Tag Archives: döner

soulfood düren – #017

19 Jul
Falafel-Sandwich, Düren 2017

Falafel-Sandwich, Düren 2017

Falafel

Uns ist nach etwas leichtem, vegetarischem. „Wo gibt es denn hier Falafel?“, fragen wir den Kollegen S. „Ganz weit weg“, sagt der. Aber das sagt er immer. Für die Dürener ist alles immer weit weg. „Richtung Bahnhof, da gibt es mehrere. Da kommt erst dieses Waffengeschäft, dann noch weiter …“ Weiterlesen

miniportion 337: sambal

13 Jan
Sambal im China-Imbiss, Essen 2014

Sambal im China-Imbiss, Essen 2014

Beim Einkauf von Lebensmitteln gibt es in Deutschland bestimmte Formeln, die die Kommunikation zwischen Kunde oder Kundin und Verkäufer oder Verkäuferin erleichtern. In großen Teilen der Republik beispielsweise fragt das Personal in einer Bäckerei oder einer Fleischerei: „Darf es sonst noch etwas sein?“. Es gibt allerdings auch Städte (deren Namen ich an dieser Stelle nicht nennen werde, um mich nicht wieder dem Vorwurf des Berlin-Bashings auszusetzen) in denen man sich auf ein schlichtes „Noch?“ beschränkt. Immerhin, man spricht miteinander.

Ebenfalls in Berlin erstand ich unlängst einen Kühlschrankmagneten, auf dem ein stilisiertes Döner Kebab zu sehen ist. Die darunter befindliche Bildunterschrift lautet: „Wolle scharfe Soße?“ und ist ebenfalls ein anschauliches Beispiel für die Verknappung von Kommunikation unter verschärften Bedingungen. Für Einwanderer stellt nämlich die Tätigkeit in der Gastronomie oder sogar die Eröffnung eines eigenen Lokals eine nicht unattraktive Möglichkeit der Integration und des sozialen Aufstiegs dar. Man verkauft seine eigene Expertise und muss, zumindest im Verkauf, nicht perfekt Deutsch sprechen, um Erfolg dabei zu haben. „Wolle scharfe Soße?“ ist da für den Anfang vollkommen ausreichend.

In den Niederlanden entspricht aufgrund der Kolonialgeschichte des Landes die Dichte chinesisch-indonesischer Imbisse in etwa der unserer Dönerbuden. „Sambal bij“ ist eine Frage die man dort mitunter gestellt bekommt – ob man in kleinen Plastikdöschen abgepackte Chili-Gewürzmischung dazu haben möchte. Ein Satz, der sich zu einem flächendeckenden Stereotyp entwickelt hat und der die Universalität der Begegnung in Form von Essen und Trinken deutlich macht. Indonesisches Sambal oder türkische scharfe Soße sind nur zwei von vielen aktuellen Beispielen. „Ein wenig frischer Parmesan?“ beim Italiener wird irgendwann einmal genau so exotisch geklungen haben.

ethnografische notizen 44: istanbul– teil 3/4

20 Okt
Balik Ekmek (Fischbrötchen) am Hafen, Istanbul September 2011

Balik Ekmek (Fischbrötchen) am Hafen, Istanbul September 2011

An dem Stand vor den Anlegern der Bosporus-Touristen-Dampfer wird im Akkord gegrillt. Zwei Männer in bestickten Westen drehen und wenden die Fischfilets auf einer glatten Metallplatte hin und her. Es duftet appetitlich nach Meer und eine ganze Schlange von Menschen wartet geduldig auf ihr Balik Ekmek, ihr Fischbrötchen. Die beiden Verkäufer bedienen die Kunden effizient aber ohne Hast. Gekonnt stapeln sie gegrilltes Makrelenfilet mit grünem Salat und Zwiebeln in wolkig weichem Weißbrot. Salz und Zitronensaft stehen zur Selbstbedienung auf kleinen Tischen links und rechts des Stands. So einfach und doch so lecker. Behutsam falte ich das mit Fettflecken übersähte Papier mit der hübschen Darstellung eines Bootes, einer Makrele und der Aufschrift Tarihi Eminönü Balik Ekmek zusammen, stecke es ein wenig verstohlen in meine Tasche und mache mich auf, den kleinen Wagen ein paar Meter weiter zu erkunden. Einer der typischen Karren, aus denen normalerweise Brot verkauft wird.

Verkaufsstand für Essiggemüse, Istanbul September 2011

Verkaufsstand für Essiggemüse, Istanbul September 2011

Die Zweiradversion eines osmanischen Prachtbaus aus schwarzem Lack mit goldenen Beschlägen, inklusive des unvermeidlichen Halbmonds über einer Kuppel. Dahinter ein eher korpulenter Mann mit Glatze und weißem Herrenberufsmantel mit kurzem Arm. Er verkauft karişik turşu, was so viel wie Essiggemüse bedeutet. Mixed pickles also, die offensichtlich nicht zufällig in der Nähe der Fischbrötchen zu haben ist. „Einmal bitte“, bedeute ich ihm, ohne genau spezifizieren zu können, was ich eigentlich haben will. Eben das, was die jungen Familien unter dem Sonnenschirm neben dem Grill auch haben. Glücklicherweise fragt der Verkäufer nicht weiter nach, sondern nimmt einen der vorbereiteten Plastikbecher mit grob geschnittenem, milchsauer vergorenem Weißkohl und Gurkenstücken, steckt eine kleine Plastikgabel hinein und gießt mit einer Kelle erst mit Sauerkrautsaft und dann mit einer knallroten Flüssigkeit auf. Letztere erinnert mich, zumindest farblich, an das Kaltgetränk „Quench – Himbeergeschmack“ in meiner westdeutschen Kindheit. Es bleibt jedoch bei den farblichen Assoziationen und später finde ich heraus, dass es sich um Steckrübensaft (Şalgam Suyu) handelt. Nachdem ich das Gemüse gegessen habe, mache ich’s wie die anderen auch und trinke den Saft. Ziemlich sauer, aber irgendwie gut zum salzigen Fisch. Beides scheint zusammenzugehören, denn ich sehe niemand, der nur Gemüse und keinen Fisch und kaum jemand, der nur Fisch und kein Gemüse kauft. Eine wohlbalancierte Koexistenz zweier Geschäfte.

Nussverkäufer vor der Fähre, Istanbul September 2011

Nussverkäufer vor der Fähre, Istanbul September 2011

Überhaupt scheinen öffentlicher Raum und Nahrungsaufnahme in Istanbul untrennbar miteinander verbunden. An sprichwörtlich jeder Ecke gibt es etwas zu kaufen. Keine richtigen und keine aufwendigen Mahlzeiten, sondern einfache Dinge für zwischendurch. Eiscreme aus Ziegenmilch, knallbunt-gedrehte Zuckerbonbons und rosafarbene Zuckerwatte. Maiskolben, Maronen, auf Holzkohle geröstetes Popcorn und Simit – Sesamkringel, die in kleinen roten Verkaufswagen oder zu riesigen Gebilden getürmt auf dem Kopf von Verkäufern angeboten werden, die auf Aufforderung herbeikommen und in die Knie gehen, damit die Käufer sich die Ware selbst nehmen können. Die Preise nehmen dabei zu, je näher man sich den touristischen Highlights nähert. Gut eine halbe Lira pro zweihundert Meter überschlage ich auf dem Weg durch die Altstadt hinunter zum Hafen.

Fähre nach Kadiköy, Istanbul September 2011

Fähre nach Kadiköy, Istanbul September 2011

Auf dem Oberdeck der Fähre sitzen zwei Damen mittleren Alters, die offensichtlich vom Shoppingausflug zurück auf die asiatische Seite fahren. Neben sich Plastiktüten voll mit Einkäufen, auf dem Schoß überdimensionale Lederhandtaschen. Nach und nach erscheinen auf der rund 20 Minuten dauernden Fahrt Maiskolben, gegrillte Käsesandwiches, Walnüsse und Ayran. Auch der junge Mann im gestreiften Poloshirt mit der Aufschrift „Lotto“ daneben trinkt Tee aus einem mit geometrischen Figuren versehenen Pappbecher und verzehrt eine komplette Rolle Kekse mit Cremefüllung. Die beiden Frauen könnten auch aus einer x-beliebigen deutschen Vorstand stammen und aufgrund des Interesses an unseren Gesprächen und den freundlichen Blicken schließe ich, dass sie Deutsch zumindest verstehen. Währen die eine mit dem Handy Fotos von Europa macht, bekleckert sich die andere mit ihrem Sandwich. Beide sind schätzungsweise Anfang 50 und tragen modische T-Shirts und rahmenlose Brillen. Beide sind ein bisschen zu dick und sind mit dezentem Goldschmuck ausgestattet. Die eine mit den vorne offene Schuhe und den blutroten Kunstnägeln nimmt zwei Plastikbecher mit Ayran aus ihrer Tütet, schüttelt sich gründlich durch und reicht einen Becher mit einem dicken, blauen Strohhalm präpariert an ihre Freundin weiter. Die studiert den Fahrplan und zieht anschließend zwei  Erfrischungstücher aus den Untiefen der Handtaschen hervor. Es weht ein angenehmer Wind landabwärts.

Ob ein Istanbuler Döner vergleichbar ist mit dem, was wir in Deutschland so kaufen können, möchte ich wissen. Auf der asiatischen Seite der Stadt, im unglaublich vollen und lärmigen Kadiköy mache ich die Probe. Das Fleisch vom Lamm oder Huhn wird auf einer kleinen roten Wage mit altmodischen Gewichten gewogen und wieder einmal in luftiges Brot gepackt. Das Papier zeigt diesmal Miniaturabbildungen von Hotdogs und Hamburgern. Wer wie ich dachte, dass Baguette mit Pommes eine rein frankophon-belgische Erfindung sei, der wird hier eines besseren belehrt. „Hasta la vista“, sagt der junge Mann im weißen Kittel, und garniert das Fleisch sorgsam mit einer Handvoll Fritten. Und während ich mich frage, ob der Döner mir so gut schmeckt, weil ich Jahre keinen mehr gegessen habe, weil die Seeluft hungrig macht oder einfach weil ich so ziemlich alles an Istanbul begeisternswert finde, muss ich plötzlich an Berlin denken. An die sehnsüchtigen Blicke, die ich jeden Abend auf dem Weg nach Hause auf die unter dem mit rotem Paprika durchsetzten Dönerspieß lagernden Pommes Frites im türkischen Imbiss Ecke Sonnenallee/Pannierstraße warf und mir mit noch leerem Magen vorstellte, wie gut die mit dem heruntertropfenden Dönerfett gesättigten Pommes wohl schmecken würden. Erst mehr als ein Jahr später und knappe 1800 Kilometer Luftlinie weiter traue ich mich, das herauszufinden. „Hasta la vista“, sage ich und gehe zurück zur Fähre.