende Wirkung bei rheumatischen Beschwerden hat. Vorzüge, die wir auch schon in jungen Jahren zu schätzen wussten und die uns einen unbeschwerten Urlaub bescherten. Und so machten wir Ausflüge mit dem linksdrehenden Bus und Ausflüge mit dem rechtsdrehenden Bus, wir bestiegen zu Fuß den Monte Epomeo und ich aß zum ersten Mal in meinem Leben einen weißfleischigen Pfirsich. Wie das bei einer kleinen Insel nun mal so ist, kommt man bei einem zweiwöchigen Aufenthalt aber zwangsläufig immer wieder an denselben Orten und Plätzen vorbei. Das kann einem auf die Nerven gehen, man kann es aber unter dem Stichwort Entschleunigung auch einfach schön finden. Besonders reizende Aussichten zum Beispiel oder eine kleine Kaffeebar in Ischia Porto. In Letzterer kaufte man, ganz traditionell italienisch, zunächst an der Kasse einen Espresso im Wert von damals umgerechnet 60 Pfennigen. Mit dem Kassenbon ging man daraufhin zum Maître du Café an der Bar, der mit einer Zange eine Espressotasse aus dem kochenden Wasser fischte, um diese endlich mit einer kleinen dunkelbraunen Pfütze zu befüllen. Man wurde übrigens nicht nach dem Namen gefragt und auch nicht, ob man vielleicht noch einen Extra-Shot wünscht oder ein Gebäckstück.

Am letzten Tag des Urlaubs erstand ich in einem Haushaltswarengeschäft gegenüber der Bar eine dieser klassischen Espressokannen aus Aluminium. Zuhause schmeckte der Kaffee natürlich nicht so, wie im Hafen von Ischia. Macht aber nix, gut 15 Jahre danach ist die Kanne immer noch im Gebrauch.