Tag Archives: Café

ethnografische notizen 240: wien 4/5

2 Jan

Wien zeichnet sich durch ein beharrliches Festhalten an Traditionen aus, durch eine Lust an komplizierten Ritualen und eine gewisse Skepsis gegenüber kulinarischer Innovation. Kurz: Eine ganze Stadt tut so, als wären die letzten 100 Jahre nicht passiert. Das zeigt sich ganz besonders in den kulinarischen Konventionen und Gepflogenheiten …

Punschkrapfen im Cafe Prousek/Aida, Wien – 12/2017

Punschkrapfen im Cafe Prousek/Aida, Wien – 12/2017

Punschkrapfen stehen auf dem digitalen Zettel, auf dem ich im Smartphone vor der Reise Empfehlungen aus allen Richtungen gesammelt habe. Aber auch die Tische in den Kaffeehäusern sind nicht wesentlich einfacher zu ergattern als die für das Abendessen. Im Prückel ist alles voll. Im Prousek, einem kleinen zweckmäßigen Café – augenscheinlich aus den späten 1950er Jahren und ohne jegliche Grandezza – finden sich zwei kleine Tische, die wir zusammenschieben nachdem die dort pausierende Schulklasse sich mit entsprechendem Getöse verabschiedet hat. Weiterlesen

ethnografische notizen 240: wien 2/5

28 Dez

Wien zeichnet sich durch ein beharrliches Festhalten an Traditionen aus, durch eine Lust an komplizierten Ritualen und eine gewisse Skepsis gegenüber kulinarischer Innovation. Kurz: Eine ganze Stadt tut so, als wären die letzten 100 Jahre nicht passiert. Das zeigt sich ganz besonders in den kulinarischen Konventionen und Gepflogenheiten …

Café Diglas

Gulaschsuppe, Café Diglas, Wien -12/2017

Gulaschsuppe, Café Diglas, Wien -12/2017

1/8 gelber Muskateller | Gulaschsuppe mit Schwarzbrot | verlängerter Schwarzer Weiterlesen

miniportion 267: filterkaffee

19 Okt
Ordentliche Kaffeefilter, Aachen 2013

Ordentliche Kaffeefilter, Aachen 2013

In der Aachener Innenstadt gibt es ein sehr hübsches, historisches Kaffeehaus, dass sich dort befindet, weil im Jahre 1466 Karl der Kühne das heute belgische Städtchen Dinant schleifen ließ, sich die an der Maas arbeitenden Kupferschmiede gezwungen sahen nach einer neuen Bleibe zu suchen … der gesamte Verlauf der Begebenheit ist sehr interessant, würde aber den Rahmen dieses kleinen Beitrags sprengen. In selbigem, indirekt aus dieser grauslichen Geschichte hervorgegangenem hübschen, historischen Kaffeehaus bekam man bis vor ein paar Jahren den schlechtesten Filterkaffee der ganzen Stadt. Mittlerweile, auch das nur am Rande, ist das Etablissement wieder in belgischer Hand und alles hat sich zum Guten gewendet. Den schlechten Kaffee musste man aber jahrelang immer wieder mal in Kauf nehmen – nämlich dann, wenn man Gäste aus dem Ausland oder auch anderen Teilen der Republik zu Besuch hatte, denen man die Heimatstadt in einem möglichst günstigen Licht erscheinen lassen wollte, zu dem natürlich auch der Besuch eines Kaffeehauses gehörte. Da aber, das muss man wissen, gegen Ende der 1980er Jahre alle anderen Kaffeehäuser aus verschiedensten Gründen mit einem Mal geschlossen wurden, blieb einem ja gar nichts anderes übrig, als in diesem einen, zugegebenermaßen sehr hübschen und historischen, Lokal einzukehren. Dort bekam man nämlich von mäßig freundlichen Damen im fortgeschrittenen Alter einen Kaffee aufgetischt, der in einem Edelstahlfilter frisch auf die Tasse gebrüht wurde. Das klingt nicht schlecht, weil sehr individuell und nachhaltig, hatte aber den großen Nachteil, dass a) die Hälfte des Wassers danebenlief, man sich b) die Finger verbrannte und c) das am Boden des Filters befindliche Filterpapier beim Filtervorgang für gewöhnlich seinen Geist aufgab und das Gesamtgetränk mit Kaffeesatz durchsetzte. Was tat man früher nicht alles für den Ruhm der Heimatstadt in der weiten Welt!!

ethnografische notizen 013: ungarn 04

28 Nov

24. November 2010 – Pécs/Budapest

Pécs, November 2010

Nachdem ich zunächst aus Versehen im Raucherabteil des Intercitys nach Budapest gelandet bin, sitze ich auch im richtigen Waggon aufgrund sprachlicher Unzulänglichkeiten auf dem falschen Platz, den ich bereitwillig für eine aus fünf Frauen um die Siebzig bestehende Reisegruppe räume. Die kleinen Köfferchen der Damen, die unter einigen Aufregung ins Gepäcknetz gehoben werden, lassen entweder auf einen Kurztrip in die Hauptstadt oder die Rückkehr von einem ebensolchen nach Pécs schließen. Lavendel- und fliederfarbene Pullover mit kleinen gehäkelten Kragen, durch regelmäßige Friseurbesuche überstrapaziertes dünneres Haar, die unvermeidlichen praktischen Westen und hier und da ein Akzent in Form von dezentem Goldschmuck. Witwen der oberen Mittelschicht, wenn es die in Ungarn noch gibt.

Nachdem die Gruppe sich – die Frage „In welche Richtung fährt der Zug, damit mir nicht schlecht wird?“ verstehe ich auch ohne Ungarischkenntnisse – sortiert hat, frage ich mich, wie sie die knapp drei Stunden Fahrt provianttechnisch überbrücken werden und stelle mir die ungarische Version eines Senioren-Picknicks im Zug vor. Kleine Würstchen, eingelegter Paprika und vielleicht eine kleines Gläschen pálinka? Schon beim Niederlassen stellt die am konservativsten gekleidete Dame mit einer komplizierten von zwei seitlichen Kämmen gehaltenen Einschlagfrisur einen größeren Gefrierbeutel auf den Tisch, den sie mehrmals ordentlich glatt streicht. Daneben zwei Flaschen mit Wasser der Marke Aquarel von Nestlé, das auch hier in Ungarn Marktführer ist. Kurz nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hat, wird das Geheimnis gelüftet. Die Tüte enthält vier kleine Stücke kompakten, selbstgebackenen Kuchens in einer Plastikschale, den die Dame im lila Twinset auf hellgelben Servietten an ihre Mitreisenden austeilt. Nach dem ersten Imbiss unterhält man sich, lacht, blättert oberflächlich in der einen oder anderen Illustrierten und wirft in regelmäßigen Abständen einen strengen Blick auf das Handy. Was Damen in diesem Alter eben so tun auf einer Zugreise. Hin und wieder greifen sie in die Kekstüte, die, nachdem die Krümel des Kuchens sorgfältig entsorgt worden sind, zur allgemeinen Verfügung steht. Bei jedem Bahnhof nennen schauen sie alle vier aus dem Fenster und nennen mehrmals den Namen der Ortschaft, für mich ein kostenloser Crashkurs in ungarischer Aussprache. Etwa nach der Hälfte der Fahrt erscheint aus einer anderen Handtasche ein weiterer Beutel, der bis oben gefüllt ist mit kleinen runden Teigbrötchen, die wiederum in ihrer Form an Buchteln erinnern und oben und unten knusprig gebräunt sind. Die Damen greifen erfreut und beherzt zu, meine interessiert-sehnsüchtigen Blicke bleiben unbemerkt und ich konzentriere mich auf die Flasche Coca Cola Zero die ich vor der Abfahrt für 300 Forint am Bahnhofskiosk erstanden habe. Igazi Coke iz, zero cukor lautet der Slogan auf dem Etikett, was vermutlich etwa „100 Prozent Coke, zero“ Zucker bedeutet. Wie in Frankreich scheint man hier Coca und nicht Cola zu sagen. Die flüssige Inkarnation der Globalisierung gehört auch zum Angebot der dicken Dame von der Bahn, die in einer weißen Polyesterbluse einen schrammeligen Teewagen mit Plastikflaschen und Schokoladenriegeln durch das Abteil schiebt. Schräg gegenüber verteilt die Königin der Reisegruppe eine Runde Äpfel, die schon ein bisschen mitgenommen aussehen, was für die Heimkehr-nach-Budapest-Version spricht. Essen will sie aber auch heute keiner. Die sportliche Teilnehmerin in Turnschuhen und Jeans, die sich aus ihrer Handtasche eigensinnig mit einer orangefarbenen Limonade versorgt, verschließt sorgfältig den Gebäckbeutel, damit die Reste nicht austrocknen.

Da ist das Paar in der Budapester U-Bahnlinie schon traditionsbewusster. Offensichtlich vom Weihnachtsmarkt kommend, essen sie eine Art Baumkuchen, hier in Ungarn Kürtőskalács genannt, aus einer Plastiktüte. Mit Zucker bestreute hohle Teigrollen, die über einem offenen Holzkohlenfeuer gegart werden und die ich zum erst mal auf einem vergleichbaren Ostermarkt in Prag gegessen habe. „Ich glaube, diese Tradition kommt eigentlich aus Transsilvanien“, sagt Feri, den ich aber langsam im Verdacht habe, jedes nicht originär aus Ungarn stammende Brauchmuster als transsilvanisch zu bezeichnen.

Eine durch und durch Budapester Empfehlung gibt er mir jedoch mit der Cukrásda Lucacs auf der Andrassy ut. An der Kuchentheke der 1912 gegründeten Institution entscheide ich mich für Dobos tarta, eine Schichtorte aus Biskuitboden und Kakakocreme mit einer dicken Karamellplatte als Abschluss. In einem Buchladen in Buda schlage ich später am Nachmittag in einem deutschsprachigen Kochbuch das Rezept für die Dobos-Torte nach: „Man nehme 500 Gramm Zucker …“

Lukács Cukrászda, Budapest, November 2010

„Der Mann hat doch auch ein Foto von der Torte gemacht“, sagt eine mittelalte Niederländerin zu ihrer Begleitung und blitzt ihre Freundinnen bei der Kuchenauswahl. Das behutsam modernisierte Café vermittelt mit seinem eierschalfarben-goldenen Stuck, den silbergrauen Textiltapeten und dem riesigen Kamin mit Spiegel am Ende des Raumes eine Vorstellung wie hier nach der Eröffnung des Lokals auf der durchaus mit Pariser Dimensionen vergleichbaren Prachtstraße bestellt und verzehrt wurde. Der Kellner bringt meine Torte und nimmt am Nachbartisch die Bestellung auf. Die Kamerabesitzerin stiefelt auf der Suche nach der besten Perspektive durch den Saal und ruft: „Say cheese, girls“ und gleich drei ihrer Freundinnen mit den praktischen Kurzhaarfrisuren bestellen Icetea.

„Gut, aber nicht billig“, hatte mich der Budapester Experte gewarnt. Der Kellner lächelt gnädig, als ich auf ungarisch nach der Rechnung frage. Seine Professionalität kostet dann auch 15% Trinkgeld, die, wie in Ungarn vielfach üblich, direkt auf dem Bon mit abgerechnet werden.