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ethnografische notizen 265: köln in zeiten von corona

1 Apr

Ristorante Giovanni, Neusser Straße, 26.03.2020

Nippes

Beim Kornbrenner sind die Rolladen runter. In den Blumenkästen auf der Fensterbank blühen ein paar Flammende Käthchen vor sich hin. „Wir wünschen allen erstmal Gesundheit, Geduld und Hoffnung“, steht auf einem Schild neben dem verschlossenen Eingang, „und dass wir uns alle wiedersehen nach dieser Krise! Euer Korni“

Buondi, der Pizza-Burgerladen nebenan bietet alle Speisen von der Karte zum Mitnehmen an. Auf diesem Stück der Neusser Straße ist am frühen Nachmittag aber niemand unterwegs.

Gegenüber, im Ristorante Giovanni, sind die Tische mit rot-weißkarierten Decken und Weingläsern eingedeckt. An der Türe hängt ein schönes, handgeschriebenes Plakat, die wichtigsten Infos sind in Rot doppelt unterstrichen. „Bleiben Sie gesund, Ihr Giovanni“.

Das Café Melange hat den Laden zum Wohl aller für den Publikumsverkehr geschlossen, Kaffee und Kuchen gibt es aber weiterhin. Eine Tafel verweist auf die Homepage www.espresso-fuer-koelle.de auf der man die eigenen Lieblingscafés mit einem virtuellen Espresso für 2,50 € unterstützen kann. „Natürlich bekommt jeder auch seinen richtigen Kaffee, wenn alles vorbei ist. Zeigt einfach eure PayPal-Überweisung vor.“

Auf einem kleinen Mauervorsprung vor dem Imbiss Tadim Kebap wird an den Umkreis von 50 Metern erinnert, in dem nichts verzehrt werden darf. Ein großer Pfeil auf Papier weist nach unten „Hier nichts essen“. Daneben steht ein Aschenbecher, vermutlich für das Personal.

Die Ketten stellen sich von Tag zu Tag professioneller auf.  Mitunter vermischen sich emotionale Appelle mit (ebenfalls berechtigten) Geschäftsinteressen. An der Filiale der Bäckerei Kamps lese ich, dass man nun auch telefonisch vorbestellen kann. „Denken Sie auch an Ihre Freunde, ältere oder kranke/nicht mobile Angehörige und Nachbarn, die sich über frische Backwaren freuen.“

Auch das Backwerk hat ein neues Plakat mit der Silhouette von zwei abstandhaltenden Menschen. „Warten Sie bitte gegebenenfalls. Danke für Ihre Geduld.“

Interessant ist, wer hier wen duzt und siezt, wer wie flapsig oder formal formuliert. Die Flora 6, die nach eigenen Angaben legendäre Veedelskneipe mit Charme, hat sich für einen sehr sachlichen Tonfall entschieden. „Liebe Gäste, aus gegebenem Anlass – Coronavirus (SARS-Co-V-2) und den damit verbundenen behördlichen Einschränkungen, müssen aufgrund der Verordnung der Stadt Köln v. 16.03.2020 ab einschließlich Dienstag, den 17.03.2020 alle Restaurants und Gaststätten bis auf Weiteres schließen“, heißt es auf dem Ausdruck im Kasten auf der dunkelbraun gefliesten Wand. „Wir werden euch informieren, sofern und sobald sich die Sachlage ändert.“

Da ist das Haus Schnackertz eine Ecke weiter sehr viel persönlicher. Auf der Metalltüre hängt ein dicht beschriebenes Blatt von einer Flipchart. „Unterstützt uns und bleibt vor allem gesund!“ Die Gäste werden darüber informiert, dass sie über Lieferando oder direkt am Telefon bestellen können, aber auch, dass sie bitte Abstand halten sollen.  „Wir haben Wartezonen entsprechend vorbereitet. Ggf. bitte draußen warten bis wieder Platz ist!“

Der Hornochse bietet ab 16.00 Uhr Burger zur Mitnahme und einen Zettel an der Türe, auf dem junge Menschen sich zum Einkaufen oder zur Kinderbetreuung anbieten. „Da das neuartige Coronavirus immer mehr das tägliche Leben verändert, würden wir, die jüngere Generation (SchülerInnen aus Köln, 16-19 Jahre) gerne helfen.“

Die Pizzeria Mitica Italia ist gänzlich geschlossen, der graue Rollladen heruntergelassen. „Aufgrund der aktuellen Situation müssen wir auf unbestimmte Zeit schließen! Hoffentlich bis bald“

Die Abholmetzgerei Jupp Schlömer hat geöffnet und außerdem ihr Sortiment erweitert. „Aufgrund der augenblicklichen Situation bieten wir Ihnen auch Hackfleisch in unseren Geschäften an. […] Bitte beachten Sie, dass der Artikel am selben Tag verbraucht oder eingefroren werden sollte! Bitte tätigen Sie keine Hamsterkäufe, es kommt täglich frisches Hackfleisch nach. Denken Sie auch an die Anderen!!“

Café Wohnraum, Neusser Straße, 26.03.2020

Das Café Wohnraum ist zuversichtlich. „Wir werden auch diese Hürde zusammen meistern“, steht auf dem Kundenstopper auf dem Gehweg. Im Inneren ist mit jeweils zwei Stühlen markiert, in welchem Abstand man sich aufstellen soll.

In der Verkündung der Filiale der Pizzeria Piccola klingt noch immer ein wenig Überraschung mit: „Leider gehen die aktuellen Ereignisse nicht an uns vorüber …“

Die Konkurrenz, Mimmo & Santo, hingegen nimmt’s mit sehr subtilem Humor. „Wir bitten um Ihr Verständnis und sind, sobald möglich, wieder für Sie da. Bleiben Sie gesund! La direzione“

Törtchen Törtchen ist geöffnet. Am Vortag erzählt mir Geschäftsführer Matthias Ludwigs, dass es bei aller Vorsicht, den Mitarbeiter*innen guttäte, mitzubekommen, dass sich die Kunden über die Öffnung freuen. Es gibt Quiche aus unserer Backstube, ofenfrisches französisches Landbrot und dann natürlich Macarons, Törtchen und Tartes. Ein Mädchen kommt aus dem Laden, als ich gerade ein Foto vom Angebot mache. Wir tauschen unbeholfen freundlich-verlegene Blicke aus. „Bitte gehen Sie weiter und verzehren die bei uns gekauften Produkte am besten zu Hause.“

Da Alessandro nimmt Bestellungen nur noch VOR der Türe an. „Laut Verordnung ist es verboten, sich im Laden aufzuhalten und alles nur To Go. Vielen Dank!“

Em Golde Kappes, Neusser Straße, 26.03.2020

Den Eingang vom Em Golde Kappes habe ich noch nie verschlossen gesehen. Darauf ein schlichtes rotes Schild.

Mit dem Verzehrverbot rund um die Restaurants und Imbisse stellen sich neue, praktische Fragen. Das Café Goldjunge bietet seine Speisen „warm zum Mitnehmen oder zum selber aufwärmen für zu Hause.“ Die Salatfabrik hat den Laden ausgeräumt und bietet nur noch To Go. Innen lehnt ein einsames, seltsam doppeldeutiges Schild mit der Aufschrift „stay healthy“gegen eine Säule im ansonsten vollkommen leeren Raum.

Metzgerei Stock, Neusser Straße, 26.03.2020

Das Jacques‘ Weindepot ist erst nach Aufforderung zu betreten, der Metzgerei Stock ist es ein Anliegen die Mitarbeiter*innen zu schützen. „Dazu werden wir, neben weiteren Abtrennungen, die im Auftrag sind, auch die Bedienvorgänge anpassen. Wir bitten um Ihr Verständnis, wenn sich dadurch längere Wartezeiten ergeben sollten.“ Hochkant aufgestellte rote Fleischerkisten aus Kunststoff trennen die Kunden voneinander.

Das Galerie Café nimmt Bezug auf die andauernde Toilettenpapier-Krise: „Klopapier kann man nicht essen – aber dafür unsere leckeren belegten Brote (z.B. Avocado-Lachs).“

Auf der anderen Straßenseite stehen die Kund*innen vom Eingang der Rossmann-Filiale an, die Schlange geht vorbei an Ernstings family, Geers Hörgeräte und der Maris Apotheke bis zum Rewe. „Verkaufe meistbietend“, witzelt ein Mann mit einem großen Paket unter dem Arm. Die meisten Leute lachen und ich muss an die Aufrufe auf Twitter denken, Anbieter von Trockenhefe zu Wucherpreisen zu melden.

Der Blumenladen Ecke Kuenstraße hat sein Geschäftsmodell komplett auf Selbstbedienung verlegt. Vor der Türe stehen Schnittblumen und Sträuße, Pötte und Töpfe. Die ausgewiesenen Preise steckt man einfach in den Briefkasten. Ein kleines Mädchen wirft ein paar Münzen hinein. „Möchtest du meins auch einwerfen?“, fragt eine ältere Dame freundlich und hält dem Kind einen 5-Euro-Schein hin. „AUF GAR KEINEN FALL!“, ruft die Mutter aufgeregt. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte die Seniorin, „da habe ich gar nicht dran gedacht.“ „DAS GEHT GAR NICHT“, empört sich die Mutter weiter. „Entschuldigung“, sagt die alte Frau sichtlich betroffen. „WENN MIR WAS PASSIERT …“ Die Mutter ist nicht zu beruhigen.

„Liebst du was du machst?“ steht auf dem Graffito auf der Kaufhoffassade.

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.

ethnografische notizen 259: köln in zeiten von corona

26 Mrz

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Steffen Potratz-Heller, Brauerei Heller

Steffen Potratz-Heller, Brauerei Heller, Köln (Foto: privat)

Der Journalist & Biersommelier führt mit seiner Frau, Brauerin Anna Heller, die Brauerei, das Brauhaus und die Gastronomie im Volksgarten.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Es hat sich letztendlich ja angekündigt, weil in den Tagen vorher schon die Bars und Kneipen geschlossen wurden. Im Prinzip hatten wir also damit gerechnet. Weiterlesen

ethnografische notizen 244: foodcamp cologne 02

1 Sep
Food Camp Cologne im Marieneck, 08/2018

Food Camp Cologne im Marieneck, 08/2018

E-Mail an die Teilnehmer*innen (28.08.2018)

Liebe Food Camper,

noch zwei Tage und es geht los! Vorab noch ein paar Worte zum gemeinsamen Kochen am Freitag: In den kommenden Tagen werden wir uns mit der Annahme beschäftigen, dass Köln mehr zu bieten hat als die Brauhauskarte bietet. Trotzdem sollen die kölschen Klassiker nicht fehlen. Wir haben daher Warenkörbe zusammengestellt, mit denen man theoretisch ganz traditionelle Gerichte wie Rievkoche, Himmel un Äd oder Prummetaat kochen KÖNNTE. Die Herausforderung wird aber sein, diese kölschen Signature Dishes auf ein neues Niveau zu heben. Und da seid ihr alle gefragt. (…) Alles kann, nichts muss. Hauptsache wir sind mit Spaß bei der Sache. Weiterlesen

ethnografische notizen 243: foodcamp cologne 01

31 Aug
Food Camp Cologne im Restaurant maiBeck, 08/2018

Food Camp Cologne im Restaurant maiBeck, 08/2018

 

Dass in Köln gerade nicht nur viele interessante Restaurants eröffnen, sage ich, sondern, dass da generell eine Aufbruchsstimmung zu verspüren sei. Endlich!

Die 16 anwesenden Journalist*innen, Blogger*innen und Expert*innen im maiBeck schauen mich erwartungsvoll an, während ich das Programm der nächsten Tage durchgehe.

Und plötzlich merke ich, während ich mir selber zuhöre, was eigentlich meine Mission geworden ist. Weiterlesen