miniportion 160: chorizo

Chorizo als Schmierwurst, Gran Canaria 2010

Chorizo als Schmierwurst, Gran Canaria 2010

Mit der Wurst ist es wie mit Volkstrachten, ihre gegenwärtige Form wurde irgendwann festgelegt, um die Vermarktung von regionaler Identität für den Tourismus zu optimieren. An dieser Stelle die Top 5 der europäischen Wurstfolklore:

ungarische Salami

Mit oder ohne Knoblauch, mit Pfeffer- oder Käserand, mit Fenchel oder Trüffel – an der Sortenvielfalt in bundesdeutschen Wursttheken lässt sich unschwer erkennen, dass die ursprünglich italienische Spezialität („salame“ bedeutet so viel wie „gesalzene Wurst“) längst assimiliert wurde.

spanische Chorizo

Seit Tapas auch in Deutschland zum guten Vorpeisenton gehören, kennt man auch bei uns spanische Paprikawurst, die ich persönlich in Stücke geschnitten und in Apfelwein gekocht bevorzuge. Ihr Härtegrad ist übrigens davon abhängig, wo in Spanien man sich gerade befindet. Auf Gran Canaria zum Beispiel auch als Schmierwurst erhältlich, die vage an pikante Teewurst erinnert.

italienische Mortadella

Mortadella überzeugt mich seit jeher durch ihre Dimensionen. Eine umfangreichere Wurst ist mir nicht bekannt und keine aus der man als Kind mit so viel Genuss die enthaltenen Pistazien rausfummeln kann.

österreichische Käsekrainer

Auch wenn wir zumeist an Österreich denken, ist die namensgebende geografische Herkunft dieser noch vergleichsweise jungen Spezialität die Region Krain in Slowenien. Den umgangssprachlichen Namen der Wurst in Wien, der sich auf den enthaltenen Käse bezieht, finde ich so unappetitlich, dass ich auf seine Nennung an dieser Stelle glatt verzichte.

türkische Sucuk

Hiesige Wurst besteht fast immer, zumindest teilweise, aus Schweinefleisch. Andere kulturelle Kontexte können aber durchaus auch ohne, denn auch aus Rind, Kalb oder Lamm kann man tolle Wurst herstellen – beispielsweise Sucuk in der Türkei.

bayerischer Leberkäse

Lauwarm im Brötchen, für manche die Rettung in der Fußgängerzone. Gebraten mit Spiegelei auf Graubrot die Fleischwerdung gutbürgerlicher Wurstträume.

ethnografische notizen 022: gran canaria 03

Ein letzter Bericht von der Insel, denn es wäre vermessen, nicht wenigstens einmal über die einheimische Küche zu schreiben, die abseits des touristischen Fleischsalats (pun intended!) durchaus auch interessantes zu bieten hat. Auch wenn die Unterschiede zum spanischen Festland bis auf die obligatorischen papas arrugadas con mojo, kleine in Salzwasser gekochten Kartoffeln mit Knoblauchsalsa, und eine gelegentliche Papaya eher gering sind.Doch der Reiseführer empfiehlt den Bauernmarkt von Teror, einer kleinen Stadt im Norden der Insel. Der Ort sei, so heißt es weiter, bislang von den Auswüchsen des Massentourismus verschont geblieben sei. Als wir nach einer langen und kurvenreichen Fahrt durch das Innere der Insel auf einer vollkommen verstopften Zugangstraße umkehren müssen, um uns außerhalb der Kleinstadt einen Parkplatz zu suchen, kommen jedoch die ersten Zweifel.

Chorizo terorero, Gran Canaria (Dezember 2010)

Chorizo terorero, Gran Canaria (Dezember 2010)

Der Markt als solcher ist aber dann doch überwiegend von Spaniern besucht, entspricht aber nur bedingt meinen zugegebenermaßen romantisch verklärten Vorstellungen eines Bauernmarktes auf dem schwarz gekleidete und freundlich lächelnde kanarische Witwen die Früchte ihrer Feldarbeit verkaufen. Die meisten Stände verkaufen Brot und Kuchen aus einer Bäckerei oder Plastikware aus südostasiatischer Produktion und vor dem Rathaus beschallt eine Gruppe Südamerikaner den Platz mit der gleichen Indio-Folklore, die auch in Deutschland seit Jahren die Fußgängerzonen erklingen lässt. Es ist Mittag und bei einer freundlichen Dame mittleren Alters, offensichtlich keine Witwe sondern eine dynamische Ich-AG, erstehe ich ein Butterbrot mit Käse und eins mit Chorizo. Das Brot ist ziemlich luftig-locker, die Chorizo heißt hier teroreo und ist eine Schmierwurst, der Käse aus einer Mischung aus Ziegen-, Schafs- und Kuhmilch und ziemlich kräftig im Geschmack. Die Verkäuferin freut sich sichtlich über meine auf eingeübtem Spanisch vorgetragene Bestellung und zum ersten Mal seit Ankunft bekomme ich keine deutsche Antwort.

Tortilla español in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Tortilla español in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Wir beschließen in einer Bar am Ortsausgang noch einen Kaffee zu trinken. „Einmal tortilla español“, wiederholt mein Freund Rainer mehrmals und zeigt auf die am Eingang hängende Kreidetafel mit den Tagesgerichten. Die dicke Dame hinter der Theke legt ihre Zigarette weg und lässt sich auch durch die Tatsache, dass keiner von uns ihre Rückfrage versteht nicht aus der Ruhe bringen. Sie verschwindet hinten durch und bringt Besteck und Servietten für sieben Personen. „Wahrscheinlich hast Du gerade für den ganzen Ort bestellt“, sage ich. Die Portion bleibt überschaubar, ist aber großartig lecker, da sind sich alle einig.

Maronenverkauf in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Maronenverkauf in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Vor der Kirche dann endlich eine kanarische Witwe, die – zwar nicht schwarz gekleidet und auch nicht wirklich freundlich lächelnd –  in zwei großen auf mit heißen Kohlen gefüllten Stahlrohren stehenden Kochtöpfen Maronen röstet. Der Stand daneben verkauft unter dem originellen Namen Buen Rollo den transsilvanischen Baumkuchen, den ich unlängst in Budapest und zu Ostern auf dem Alstädter Ring in Prag probieren konnte. Deutsche Weihnachtsmarktbuden verkaufen schließlich auch lángos, warum sollte man also kurz vor Weihnachten auf den Kanaren also nicht kürtös kalács bekommen? Willkommen in Europa!