miniportion 234: croissant

Croissant in groß, Köln 2013

Croissant in groß, Köln 2013

Über die Brötchen von Berlin muss man nicht viele Worte verlieren. Die kosteten damals 7 Cent das Stück und konnten– so meine Theorie – schon aufgrund des Preises wenig Substanz bieten. Mit den Croissants in der Hauptstadt sieht es hingegen schon anders aus, zumindest in Neukölln. Da zog nämlich bei günstigem Wind frühmorgens der Duft von frischem französischen Backwerk in meine Wohnung Ecke Pannierstraße/Sonnenallee. Da wo man nachts die Sirenen der auf die Kreuzung zufahrenden Ambulanzwagen und die Stimmen des Ausgehvolks hören konnte, roch es dann morgens ganz still nach Croissant, Brioche und Pain au chocolat. Ein paar Häuser weiter nämlich gab es einen winzigen Laden mit französischen Backwaren, dessen Stehtische auf dem Gehweg auch bei schlechtem Wetter schon früh morgens besetzt waren. In diesem Fall lag das eindeutig an der kulinarischen Substanz des Gebäcks, das nicht nur gut roch, sondern auch gut schmeckte. Hinter der Theke standen – auch wenn die großflächigen Wandgemälde mit französischen Motiven das hätten vermuten lassen – keine Franzosen, sondern abwechselnd zwei Männer, bei denen ich, obwohl ich sie nie zusammengesehen habe, vermuten würde, dass es sich um Brüder handelt. Bei aller frankophonen Folklore bewiesen sie hier und da aber durchaus auch Lokalpatriotismus. Beispielsweise mit den an der Wand hängenden Verkaufsinformationen über die Mützen und T-Shirts der um die Ecke liegenden berüchtigten Rütli-Schule oder einer Autogrammkarte von Schwimmerin Britta Steffen während der Olympischen Sommerspiele 2008. Die meisten Kunden zogen es vor, das gekaufte Gebäck vor Ort zu verzehren, was an kälteren Tagen dazu führte, dass man kaum noch bis zur Theke durchkam und die Schaufensterscheibe von innen beschlug. Da hatte ich es als unmittelbarer Nachbar leichter, ich nahm meine Croissants mit nach Hause. Dort angekommen, hatten sich auf der Papiertüte schon große Fettflecken gebildet. Ein erstes Anzeichen guter Qualität.

ethnografische notizen 003: croissant

Maastricht 2010

Auf der 5. Etage einer öffentlichen Einrichtung mit einem spektakulären Blick auf die Stadt sitzen 16 im Kulturbetrieb tätige städtische Angestellte aus Deutschland Belgien und den Niederlanden deren Arbeitssitzung der Tagesordnung gemäß mit einem kleinen Frühstück beginnt

Der runde Tisch ist eingedeckt mit dunkelblauen Platzdeckchen aus Papier, einer praktischen Hülle für Besteck und Serviette und kleinen weißen Tellern mit einem dunkelblauen oder hellgrünen Rand. Darauf ein voluminöses croissantartiges Gebäck und drei kleine Becher aus transparentem Plastik in dem sich Erdbeer- und Aprikosenmarmelade, sowie eine kleine Portion Butter befindet. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe nehmen, nachdem sie einander begrüßt und den Ausblick gebührend gewürdigt haben, Platz. Metallene Thermoskannen mit Kaffee und heißem Wasser für Tee werden herumgereicht und höflich füllt man den Kollegen links und rechts die für deutsche Verhältnisse winzigen Tassen.

Der Anthropologe beobachtet in stiller Erwartung. Wer wird welche Marmelade präferieren, das Croissant schneiden oder plätten, gar in den Kaffee tunken? Der Querschnitt durch die so unterschiedlichen Gebietskörperschaften des Maaslands verspricht aufschlussreiche Ergebnisse.

Doch als etwa eine Stunde später die Teller zur Kaffeepause hin abgeräumt werden, sind diese kulturellen Unterschiede zwischen den Teilnehmern im wahrsten Sinne des Wortes weggeputzt. Auch die anwesenden Wallonen, in der Region bekannt für ihren französischen Sinn für guten Geschmack, haben sich nicht beschwert, dass das leicht trockene Industriegebäck kaum noch etwas mit einem handwerklich hergestellten Croissant zu tun hat, dass der Legende nach während der Belagerung Wiens durch die Türken im ausgehenden 17. Jahrhundert erfunden wurde und in seiner Form an den zunehmenden Halbmond auf der osmanischen Flagge, den lune croissant, erinnern soll. Fast alle Anwesenden schneiden das dröge Hörnchen mit dem Messer auf – lediglich eine niederländisch-limburgische Testperson bestreicht das gesamte Croissant, wie in Frankreich üblich, mit dem homogenisierten Fruchtaufstrich. Die deutschen Teilnehmer vernachlässigen ihren in vielen Urlauben in Holland, Spanien oder Italien erworbenen gierigen Ruf der Gierigkeit und essen die ihnen zugeteilte Marmelade nicht auf. Und nicht nur auf den Tellern der doch so reich mit Milchprodukten gesegneten Niederländer bleibt die Butter liegen, da sind sich alle Esser im Sinne eines niedrig zu haltenden Cholesterinspiegels offensichtlich einig. Frau Antje – übrigens eine bei den Nachbarn vollkommen unbekannte Werbefigur des Niederländischen Molkereiverbands – hätte an dieser Runde sicherlich keine Freude!

Mögen die mentalen Grenzen zwischen den Staaten auch 20 Jahre nach dem Schengener Abkommen hier und da noch den gemeinsamen Alltag erschweren, im gemeinsamen Frühstück sind sie an diesem Morgen gründlich nivelliert. Das Croissant hat sich in toute l’Europe von einem französischen Backwerk ungeklärter österreichischer Herkunft zum größtmöglichen Frühstückskonses entwickelt. Es ist, abseits aller Qualitätsunterschiede, in seiner Universalität zur Tiefkühlpizza der Morgenstunden geworden.