Tag Archives: dagobert

ethnografische notizen 41: belgiens trost – teil 5/5

7 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Hotdog in der Cafeteria des Viehmarkts von Battice

Hotdog in der Cafeteria des Viehmarkts von Battice

Im kleinen Örtchen Battice, gut 20 Kilometer von Lüttich entfernt, werden die Prioritäten greifbar. Jeden Sonntag wird hier auf dem örtlichen Viehmarkt der Mist beiseite geräumt, werden Plastikplanen ausgelegt und ein Flohmarkt veranstaltet. Kleinkram wird da feilgeboten, wo sonst Rinder und Schweine verkauft werden. Mitbringsel aus der ehemaligen Kolonie Belgisch-Kongo für wenig Geld, alte Vogelkäfige und Tonpfännchen für Eiergerichte. Es riecht nach Stall und in den Rinnen zwischen den überdachten Gängen stehen hier und da noch dunkle Pfützen. Doch auch der Flohmarkt von Battice ist im Wandel. begriffen Weniger professionelle Händler, wieder mehr Bauern aus dem Umland, die ihre paar Habseligkeiten verkaufen. Weniger romantisches Landleben und mehr Plastiknippes aus den letzten zehn Jahren. Es ist bitterkalt an diesem Frühlingsmorgen. Diejenigen Verkäufer mit mobilem Heizofen bewegen sich langsam wie wechselwarme Tiere und reagieren nur ungern auf Anfragen. Es wird viel geguckt und wenig gekauft. Eine nahezu zahnlose Frau hinter einem Haufen Küchengerätschaften versucht zwei jungen Männern eine große Kupferpfanne zu verkaufen. „Bloß 35 Euro“, sagt sie und klopft mit dem Fingerknöchel gegen den massiven Boden. „Wir überlegen noch einmal“, antworten die beiden und machen sich aus dem Staub.

In der am oberen Rand gelegenen Cafeteria ist um elf Uhr, eine Stunde vor Geschäftsschluss, schon einiges los. Ein beige-rot gefliester Raum mit Neonbeleuchtung und weißen Tischen mit schwarzen Plastikschalenstühlen. „Le vin pour boire, l’eau pour se raser“, Wein trinken und mit Wasser rasieren, steht in großen schwarzen Lettern auf der Wand. Daran hält sich jedoch zumindest an diesem Morgen niemand. Belgien ist mit mehr als 100 Brauereien definitiv eine Bier-Nation und vor den meisten Besuchern, die ihre dicken Jacken trotz der trockenen Heizungsluft nicht abgelegt haben, steht eines der typischen großen Gläser mit dunklem Trappistenbier. „Crepes, sucre ou chocolat“, empfehlen handgeschriebene Schilder auf den Tischen und bestätigen einmal mehr die regionale Vorliebe für Süßes. Die in braunes Kunstleder gebundene Speisekarte bietet auch Herzhaftes. Ein Pistolet Dagobert (zwei Scheiben Schinken, zwei Scheiben Gouda, Tomate, Mayonnaise und Salat) bekommt man für 2,50 Euro; Fricassée mit Speck, die belgische Version des Strammen Max für 6 Euro. Dazu Kaffee in einem braunen Plastikfilter auf einer weißen Tasse.

Ein Herr am Nachbartisch bestellt für sich und seine Frau zwei Gläser Bier und einen Hotdog. Vom Leben gezeichnet sind die beiden, irgendwie müde, aber noch ein paar Jahre vor der Pensionierung. Der Mann trägt eine verschlissene Cordhose, eine dicke wattierte Plastikjacke, und schwere Schnürschuhe, so wie man sie bisweilen in der Non-Food-Abteilung von Supermärkten angeboten bekommt. Auch der schwarze Wollmantel seiner Frau hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Kellnerin bringt ein Tischset aus Papier und in eine dünne Serviette gewickeltes Besteck. Ein paar Minuten später steht die Bestellung in all ihrer Pracht vor ihm. Eine appetitlich gebratene dicke Wurst auf einem aufgeschnittenen, watteweichen Brötchen, garniert mit einer Portion goldgelb geschmorter Zwiebeln. Links ein wenig Ketchup, rechts ein bisschen Senf. Die liebevolle Dekoration aus Salatblättern mit Tomaten, Gurken, Möhrensalat und einem halben Ei wird von einer mehr als großzügigen Portion Mayonnaise nebst Petersilie gekrönt.

Belgiens Trost liegt auch an diesem Morgen auf dem Teller.