miniportion 275: bocksbeutel

Die jungen Franken, Aachen 2011

Die jungen Franken, Aachen 2011

Im guten, wenn auch meist ungeheizten, Wohnzimmer meiner Großmutter väterlicherseits gab es hinten in der Ecke ein Wandregal, in dem interessante Dinge aufbewahrt wurden. Zum Beispiel so eine Art medizinisches Hausbuch mit unappetitlichen Abbildungen von diversen Krankheiten, das wir Enkel deshalb nicht anschauen durften, verschiedene Souvenirs von selbst getätigten Reisen und Mitbringsel von Rückkehrern aus der Ferne. Ich erinnere mich an eine kleine Handtrommel, an Kastagnetten und ein Trinkschlauch aus feinem Wildleder. Letzteren verbinde ich aus einem nicht mehr nachvollziehbaren Grund mit dem Stichwort Jugoslawien und stellte mir als Kind gerne vor, wie Arbeiter auf dem Feld oder im Wald aus einem solchen Lederbeutel trinken würden. Vielleicht auch, weil mein Vater mir einmal von einem Bekannten erzählt hatte, der ohne zu Schlucken eine ganze Flasche leer trinken könne, was mich sehr beeindruckte. Ich glaube nicht, dass im guten Wohnzimmer meiner Großmutter jemals jemand eine Flasche angesetzt und in Einem, ohne zu schlucken, leergetrunken hat. Vermutlich hat auch niemals jemand aus diesem, vielleicht aus Jugoslawien stammenden, Trinkschlauch getrunken. Schließlich saßen wir meist ja nur zu besonderen Anlässen dort und dann gab es Sekt, Eierlikör und Sherry. Allenfalls ein Bocksbeutel – die fränkische, gläserne Version eines ledernen Trinkbehälters – mag vielleicht einmal auf dem Tisch gestanden haben. Obwohl der im Haushalt meiner Oma konsumierte Wein, soweit ich mich erinnern kann, von der Mosel kam.

Etymologisch gibt es übrigens zwei Erklärungsansätze für die Bezeichnung „Bocksbeutel“. Zum einen könnte es sich ursprünglich um einen Beutel für (Gebet-)Bücher gehandelt haben, zum anderen könnte das Wort aber auch an den Hodensack eines Ziegenbocks referieren. Es bleibt den Lesern und Leserinnen überlassen, welche Erklärung sie für plausibler und welche sie für schöner halten!