miniportion 279: cidre

Cidre in Flaschen, Cinq Autels 2011

Cidre in Flaschen, Cinq Autels 2011

Im Haus meiner Oma durfte ich nicht nur gelegentlich meinen Finger in ein Eierlikörglas tunken, sondern auch, nach dem Rasenmähen, im Sommer ein Glas Cidre trinken. Wenn niemand anders zugegen war sahen wir über die zwei Prozent enthaltenen Alkohols hinweg. Die grüne Flasche hatte damals eine hübsche Darstellung eines Apfelbaums auf dem Etikett und es gab ihn in zwei Sorten – trocken und lieblich. Wobei Oma und ich uns unausgesprochen einig waren, dass eigentlich nur die süffige Variante in Frage kam.

Jahre später erklärte mir ein Cidre-Bauer in der Normandie, die grobe Zusammensetzung seines Getränks, ohne ins Detail zu gehen und mir Geschäftsgeheimnisse zu verraten versteht sich. 20 Prozent saure Äpfel verwende er, 20 Prozent bittere und der Rest seien normale, süße Äpfel. Die bitteren Früchte, so fuhr er fort, während er uns durch den Schuppen mit der Abfüllanlage führte, seien wichtig, da sie dem Cidre das Aroma geben würden. Wie ein langer Wein, dessen Geschmack noch lange auf der Zunge bleibt. Grundsätzlich sei der Geschmack aber von Produzent zu Produzent unterschiedlich, weil die vorhandenen Hefen teils in der Luft, teils auf dem Obst und teils im Gebäude auf ihren Einsatz warten würden. Industriell hergestellter Cidre schmecke hingegen immer gleich, weil er meist aus Apfelsaftkonzentrat, plus Wasser, plus Zucker, plus Hefe, plus Kohlensäure bestehe. Handarbeit spiele nach wie vor eine große Rolle, so der Betreiber des ältesten Bio-Hofs in der Normandie, auch wenn hier und da immer ein bisschen mehr Technik zum Einsatz komme. Stolz zeigte er uns einen neue Anlage zum Aufkleben der Etiketten und seine in Deutschland gebaute Presse. Nach dem Keltern, erläuterte er in mehr als passablem Deutsch, würden die Apfelreste teils auf den Feldern verteilt, teils an die Kühe verfüttert. Letzteres allerdings nur in Maßen, wegen des hohen Zuckergehalts. Das hätte Oma und mir gefallen!

miniportion 075: apfelkorn

Apfelkorn für Kenner (Calvados Domaine Cinq Autels), Köln 2013

Apfelkorn für Kenner (Calvados Domaine Cinq Autels), Köln 2013

Es ist kaum noch vorstellbar, aber es gab einmal eine Zeit, in der Fruchtliköre und -schnäpse nicht in kleinen Fläschchen verkauft wurde, die man sich während der Karnevalstage als Patronengürtel um die Hüfte schnallen kann. Bei uns auf dem Dorf kam Apfelkorn in ordentlichen Portionen. In richtigen Flaschen, wie sie mitunter auch schon mal im Kühlschrank des örtlichen Pfarrheimes zu finden waren. Dort wurde, anders als in vielen Vereinen, die Jugend nicht zum trinken animiert. Das hielt Jugendgruppenfreund E. und mich aber nicht davon ab, eines Tages herausfinden zu wollen, wie Apfelkorn eigentlich schmeckt. Ich muss an dieser Stelle die Leser und Leserinnen fairerweise darauf hinweisen, dass offensichtlich auch damals schon beträchtliche Mengen alkoholischer Getränke nötig waren, um bei mir eine Wirkung zu zeigen. Es folgte also kein erster Rausch mit entsprechend lustigen Anekdoten und einem üblen Erwachen, sondern lediglich ein ungutes Gefühl. Denn schließlich hatte ich etwas genommen, was nicht mein war. Darin – also in der Animation von Schuldgefühlen – sind katholische Einrichtungen ja traditionell ganz gut. Der Apfelkorn und ich wurden übrigens keine Freunde. Mir wollte sich nicht erschließen, wieso man anstatt eines Getränks, das wie Apfelsaft mit einem unangenehmen Beigeschmack schmeckt, nicht gleich ganz gewöhnlichen Apfelsaft wählt.

Wobei die Kombination von Schnaps und Apfel ja, so sehe ich das heute, durchaus ihren Reiz haben kann. Man denke nur an einen guten Calvados. Vor einigen Jahren stand eine Reise in die Normandie ganz unter dem Thema Apfel und erreichte ihren Höhepunkt in zwei Übernachtungen auf der Domaine Cinq Autels, einem der ersten Biohöfe der Region Pays d’Auge. Dort wird neben Cidre und Calvados auch ein sehr trinkbarer Aperitif namens Pommeau produziert, was zu Deutsch etwa Knauf bedeutet. Dieser besteht aus jungem Calvados und Apfelmost. Eine große Flasche s’il vous plaît!