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miniportion 370: granny smith

4 Apr
Frutas sana, gente sana, Madrid 2010

Frutas sana, gente sana, Madrid 2010

In Köln gibt es ein sehr angesagtes Bäckerei-Café in dem sehr viele schöne, junge und erfolgreiche Menschen mit Kinderwagen verkehren und wo immer eine große Schale mit glänzenden grünen Äpfeln auf einer Ecke des angesagten Tresens steht. Man weiß eigentlich nicht genau wofür. Vielleicht, damit die schönen, jungen und erfolgreichen Menschen nicht dagegen laufen, vielleicht aber auch als kleines Geschenk für die Gäste – damit sie auch wiederkommen. Die armen Äpfel werden aber von einem Großteil der Kunden einfach ignoriert. Vielleicht weil sie nach einem riesigen Stück Bienenstich oder einer Gulaschsuppe im Röggelchen keine Lust auf einen säuerlichen Apfel haben, vielleicht aber auch wegen der nahezu unheimlich frischen grünen Farbe.

Dabei ist die ja eigentlich das Kennzeichen der Sorte, die wenn man sie übersetzt auch sehr gut aus dem Rheinland stammen könnte, die aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Australien entdeckt wurde und vor dem Einsatz als Kundenstopper vor allem zum Backen verwendet wurde. Hauptanbaugebiet sind laut Wikipedia Gegenden in Südeuropa und an der Westküste der USA mit sehr langen Wachstumsperioden. Das wird wohl stimmen, denn obwohl ich ja immer ein offenes Auge für den Obstanbau habe, ist mir noch nie ein Granny Smith-Baum untergekommen.

Man sagt ja, dass man einmal im Leben einen Apfelbaum gepflanzt haben sollte. Die Konsequenzen bei Nichtbeachtung sind mir nicht deutlich, aber zum 60. Geburtstag meiner Mutter schenkten wir ihr eine Rote Sternrenette, die sich als ziemlich unmotiviertes Gewächs entpuppte. So nahm sie sich exakt zwölf Jahre Zeit, um uns einmal mit einer handvoll Blüten zu entzücken. Was keinesfalls bedeutet, dass sie sich bequemen würde uns auch nur kleine Äpfelchen zu schenken. Das dauert vermutlich wieder eine halbe Generation. Vielleicht hätten wir es doch mit Granny Smith versuchen sollen, oder noch besser mit Oma Schmitz.

miniportion 262: bienenstich

14 Okt
Bienenstich – westdeutsche Art, Köln 2013

Bienenstich – westdeutsche Art, Köln 2013

Der Bienenstich ist ein Kuchen, in dem die deutsch-deutsche Grenze weiterexistiert. Im Osten handelt es sich dabei nach wie vor um einen ungefüllten Blechkuchen, während er im Westen einmal durchgeschnitten und mit Pudding gefüllt wird. In den Standardbackbüchern beider Republiken – „Das Backbuch“ aus dem Verlag für die Frau von 1967 im Osten beziehungsweise Dr. Oetkers „Backen macht Freude“ von 1960 aus dem Westen – finden sich erstaunlicherweise beide Varianten. Auch im Westen gibt es einen „Bienenstich vom Blech“ mit einem Belag aus Butter, Zucker und Mandeln und auch im Osten findet sich ein Rezept für einen „gefüllten Bienenstich“ mit einer leichten Vanillecreme. Diese Einmut widerspricht allerdings den emotionsgeladenen Diskussionen, die ich in der Vergangenheit mit Freunden aus dem Osten über die wahre Zubereitungsform eines Bienenstichs führte. Persönlich bevorzuge ich die Wirtschaftswunder-Variante, die sich aufgrund der Kombination von sahniger Creme und panzerhartem Belag kaum anständig essen lässt. Über die Jahre entwickelte ich allerdings eine Kuchengabel-Technik, mittels derer sich seitlich kleinere Stücke des Mandelkruste abtrennen und verspeisen lassen – wenn man mal einen guten Eindruck machen muss.

In meiner Kindheit hingegen aß ich gefühlt viel zu wenig gefüllten Bienenstich – nicht etwa, weil ich im Osten großgeworden wäre, sondern weil im biologisch-dynamischen Do-it-yourself-Haushalt meiner Eltern nur sehr selten gekaufter Kuchen auf den Tisch kam. Nur manchmal, wenn sich die Kleinfamilie beispielsweise nach dem Einkauf in der Stadt im Café Heinig in der Schmiedstraße wieder zusammenfand, bestand die Möglichkeit, diese meisterhafte Krönung zwischen Torte und Teilchen zu konsumieren. Die Jugend meines Freunds F. aus Hessen, der mir berichten kann, dass Bienenstich zum festen Repertoire der Geburtstagsfeiern seiner Großeltern gehörte, kann ich daher nur beneiden.