Tag Archives: Berlin

ethnografische notizen 225: berlin 2017/02

20 Jan

Garten der Lüste – Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin

Abgelegen zwischen irgendwie Parkplätzen und Baustellen, an denen mit diesen Temperaturen irgendwie niemand arbeitet. Das Niemandsland des Potsdamer Platzes ist nach Wende aus der Mitte hierhergerutscht. Irgendwie, alles irgendwie. Unmengen von Rollsplit, die, auch jetzt, wo das Eis der letzten Wochen nicht mehr da ist, nicht weggekehrt werden. Die beiden älteren Damen vor mir versuchen, das Gebäude durch die mittlere Eingangstüre zu betreten. Die macht aber keine Anstalten sich zu öffnen. Ich halte ihren die rechte Türe auf, während sie sich die Schuhe an der Schmutzmatte abstreifen.

Frans Snyders | Stilleben mit Hummer und Früchten | o.J. Kopie nach Hieronymus Bosch | Der Garten der Lüste | um 1550/60 Jan Davidsz de Heem | Früchte und Blumenkartusche mit Weinglas | 1651

Frans Snyders | Stilleben mit Hummer und Früchten | o.J.
Kopie nach Hieronymus Bosch | Der Garten der Lüste | um 1550/60
Jan Davidsz de Heem | Früchte und Blumenkartusche mit Weinglas | 1651

Am Eingang unterhält sich eine blonde Wächterin (in Zivil) mit ihrem schnauzbärtigen Kollegen (in Uniform) über die Überstundensituation. Weil ich nicht stören möchte, frage ich eine Kollegin im Nachbarraum nach der Hieronymus Bosch-Ausstellung. Da scheine ich nicht der erste zu sein. Sehr verbindlich weist sie mir den Weg und begleitet mich sogar ein paar Schritte. Bevor sie an ihren Platz zurückkehrt, bitte ich noch um Erlaubnis, mit dem Handy und ohne Blitz fotografieren zu dürfen. „Selbstverständlich“, sagt sie.

Frans Hals | Catharina Hooft mit ihrer Amme | um 1619/20 Jan Gossaert | Der Sündenfall | um 1525 Nicolaes Maes | Alte Frau beim Apfelschälen | um 1655 Meister des Gereon-Altars | Marienaltar aus St. Gereon | um 1420/30

Frans Hals | Catharina Hooft mit ihrer Amme | um 1619/20
Jan Gossaert | Der Sündenfall | um 1525
Nicolaes Maes | Alte Frau beim Apfelschälen | um 1655
Meister des Gereon-Altars | Marienaltar aus St. Gereon | um 1420/30

In Raum Römisch Zwei (Deutsche Malerei) berührt ein kleines Mädchen mehr oder weniger unbeabsichtigt den Rahmen eines Bildes und erschrickt ob des durchdringenden Alarmtons. Eine jüngere Frau mit zwei auf den Hals tätowierten Sternen, einem knielangen Pullover (schon wieder ein Pullover) und einer schwarzen Carharrt-Mütze durchquert den Saal.

Joachim Antonisz Wtewael | Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmal | 1605 Anne Vallayer-Coster, Stilleben mit Schinken, Flaschen und Radieschen, 1767 Pieter Bruegel d.Ä., Die niederländischen Sprichwörter, 1559

Joachim Antonisz Wtewael | Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmal | 1605
Anne Vallayer-Coster, Stilleben mit Schinken, Flaschen und Radieschen, 1767
Pieter Bruegel d.Ä., Die niederländischen Sprichwörter, 1559

Im der dann doch irgendwie überschaubaren Sonderausstellung sitzen weitere ältere Damen in kurzen Tweed-Jackets und flauschigen Pullovern auf schwarzen Plastikklappstühlen und kleben an den Lippen eines jüngeren Kunsthistorikers. Als er ihre Aufmerksamkeit auf eine Kopie des Gartens der Lüste lenkt, drehen sie ihre Stühlchen synchron um einen Viertelschlag nach rechts.

Quinten Massys | Die thronende Madonna | um 1525 Meister des Hausbuchs | Das Abendmahl | um 1475/80 Pieter Aertsen | Marktfrau am Gemüsestand | 1567

Quinten Massys | Die thronende Madonna | um 1525
Meister des Hausbuchs | Das Abendmahl | um 1475/80
Pieter Aertsen | Marktfrau am Gemüsestand | 1567

Ich verlasse die Schau und spaziere chronologisch an den Höhepunkten westeuropäischer Kunstgeschichte vorbei. Dürer, Cranach, Holbein. Einiges kommt mir sehr bekannt vor. Van Eyck, Bruegel, Bosch. „Das auch hier?“, denke ich. Rubens, Rembrandt, Vermeer. Lauter Juwelen, versteckt in einem unscheinbaren, beinahe unsichtbaren Museum mit noch unspektakulärerer Bezeichnung.

Hendrick ter Brugghen | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J. Matteus Stom | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J. Willem Kalf | Stilleben mit chinesischer Porzellandose | 1662

Hendrick ter Brugghen | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J.
Matteus Stom | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J.
Willem Kalf | Stilleben mit chinesischer Porzellandose | 1662

„Man müsste“, sage ich wenig später beim Lunch zu meinem Berliner Freund P., „man müsste mal das ganze klassizistische Gerümpel von der Museumsinsel aufräumen.“ Ich gerate in Fahrt. „Antikensammlung interessieren doch eigentlich nur ein Nischenpublikum.“ Relikte fragwürdiger preußischer Ideale, die den Bürger durch die Erbauung vor griechischen Statuen zum Maßhalten aufriefen und ihn so regier- und beherrschbar machen sollten. „Edle Einfalt, stille Größe“, oder so. Und irgendwie immer noch.

Denn die Dicken und die Alten, die Hässlichen und die Gierigen, die Maßlosen und die Fleischigen, die Obszönen und die Geilen – wohnen weiterhin unbemerkt irgendwo zwischen Parkplatz und Baustelle im Zonenrandgebiet am Potsdamer Platz. Es lohnt sich, sie dort einmal zu besuchen!

Jan Steen | So de Ouden songen, so pypen de jongen | u, 1663 Jan Vermeer | Das Glas Wein | um 1661|62 Simon Marmion | Szenen aus dem Leben des hl. Bertin | 1459

Jan Steen | So de Ouden songen, so pypen de jongen | u, 1663
Jan Vermeer | Das Glas Wein | um 1661|62
Simon Marmion | Szenen aus dem Leben des hl. Bertin | 1459

Gemäldegalerie

Staatliche Museen zu Berlin | Kulturforum

Matthäikirchplatz 6 | Berlin

ethnografische notizen 224: berlin 2017/01

17 Jan

Nach dem Kino laufen wir über den Kottbusser Damm zurück nach Neukölln. J., der eine Woche gefastet hat, spricht den ganzen Abend schon von einem halben Döner, den er gerne essen möchte. Mir jedoch ist nicht nach der anderen Hälfte. Auf halbem Weg landen wir als Kompromiss im Burrito-Fenster. Mit einem Beef und einem vegetarischen Burrito – beide scharf und mit extra Guacamole – nehmen wir im Verkaufsfenster des ehemaligen Spätis platz. „Nix los heute Abend“, sagt J. und schaut über die Straße in Richtung des koreanischen Grillrestaurants.

Burritofenster Berlin, Januar 2017

Burritofenster Berlin, Januar 2017

Die Tortilla kann, wenn sie von feiner und gut durchgequetschter Masse, gut gebacken ist und ganz frisch in einer sauberen Serviette geboten wird, vollkommen befriedigen (…) Da man aber leider nicht immer frische Tortillas bekommt, wenn man keine eigene Tortillera zur Verfügung hat, so hilft man sich, indem man die kalt gewordenen am offenen Feuer röstet (…)“

Cäcilie Seler, Mexikanische Küche. In: Zeitschrift für Volkskunde 19 (1909)

Mehr zum Burrito hier.

Kas|sen|zet|tel 020

7 Apr

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Netto im Westend, Berlin 2016

Netto im Westend, Berlin 2016

Netto war früher Plus. Wir erinnern uns – der mit den lustigen kleinen Preisen. Der Nachfolger hier im Westen verzichtete ja leider auf die Maskottchen. Im Nordosten der Republik hingegen gibt es noch einen anderen Netto: die Discounter-Linie einer dänischen Handelskette. Weiterlesen

ethnografische notizen 218: hot spot

29 Mrz
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Restaurant Hotspot, Berlin 2016

Die Handlung findet an einem Freitagmittag in einem chinesischen Restaurant im Westen Berlins statt.

Durch eine große Fensterfront blicken die Zuschauer und Zuschauerinnen auf eine Straßenecke mit der Filiale eines bundesweit bekannten Friseurs. Auf den niedrigen Fensterbänken stehen mit Fici und Clivien bepflanzte Blumentöpfe. An der rauverputzten Wand quadratische Lampen und moderne chinesische Kunst. Weiterlesen

Kas|sen|zet|tel 017

16 Mrz

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Ullrich am Bahnhof Zoo, Berlin 2016

Ullrich am Bahnhof Zoo, Berlin 2016

Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, gab es noch keinen Hauptbahnhof. 1990, kurz nach der Wende, gab es nur den Bahnhof Zoo. Den kannte ich aus „Wir Kinder vom …“, das ich heimlich gelesen hatte. Auch an den Ullrich, den Supermarkt unterhalb das Bahnhofs, kann ich mich irgendwie erinnern. Mehr als ein Vierteljahrhundert später bin ich wieder vor Ort, diesmal in ganz anderer Mission. Weiterlesen

ethnografische notizen 095: internationale tourismus börse

27 Mrz
„Willkommen in Deutschland“, itb Berlin 2015

„Willkommen in Deutschland“, itb Berlin 2015

In den Gängen zwischen den Messehallen kann man an Ständen mit orangefarbener Plastikmarkise frisch gepressten Apfelsinensaft kaufen. Drei Größen sind ausgestellt, für 2,50, 4,50 und satte 5,50 Euro. Eine junge Frau im orangefarbenen T-Shirt bedient eine halbautomatische Maschine in der die Früchte dekorativ aus einem Behälter nach unten rutschen. Ein kleiner Mann mit einer Aktentasche in der Hand nimmt sich einen der Säfte und trinkt aus dem Strohhalm. Offensichtlich denkt er, dass es sich um Gratis-Getränke handele. Die Verkäuferin zeigt auf das entsprechende Schild, der Mann stellt den Saft wieder hin und geht. Ein paar Meter weiter sitzen erschöpfte Messebesucher und Anbieter im fensterlosen Übergang auf Biergartenmöbeln und essen undefinierbar bayerische Gerichte. An den Wänden blau-weiße Rauten, Brotzeit in blauer Neonschrift und ein rundes Coca-Cola-Schild.

Später, am Mittag, bestelle ich in der Gastlandschaft Rheinland-Pfalz gefüllte Klöße. Ich sitze zwischen Geschäftsleuten auf unbequemen Hockern an hohen Tischen und bekomme drei sehr runde Klöße mit gefriergetrockneter Petersilie und einer Soße mit überraschend authentischer Kümmelnote. „Gefillte Klees mit Specksauce, dazu empfehlen wir ein kühles Bitburger Pils“, steht auf der Speisekarte. Zwei Herren am Nebentisch versuchen ein Bier zu bestellen. „Haben Sie Bons“, fragt die Servicekraft. Die beiden nennen den Namen eines Herren, mit dem sie verabredet seien. Ob der denn Bons habe, fragt die Kellnerin. „Der ist hier Geschäftsführer“, sagt einer von beiden. Die junge Frau lässt sich aber nicht beeindrucken. „Wenn’s nicht geht, geht’s nicht“, sagt der eine. „Dann atmen wir eben nur die Luft hier“, sagt der andere. Beide schauen auf ihre Handys, während sie sich unterhalten.

Ich spaziere durch die Hallen der deutschen Regionen. Es gibt Gummibärchen, abgepackte Apfelchips. Köln hat das Schokoladenmuseum im Gepäck und reicht mit einer Zange kleine Pralinen von einem Silbertablett. Hinter einer Trennwand warten graue Plastikwannen mit in Zellophan verpacktem Geschirr und Besteck auf ihren Einsatz. Eine Dame aus Quedlinburg im historischen Kostüm macht mich auf die Möglichkeit eines Senfworkshops aufmerksam. „Da können Sie genau den Senf machen, den sie brauchen. Wir haben 50 Sorten.“ Alles wird zum Event.

In Rumänien nehme ich mir ein kopiertes Blatt mit Angeboten für Kochkurse in den Karpaten. „Interessieren sie sich für Rumänien“, sagt die junge Frau hinter der Theke. „Das hier finde ich interessant“, sage ich und zeige auf das Paoer. „Wollen Sie in einer Gruppe kommen oder … privat?“ „Das wäre privat“, sage ich. „Schön“, sagt sie und beendet das Gespräch.

Nach diversen Stunden in der trockenen Messeluft mache ich mich schließlich auf den Heimweg. „Der Chef hat den janzen Tag nur mit seinem Handy “, berlinert eine blondierte Dame am Ausgang Nord in Richtung ihrer Kollegin, „und nur jefressen.“

ethnografische notizen 085: splashstick

24 Nov
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Tall Hazelnut Soy Latte mit Splash-Stick, Berlin 2014

Drei Barista arbeiten um 14:10 hinter der Theke der Starbucks-Filiale im Berliner Hauptbahnhof. Ganz außen steht Willy, so kann man zumindest auf seinem an der Schürze befestigten Namensschild lesen. Ich stelle mich rechts in die Schlange, denn aus Sicht des Kunden wird man von rechts nach links weitergeleitet.

Willy nimmt meine Bestellung auf.

„Ein Hazelnut Latte mit Sojamilch“, sage ich.

Er zeigt auf die verschiedengroßen Becher vor ihm.

„Die kleinste Größe“, sage ich, weil ich mir die offiziellen Bezeichnungen nicht merken kann und weil ich es unsinnig finde, dass die kleinste Größe „tall“ heißt.

Er kassiert. An den exakten Preis kann ich mich einen Tag später schon nicht mehr erinnern.

Er fragt mich nach meinem Namen – eine Moment in der Bestellung, der mich immer ein wenig peinlich berührt. Ich würde immer gerne mal „Brigitte“ sagen, traue ich mich aber dann doch nie.

Willy schreibt meinen Namen mit einem schwarzen Filzschreiber auf den Becher. Interessanterweise gibt es dafür kein vorgesehenes Feld, wohl aber für alle anderen Details der Bestellung. Bei Syrup/Sirop kritzelt er ein „H“ für Hazelnut, bei Milk/Lait ein „S“ für Soja und bei Drink/Boisson eine römische Eins.

Bevor er den Becher weitergibt, pumpt er aus einer der Sirup-Flaschen neben der Kasse mein Haselnuss-Aroma in den roten, mit seinen angedeuteten Sternen bereits weihnachtlich anmutenden Becher.

„Einen Tall Hazelnut Soy Latte“, ruft er seinen Kolleginnen zu.

Ich bewege mich und mein Gepäck nach links, zum runden Ende der Theke, an dem die Bestellungen ausgegeben werden.

Links neben mir gibt es braunen und weißen Zucker, rosafarbene Süßstofftütchen und Rührstäbchen aus Holz an einer Selbstbedienungstheke. An der Ausgabe selber liegen ebenfalls weihnachtlich gestaltete naturfarbene Wellpappmanschetten, mit deren Hilfe man auch heiße Getränke anfassen kann. Unsere neuen „Splash-Sticks“ steht auf einem Schild neben einem Behälter mit grünen Plastikstäbchen, die der Beschreibung nach verhindern, dass in möglicher Eile Getränk auf die Kleidung verschüttet wird. Eine ungeheuerliche Erfindung, die genau in die Öffnung im Plastikdeckel des Kaffeebechers passt. Auf dem platten Ende des Stäbchen ist eine disneyartige Version der ohnehin züchtigen Meerjungfrau aus dem Starbucks-Logo zu sehen. Später im Internet finde ich unzählige professionelle und unprofessionelle Fotografien von Starbucks-Splash-Sticks.

Zwei Mädchen vor mir bekommen komplizierte Kaffeemilchmix-Getränke ausgehändigt. Zwei weitere Frauen sind unsicher, ob es sich bei dem ihnen vorgesetzten Kaffee um die richtige Bestellung handelt. „Benny“ steht auf dem Becher. „Ich heiße Mandy“, sagt die Kundin. „Das ist ein Versehen“, sagt die Barista und ich weiß nicht genau, was sie jetzt meint. So viel zur Kundenbindung per Vornamen.

„Ist das Hazelnut“, fragt ihre Kollegin Richtung Willy, als sie meinen Becher bearbeitet. „Mit Soja-Milch“, sage ich schnell. „Das steht ja alles drauf“, sagt sie beschwichtigend. Sie wird sich vermutlich auch noch in zehn Jahren erinnern können. Zumindest an meinen Vornamen.

ethnografische notizen 79: markthalle 9

2 Sep
Risotto in der Markthalle 9, Berlin 2014

Risotto in der Markthalle 9, Berlin 2014

Einmal an den freundlichen Dealern im Görlitzer Park vorbei dreht sich plötzlich alles nur noch um Essen und Trinken. Das Straßenschild ist mit der Aufschrift „Gözleme-Straße“ überklebt. Nahezu alle anderen freien Flächen sind von großen Plakaten mit Aufschriften wie „Protect Ya Speck“ oder „Smoked Meat Everyday“ belegt. Ein Blick auf die angegebene Website mit Weiterleitung zu Facebook und Instagram bringt die Einsicht, dass es sich um eine Kombination aus Burgerbude und Partyevent im Haus des Aufbauverlags handelt. Die Großstadt treibt mitunter seltsame Blüten.

Ein paar Straßen weiter im Wrangelkiez schließe ich mein Fahrrad an eine Laterne an der Kreuzung. „Hier keine Fahrräder abstellen“, steht nämlich auf einem Schild am Zaun direkt neben der Markthalle 9, dem Ziel meiner heutigen Exkursion. Eine rostrote Taube fliegt unbeholfen gegen die Kunstrasenverblendung der Obststände eines türkischen Gemüsemarkts. Dessen Besitzer wechselt ein paar freundlich klingende Worte mit einer Frau afrikanischer Herkunft, die ihre Einkäufe in einem Wägelchen hinter sich her zieht. Ein Plakat im Eingangsbereich wirbt für „stadt land food“, ein Festival für gutes Essen und gute Landwirtschaft, das in einem guten Monat in der Hauptstadt stattfinden wird. Zu sehen sind ein gerupftes Hühnchen, ein fröhlich guckendes Schwein, eine große, von oben ins Bild hineinragende Gabel und etwas, das aussieht als hätte ein Geograph mit Schwerpunkt Gewässer einen Verdauungstrakt gezeichnet. Das würde metaphorisch ganz gut passen, da Markthallen ja gerne als der Bauch einer Stadt bezeichnet werden. Vielleicht irre ich mich aber auch und die Zeichnung zeigt einen Flusslauf in der Uckermark. Wer weiß das schon.

Die Halle sieht aus wie ein ehemaliges Straßenbahndepot. Ein Sheddach, gelb-rote Backsteinornamente, türkisfarbene Eisenkonstruktion, cremefarben gestrichenes Holz und in der Mitte eine große würfelförmige Uhr. Außerdem zwei Banner, die den freitags und samstags stattfindenden Wochenmarkt und die taz bewerben. Lediglich die inkorporierten Aldi- und KIK-Filialen am Ende der Halle wirken etwas deplatziert. Es gibt Blumen, Kartoffeln und saisonales Gemüse, das Beste aus Spanien, schwäbische Spezialitäten. Man kann schöner Trinken mit der Weinhandlung Suff, Räucherfisch kaufen oder kurios gewachsene Pilze bestaunen. „Der Klomann“ sitzt in einem halben Straßenbahnwagen, ist sehr viel jünger als man vermuten sollte und trägt keinen weißen Herrenberufsmantel. „sonett – ökologisch konsequent“, steht auf dem Etikett der veganen Handseife Calendula aus Pflanzenölen zu 100 Prozent aus kontrolliert biologischem Anbau. Das ökologische Bewusstsein macht hier auch vor den Toiletten nicht Halt.

Nachdem ich eine Runde gedreht habe, beschließe ich, die „Kantine 9“ in der Mitte der Halle auszuprobieren. Die in Schreibmaschinenschrift gefasste Speisekarte bietet „Klassiker“ wie Gazpacho Andaluz für 5,50, ein Rote-Bete-Risotto für 8,50 und Wiener Saftgulasch mit Spätzle und Salat für 12,50. Stolze Preise, die vermuten lassen, dass Gentrifizierung auch durch den Magen geht. Das Tagesgericht, Pfannkuchen mit Lachs, ist aus und auf der Tafel hastig durchgestrichen. Eine Frau mit hennagefärbten Haaren und Sandalen steht vor der Karte und fragt sich lauthals, was sie denn jetzt eigentlich essen soll. Am nächsten Tag gibt es Schnitzel vom Brandenburger Bio-Schwein und Kartoffel-Gurken-Salat. Das hat alles wenig mit den Anwohnern zu tun, an denen ich auf dem Weg hierher vorbeigefahren bin, denke ich, die mit ihren Dönern, Lahmacuns und Böreks vor den kleinen Imbissen, Bäckereien und Cafés ihre Mittagspause verbringen. Ich nehme das Risotto und bekomme Menübon 296 ausgehändigt. Die Essensausgabe befindet sich um die Ecke. „97“ hat die Bedienung mit Kugelschreiber auf dem Zettel vermerkt. Die digitale Zählung scheint ein wenig verrutscht zu sein. Ich warte vor der Metalltheke, die mit Weckgläsern mit Kürbis und Vanille, eingelegten Tannenspitzen, Spargel und Dill dekoriert ist, bis mein Essen fertig und ein Platz für mich frei wird.

Ein junges adrettes Paar steuert gleichzeitig mit mir auf einen gerade freigewordenen Tisch zu. Weil offensichtlich Platz für alle drei ist, verständigen wir uns mit einem stillen Lächeln darauf, den Tisch zu teilen. „Ist das Spinat“, fragt er und probiert von ihren Maultaschen. „Aha“, sagt er, „interessant.“ Selber hat er ein dickes Stück Quiche vor sich, beide Gerichte kommen aus Barbaras schwäbischer Spezialitätenküche in meinem Rücken.

„Wien geht noch“, sagt eine ältere Dame mit einem grauen Pagenschnitt am Nachbartisch, „aber Salzburg geht gar nicht mehr.“

Mein Gegenüber hat glattes Haar, trägt einen faszinierend akkuraten Kurzhaarschnitt und ein blau-weiß kariertes Hemd unter einem braunen Pullover. Ich brauche nicht unter den Tisch zu schauen, um zu wissen, wie seine Schuhe aussehen. Sie trägt bunte Sneaker, eine Strickjacke, einen schönen korallenfarbigen Schal und sitzt neben einer riesigen, hautfarbene Lederhandtasche. „Wie bitte?“, sagt er. Seine Aussprache ist ebenso präzise wie sein Haarschnitt. Er trinkt Rotwein, sie einen Rosé. „Wie heißt das hier?“, fragt sie und schreibt eine SMS. „Wem schreibste denn?“, will er wissen, „wir können ja gleich noch ein bisschen spazieren gehen.“ Sie unterhalten sich darüber, wo sie den Cheddar für das Abendessen wohl am besten kaufen können. „Vorsicht“, sagt sie beim Aufbruch freundlich in meine Richtung, „ich stehe jetzt auf. Nicht dass sie umfallen.“

Spanische Touristen in Regenkleidung stehen etwas ratlos vor der Essensausgabe, schauen auf ihren Zettel und dann nach oben, um eine Anzeigetafel oder etwas vergleichbares zu entdecken. Geschätzt die Hälfte der Anwesenden besteht aus neugierigen Touristen wie mir, die andere Hälfte aus Menschen, die ihre Mittagspause hier verbringen. „Noch einmal Saftgulasch“, sagt der Koch zu seinen Kollegen, „dann sind wir hier erst einmal safe.“ „Bis morgen“, rufen alle drei einem Kollegen zu, der mit einer Kiste unter dem Arm auf dem Weg nach draußen ist

Eine Frau in weiter Kleidung, die früher einmal selbstgenäht gewesen wäre, fragt mit ungeduldigem Unterton, wann man denn mit dem Risotto und dem Blattsalat rechnen könne. „Kriegt ihr jetzt“, ruft der Koch zurück. Zumindest das selbstverständliche Du ist geblieben. Dass die bräunliche Farbe der Papierservietten vom Recycling stammt, muss man hingegen offensichtlich aufdrucken.

„Warum bist Du nie mit mir dahin gegangen“, fragt mich mein Mann am Telefon. „Weil es die zu meinen Berliner Zeiten noch gar nicht gab“, antworte ich und versuche mich zu erinnern, was für einen Ruf der Wrangelkiez damals hatte.

„Übersichtlich“, denke ich, als ich einen Teller mit dunkelrotem, fast violettem Risotto gereicht bekomme. „Da gibt es noch Brot“, sagt der Koch und zeigt auf einen Korb. Als ich aufgegessen habe, ist mein Teller rot-weiß gestreift und man kann nicht mehr wirklich erkennen, ob ich Rote Grütze oder Rote Bete gegessen habe. Das Gericht war hervorragend, cremig und trotzdem bissfest, mit erdigen Noten von der Bete und fruchtige vom Apfel. Aber trotzdem würde mich brennend interessieren, was die Afrikanerin von vorhin heute Abend wohl kochen wird.

miniportion 305: datteln

27 Nov
Saft mit Dattelaroma, Berlin 2013

Saft mit Dattelaroma, Berlin 2013

Neulich besuchte ich mit Freund J. ein libanesisches Restaurant auf der Berliner Sonnenallee. Selbiges war zuvor mit einem freundlichen Artikel in der Zeit bedacht worden und irgendwann davor auch schon einmal in einer wohlwollenden Internet-Reportage aufgetaucht. Diese plötzliche Aufmerksamkeit führt nun zu einem verstärkten Aufkommen von Menschen die man als Hipster bezeichnen könnte und von solchen Personen, die sich als Touristen in der Hauptstadt aufhalten. In 90 Prozent der Fälle, so meine vorsichtige Schätzung, gehören die Gäste jedoch zu beiden Zielgruppen. Das durchaus freundliche Personal des Lokals geht mit diesem Andrang vergleichsweise gelassen um – die Tatsache, dass man in den meisten Fällen sowohl vor als auch hinter der Theke des Deutschen nur geringfügig mächtig ist, mag zu einer gewissen Entspannung beitragen. Eine detaillierte Verständigung ist ohnehin nicht unbedingt notwendig, weil nämlich in den beiden genannten Berichten das hausgemachte Hummos sehr gelobt wurde und die Gäste somit schon im Voraus wissen, was sie essen möchten.

Um das mal direkt vorweg zu schicken: Ich ging nicht besonders begeistert nach hause. Nicht, weil die Kibbe (das einzige originär libanesische Gericht, das ich kenne) aus waren, und auch nicht weil der große Gratis-Teebehälter (der mich stark an die Kaffeeautomaten der Pfarrfeste meiner Kindheit erinnerte) sich ebenfalls als leer erwies. Die Enttäuschung lag im Hummos, das nicht schlecht war, aber auch nicht besonders gut. Um es mit den Worten von Freund J. zu sagen: Das kann ich besser!

So bestand die einzige Aufregung dieses Besuchs denn auch in einem Getränk, dass sich meine Begleitung aus dem anwesenden Kühlschrank nahm, während ich mich ja vergeblich am Teegerät versuchte. „Jallab Drink“ lautete die Beschriftung und mittels Smartphone fanden wir schon vor dem Öffnen heraus, dass es sich bei den abgebildeten Früchten nicht um Auberginen, sondern um Datteln handelte.

miniportion 301: broiler

24 Nov
Hähnchen-Holzkohle-Grill-Apparat, Berlin 2013

Hähnchen-Holzkohle-Grill-Apparat, Berlin 2013

In meinem früheren Berliner Kiez, nicht weit vom Hermannplatz, gibt es einen arabischen Hähnchengrill namens „Ris A“. Dort kann man, zumindest war das noch vor ein paar Jahren so, gut essen. Beispielsweise gegrilltes Hähnchen mit Hummos und flachem, arabischen Fladenbrot. Das tun für gewöhnlich auch sehr viele Leute, die an den sehr einfachen Tischen des Lokals sitzen und dabei auf die Kreuzung schauen. Das eigentlich interessante aber kann man nur von außen sehen. Von dort aus kann man nämlich in einen kleinen Raum gucken, in dem sich zwölf Roste mit darin jeweils zwölf nackten Hähnchen auf einer Art Rad über Holzkohleglut drehen. Das macht insgesamt 144 Vögel, was ja eine Menge Material ist, das Personal aber nicht davon abhält, ständig neue Roste mit noch ungegrillten Hähnchen in die Höllenapparatur einzuspannen. Die Männer, die dies tun, sind dabei vollständig bekleidet, was ich persönlich ungewöhnlich finde, da sich meiner Einschätzung nach die Raumtemperatur irgendwo zwischen 50 und 70 Grad Celsius bewegen dürfte.

Eine kurze Internetrecherche ergab übrigens keinen Hinweis auf die Bedeutung des Restaurant-Namens „Ris A“ und es bleibt mir weiterhin unklar, ob es vielleicht irgendwo auf der Welt auch eine Filiale namens „Ris B“ gibt. Vielleicht bedeutet „Ris A“ aber auch einfach „Broiler“. Dies ist, um auch meine westdeutschen Leser ins Boot zu holen, eine im Osten übliche Bezeichnung für ein Brathähnchen, die wohl eines der wenigen angelsächsischen Leihwörter des DDR-Jargons darstellt. „Der Broiler aus dem Kombinat Industrielle Mast war das Produkt ehrgeiziger Agraringenieure, die sich über bürokratische Hemmnisse und ideologische Einwände in seltener Rigorosität hinwegzusetzen wußten“, schreibt Jutta Voigt in „Der Geschmack des Ostens“. Und weiter: „Wir konnten gar nicht genug kriegen vom Broiler, was nicht heißt, daß wir deshalb weniger Schweinefleisch aßen.“ Das wiederum, kann einem im „Ris A“ nicht passieren.