Tag Archives: Belgien

ethnografische notizen 41: belgiens trost – teil 5/5

7 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Hotdog in der Cafeteria des Viehmarkts von Battice

Hotdog in der Cafeteria des Viehmarkts von Battice

Im kleinen Örtchen Battice, gut 20 Kilometer von Lüttich entfernt, werden die Prioritäten greifbar. Jeden Sonntag wird hier auf dem örtlichen Viehmarkt der Mist beiseite geräumt, werden Plastikplanen ausgelegt und ein Flohmarkt veranstaltet. Kleinkram wird da feilgeboten, wo sonst Rinder und Schweine verkauft werden. Mitbringsel aus der ehemaligen Kolonie Belgisch-Kongo für wenig Geld, alte Vogelkäfige und Tonpfännchen für Eiergerichte. Es riecht nach Stall und in den Rinnen zwischen den überdachten Gängen stehen hier und da noch dunkle Pfützen. Doch auch der Flohmarkt von Battice ist im Wandel. begriffen Weniger professionelle Händler, wieder mehr Bauern aus dem Umland, die ihre paar Habseligkeiten verkaufen. Weniger romantisches Landleben und mehr Plastiknippes aus den letzten zehn Jahren. Es ist bitterkalt an diesem Frühlingsmorgen. Diejenigen Verkäufer mit mobilem Heizofen bewegen sich langsam wie wechselwarme Tiere und reagieren nur ungern auf Anfragen. Es wird viel geguckt und wenig gekauft. Eine nahezu zahnlose Frau hinter einem Haufen Küchengerätschaften versucht zwei jungen Männern eine große Kupferpfanne zu verkaufen. „Bloß 35 Euro“, sagt sie und klopft mit dem Fingerknöchel gegen den massiven Boden. „Wir überlegen noch einmal“, antworten die beiden und machen sich aus dem Staub.

In der am oberen Rand gelegenen Cafeteria ist um elf Uhr, eine Stunde vor Geschäftsschluss, schon einiges los. Ein beige-rot gefliester Raum mit Neonbeleuchtung und weißen Tischen mit schwarzen Plastikschalenstühlen. „Le vin pour boire, l’eau pour se raser“, Wein trinken und mit Wasser rasieren, steht in großen schwarzen Lettern auf der Wand. Daran hält sich jedoch zumindest an diesem Morgen niemand. Belgien ist mit mehr als 100 Brauereien definitiv eine Bier-Nation und vor den meisten Besuchern, die ihre dicken Jacken trotz der trockenen Heizungsluft nicht abgelegt haben, steht eines der typischen großen Gläser mit dunklem Trappistenbier. „Crepes, sucre ou chocolat“, empfehlen handgeschriebene Schilder auf den Tischen und bestätigen einmal mehr die regionale Vorliebe für Süßes. Die in braunes Kunstleder gebundene Speisekarte bietet auch Herzhaftes. Ein Pistolet Dagobert (zwei Scheiben Schinken, zwei Scheiben Gouda, Tomate, Mayonnaise und Salat) bekommt man für 2,50 Euro; Fricassée mit Speck, die belgische Version des Strammen Max für 6 Euro. Dazu Kaffee in einem braunen Plastikfilter auf einer weißen Tasse.

Ein Herr am Nachbartisch bestellt für sich und seine Frau zwei Gläser Bier und einen Hotdog. Vom Leben gezeichnet sind die beiden, irgendwie müde, aber noch ein paar Jahre vor der Pensionierung. Der Mann trägt eine verschlissene Cordhose, eine dicke wattierte Plastikjacke, und schwere Schnürschuhe, so wie man sie bisweilen in der Non-Food-Abteilung von Supermärkten angeboten bekommt. Auch der schwarze Wollmantel seiner Frau hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Kellnerin bringt ein Tischset aus Papier und in eine dünne Serviette gewickeltes Besteck. Ein paar Minuten später steht die Bestellung in all ihrer Pracht vor ihm. Eine appetitlich gebratene dicke Wurst auf einem aufgeschnittenen, watteweichen Brötchen, garniert mit einer Portion goldgelb geschmorter Zwiebeln. Links ein wenig Ketchup, rechts ein bisschen Senf. Die liebevolle Dekoration aus Salatblättern mit Tomaten, Gurken, Möhrensalat und einem halben Ei wird von einer mehr als großzügigen Portion Mayonnaise nebst Petersilie gekrönt.

Belgiens Trost liegt auch an diesem Morgen auf dem Teller.

ethnografische notizen 40: belgiens trost – teil 4/5

6 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Auslage einer Konditorei, Lüttich 2010

Auslage einer Konditorei, Lüttich 2010

In der Küche seines Lütticher Hauses aus dem 17. Jahrhundert steigt der emeritierte Linguist Joseph Vromans durch eine Falltür im Holzboden hinab in seinen Weinkeller. „Bon“, sagt er, „so siebenhundert Flaschen werden es schon sein. Seit ich pensioniert bin, kann ich mich etwas ausführlicher meinem Hobby widmen.“ Der überzeugte Sozialist und engagierter Mitarbeiter zahlreicher Nachbarschaftsprojekte steht stolz in seinem sorgfältig weiß gekälkten Gewölbe. In der Mitte führt ein schmaler Weg aus schweren Blausteinplatten durch den hellen Kies. „Ich erfasse alle Einkäufe in einem Computerprogramm. Der Rechner sagt mir dann immer, welche Weine ich als nächstes am besten trinken kann.“ Der Preis spiele keine so große Rolle, betont er. Kollegen, die bis zu 150 Euro für eine Flasche ausgeben, kann er nicht verstehen. „Manchmal kaufe ich auch im Supermarkt, bei Delhaize oder Colruyt. Wenn der Wein gut ist.“ Entlang des Wegs stehen Kisten mit Weißwein, hohe gelbe Kästen mit großen schlanken Bierflaschen mit Champagnerverschluss und kleine gedrungene mit Kronkorken. „In zwei Tagen kommt die Familie meiner Frau“, sagt Vromans, „wir rechnen mit rund 25 Personen. Der Rotwein steht schon oben, um auf Temperatur zu kommen.“ Oben in der Küche trifft Carola Henn erste Vorbereitungen für das Abendessen. Ihr Vater war Koch beim belgischen Militär, ihre Mutter ist immer noch eine begeisterte Köchin. Im Flur ist auf einer Kreidetafel in einem Wochenplan eingetragen, wer von der vierköpfigen Familie zum Abendessen zu hause ist. „Da sind wir vielleicht etwas altmodisch“, sagt Joseph, „aber das ist für uns sehr wichtig. Wir sitzen fast jeden Abend mit unseren Kindern am Tisch.“

Dass Belgier wohl kaum am Essen sparen werden, davon ist auch Joseph Vromans überzeugt. „Da spielt die Krise so gut wie keine Rolle“, sagt der emeritierte Linguist und streicht sich über seinen imposanten Schnauzbart, „die meisten Menschen hier finden es nicht so schlimm, ein billigeres Auto zu fahren oder an Kleidung zu sparen.“ Essen und Trinken hingegen scheinen hierzulande nahezu unantastbar zu sein. „Vielleicht gehen sie weniger teuer essen als früher“, ergänzt Carola Henn, ebenfalls Sprachwissenschaftlerin und Vromans Lebensgefährtin, „wobei die Flamen durch die Bank weg mehr Geld in Restaurants lassen als wir hier in der Wallonie, wo das Durchschnittseinkommen um einiges niedriger ist.“ In der Tat finden sich die meisten belgischen Michelin-Sterne in Flandern. Sowohl die beiden 3-Sterne Etablissements (Brugge und Kruishoutem) als auch zwölf der vierzehn Restaurants mit zwei Sternen. „In der Wallonie gehen die Leute gerne auch schon mal in eine einfachere Frittenbude“, sagt Joseph Vromans. Das habe keinen Einfluss auf die Frequenz der Restaurantbesuche, betont er, aber ein schickes Ambiente spiele momentan nur noch eine geringe Rolle.

ethnografische notizen 39: belgiens trost – teil 3/5

1 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Auslage einer Metzgerei, Hasselt 2004

Auslage einer Metzgerei, Hasselt 2004

Vorläufig aber ist Belgien zumindest noch auf der kulinarischen Karte eine Einheit und es scheint, dass es den deutschsprachigen Belgiern mit ihrer über Jahrzehnte erkämpften kulturellen Autonomie wesentlich einfach fällt, dies anzuerkennen. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt Karl-Heinz Lambertz, der 2008 von König Albert II. beauftragt wurde Lösungsvorschläge für den Konflikt zwischen den Flamen und Wallonen zu erarbeiten, „dann muss ich ganz offen zugeben, dass ein Alleinstellungsmerkmal der ostbelgischen Küche schwer zu benennen ist. Zum einen ist die Gegend sehr überschaubar, zum anderen versucht man im Rahmen von touristischen Interessen diejenigen Stärken in den Vordergrund zu rücken, die für ganz Belgien gelten. Die Überzeugungskraft liegt als im Qualitätsbewusstsein der Erzeuger und in ihrer Kreativität.“

Doch was bedeutet die politische und finanzielle Krise für die belgische Küche mit ihrer feinen Balance zwischen frankophiler Raffinesse im Südwesten und bodenständig-bürgerlichen Einflüssen aus dem Norden und Osten? Was bedeutet Sparen angesichts der mächtigen Brüsseler Kombination aus Miesmuscheln, Pommes Frites und Mayonnaise, der Genter Waterzooi aus Huhn in Sahnesauce, den cremig-süßen Reisfläden der Ostkantone oder den Gaufres de Liège mit ihren dicken Zuckerstücken im schweren Waffelteig?

Steak-frites sei das Trostpflaster der Belgier brachte die Wochenzeitschrift „Télémoustique“ vor kurzem die Sache auf den Punkt. Und schon 2005, als Premier Guy Verhofstadt und seine berühmte Köchin noch fest im Sattel saßen, zitierte die „FAZ“ in einem Artikel über das Aussterben der traditionellen Imbissbuden den damaligen Vorsitzenden der landesweiten Fritüren-Vereinigung. „Es gibt keine wallonische oder flämische Fritte“, ließ Monsieur Lefèvre damals verlauten, die Fritte sei belgisch und in ihrer Einzigartigkeit bedroht. Dieses gemeinsame kulinarische Erbe gilt es mehr denn je zu bewahren – und mit ihm gleich eine ganze Nation.

Doch es sind die gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Unterschiede und nicht die kulinarischen Übereinstimmungen, die das Land im Herzen Europas an den Rand der Auflösung bringt. Nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1830 waren es lange Zeit die frankophonen Wallonen, die das Heft der aufstrebenden Industriemacht fest in der Hand hielten. Sie stellten die französischsprachigen Offiziere, die im Ersten Weltkrieg an der Seite der britischen und amerikanischen Soldaten kämpften und einer nicht ganz unwahrscheinlichen Legende nach, die Pommes Frites als french fries in den USA bekannt machten. Und während die Flamen nach dem Zweiten Weltkrieg aufholten, sich von Bauern zu geschickten Dienstleistern mauserten, gerieten ehemalige industrielle Vorzeigestandorte wie Lüttich, Verviers und Charleroi in einen stetigen Abwärtssog. Während die Innenstädte der Wallonie zerfielen und die Rathäuser nach und nach die Zahlungsunfähigkeit eingestehen mussten, wurden mit Brügge, Gent und Antwerpen die jahrhundertelang nahezu vergessenen Zentren des flämischen Handels nach und nach zu pittoresken Freilichtmuseen hochrestauriert, die einen neuen Wohlstand repräsentieren. Als bei den Wahlen im vergangenen Juni der flämische Nationalist Bart de Wever mit seiner Nieuw-Vlaamse Alliantie mit landesweit 27,8 Prozent der Stimmen zur stärksten Partei wurde und postwendend die Solidarität mit den Wallonen aufkündigte, sprach er vielen Flamen aus dem Herzen. Seither steht das Land, gemeinsames kulinarisches Erbe hin oder her, politisch vor dem Abgrund.

Anders als die zerstrittenen Politiker in Brüssel sitzen Danielle Gielen aus Hasselt, Daan Cupers aus Leuven und Kristof Van Haegenberg aus der Nähe von Antwerpen regelmäßig um einen Tisch. Heute in einem Backsteinhäuschen unweit des Hasselter Hauptbahnhofs, im Schatten des hypermodernen Neubaus eines Gerichtsgebäudes. Die Fassade des Reihenhauses wird gerade saniert und man muss durch das auf dem Bürgersteig aufgebaute Gerüst klettern, um die Eingangstür zu erreichen. Einmal in der Woche treffen sich die Konzeptentwicklerin, der Autor und Regisseur und der Filmemacher, um mehrere Stunden ein gemeinsames Filmprojekt zu diskutieren. Köpfe, wie sie der amerikanische Ökonom Richard Florida vor Augen haben muss, wenn er von einer kreativen Klasse spricht. Auf eleganten Möbeln aus den Siebzigern sitzen sie um einen runden Tisch. Die weißen Bücherregale entlang der Wände reichen bis an die Zimmerdecke und enthalten Fotobildbände, gesellschaftskritische Bestseller von Faith Popcorn bis Naomi Klein, aber auch Michael Pollans „Verteidigung gegen industrielle Nahrung und gegen den Diätenwahn“.

„Wir haben kaum Budget“, erläutert Danielle geradezu entschuldigend, „das lässt keine großen Sprünge zu. Deshalb treffen wir uns reihum und es gibt belegte Brote.“ Daan nimmt noch einen Schluck Tee und schließt seine große linierte Kladde, in der er sich während der Besprechung mit einem blauen Plastikkugelschreiber Aufzeichnungen gemacht hat. Er faltet seine Hände wie zum Gebet unter seinem Kinnbart. „Bei mir ist eigentlich schon seit zehn Jahren Krise“, sagt er und prüft ob auf dem letzten Käsebrot auf dem Tisch auch genug Senf ist, „ich habe vor zehn Jahren die Entscheidung getroffen, die lukrative Werbebranche hinter mir zu lassen und mich Projekten mit einem höheren künstlerischen Anspruch zu widmen.“ Im weißen Hemd mit gestreifter Weste und sorgfältig verstrubbelter Frisur, mit seinen dunklen dichten Augenbrauen erinnert er ein wenig an Salvador Dalí in jungen Jahren. „Aber Essen und Trinken wären das letzte, woran ich sparen würde. Ich gehe noch genau so oft in Restaurants wie zu Zeiten, als ich da auch das nötige Geld für hatte. Drei oder vier mal in der Woche.“

Danielle arrangiert sorgfältig ihre überdimensionierte gestreifte Strickjacke und spielt abwesend mit einem großen glänzenden Knopf. „Das ist natürlich eine persönliche Entscheidung“, sagt sie, „aber ich höre von Bekannten in der Gastronomie schon häufig, dass sie die Krise in den Einnahmen zu spüren bekommen. Die Leute gehen zwar auch weiterhin in die Kneipe, trinken aber statt fünf Bieren eben nur drei.“ Vor allem die hochpreisigen Lokale sind durch die finanzielle und auch die politische Krise unter Druck geraten, da sind sich alle einig. „Die Restaurants, die früher viel Geld mit Geschäftsessen gemacht haben, die bekommen das jetzt zu spüren“, sagt Danielle und stellt die leeren Teller aufeinander. „Es gibt immer mehr Top-Köche bei uns in Belgien, die neben ihren teuren Restaurants ein preiswertere Brasserie eröffnen. Die verstehen schon, dass die Leute gerne essen gehen wollen, aber einfach nicht mehr so viel Geld für ausgeben können.“ Dass man die Krise auch in der Verschiebungen des Klientels bei deutschen Hard-Discountern wie Aldi sehen könne, wirft Kristof ein, der Stillste in der Runde. „Man sieht da jetzt auch Leute, die da früher nie einkaufen gegangen wären.“ Früher waren das vor allem Ausländer und Leute die sichtlich arm waren. Jetzt kommen auch andere, die auch sparen müssen oder wollen. „Früher“, sagt er, „da hat jeder in der Fußballmannschaft in der Kneipe zehn oder fünfzehn Euro in einen Topf geworfen. Davon wurde dann den ganzen Abend das Bier bezahlt. Heute sind das fünf, wenn’s hoch kommt zehn Euro.“ Daan hingegen ließ seinen Wohlstand bewusst hinter sich und entschied sich darüber hinaus, seine Ernährung umzustellen. „In Leuven steht jeden Samstag ein Biobauer mit einem sehr guten Stand auf dem Markt. Mittlerweile sind wir sogar ein bisschen befreundet und ich bin ein paar Mal auf seinem Hof gewesen. Ich gebe dadurch zwar eigentlich noch mehr Geld aus, aber zumindest weiß ich, wo die Produkte herkommen.“

Erdbeerverkauf, Lüttich 2007

Erdbeerverkauf, Lüttich 2007

Danielle sieht die Entwicklung hin zu Bio vor allem in teureren Restaurants stärker werden. „Früher war es der und der Lachs aus dem und dem Fjord, der dann unbedingt ganz frisch eingeflogen werden musste. Jetzt steht in der Karte, dass die Kartoffeln vom Bauern Janssen zwei Straßen weiter stammen und das Fleisch aus der Aufzucht von Bauer Willems im nächsten Dorf kommt.“ Trends wie die 30-Kilometer-Bewegung, bei der sich Produzenten und Gastronomen zusammenschließen, um ihre Produkte in einem engen Radius vermarkten und auf den Tisch zu bringen, das Projekt „Van land naar klant“ oder das Anmieten eines bereits fachkundig gepflanzten Stück Gemüseackers findet sie begrüßenswert, auch wenn es sich dabei um Mehrausgaben handelt. „Eigentlich sind solche Phänomene doch eine Gegenbewegung zur finanziellen Krise“, sagt sie, „die Leute denken mehr darüber nach, was sie eigentlich essen. Ich selber zum Beispiel verdiene zwar nicht weniger, aber ich denke trotzdem mehr nach.“ Konkret bedeute das, dass sie sparsamer mit Lebensmitteln umgeht. „Nicht weil weniger Geld für den Einkauf da wäre, sondern weil wir uns plötzlich gefragt haben: Was wollen wir eigentlich leben?“ Einen Mixer hat sie sich gekauft, um nicht mehr ganz so frisches Obst verarbeiten zu können und es gibt jetzt weitaus häufiger Suppe. „Das soziale Leben in Belgien ist untrennbar verbunden mit dem Besuch von Kneipen und Restaurants“, sagt Danielle, „das werden wir nicht lassen können. Vielleicht geht man da in Zukunft etwas sparsamer mit um, aber so ganz ohne? Geht nicht!“

ethnografische notizen 38: belgiens trost – teil 2/5

31 Aug
Karl-Heinz Lambertz-Graffito, Eupen 2010

Karl-Heinz Lambertz-Graffito, Eupen 2010

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Karl-Heinz Lambertz ist Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft und auch er sieht die Esskultur des ganzen Landes als einen gemeinsamen Nenner. „Bei der Suche nach der belgischen Identität ist das vielleicht eine weitere Einstiegsmöglichkeit“, sagt er, „Belgien ist zwar ein kleines Land, aber von einer außerordentlichen kulturellen und sprachlichen Vielfalt geprägt. Neben einem lockeren Umgang mit staatlichen Angelegenheiten gehört auch diese burgundische Lebensart dazu.“

Was er mit „burgundisch“ meint – einem Attribut, das auch die benachbarten niederländischen Niederländer gerne bemühen, wenn es um eine kulinarische Unterscheidung vom Rest des Landes geht – verdeutlicht ein kurzer Rundgang durch die Oberstadt Eupens. Noch keine 20 Kilometer von der Grenze entfernt betritt man in der DG, zumindest kulinarisch gesehen, eine andere Welt. Der rund 850 Quadratkilometer große Landesteil gehörte einst zum Herzogtum Limburg, dann den Herzögen von Burgund, den spanischen Habsburgern, wurde im Wiener Kongress der preußischen Rheinprovinz zugeschlagen und ging schließlich nach dem Ersten Weltkrieg an Belgien. Zwischen 1940 und 1945 war die heutige Deutschsprachige Gemeinschaft vom nationalsozialistischen Deutschland besetztes Gebiet. Heute gilt die Region als ein Kleingliedstaat mit weit reichenden Befugnissen. Neben dem mitunter charmant altmodisch klingendem Deutsch mit einem Hauch Französisch und einer skurrilen Vorliebe für deutsche Volksmusik, ist hier alles irgendwie ein wenig anders. Selbst Hard-Discount-Importe aus Deutschland wie Aldi und Lidl unterscheiden sich in Anspruch und Qualität deutlich von den Märkten im Mutterland. Regionale Spezialitäten wie den Fromage de Herve, einen geruchsitensiven Rotschimmelkäse, gibt es dort zu kaufen, hin und wieder frische Austern und auch das Weinsortiment ist dem gehobenen Standard der Nachbarn angepasst.

Das Stadtbild Eupens, das bereits in 17. Jahrhundert mit Tuchfabrikation und Metallverarbeitung den Aufstieg schaffte, ist geprägt von maasländischen Barockfassaden in Blau- und Backstein. Der Einzelhandel scheint hier noch nicht dem Tode geweiht, kaum eine Ladenkette findet sich auf der zentralen Achse aus Gospertstraße und Klötzerbahn. Dafür gleich vier Bäckereien und Konditoreien in einem Umkreis von gerade mal 500 Metern. Jede halbe Stunde gibt es frische Brötchen, außer Montags, da ist geschlossen. Eine Dame im weißen Kittel arrangiert frisch gebackene Kirschfläden im Schaufenster. Kein Backshop kein Mr. Baker weit und breit, stattdessen traditionelle Handwerksbetriebe auf Familienbasis, deren Überleben aufgrund der Selbstverwirklichungspläne der nachrückenden Generationen in den Sternen steht. Vor dem benachbarten Pralinengeschäft unterhalten sich zwei ältere Damen. „Arlette war auch da“, sagt die eine, während ihr Kurzhaardackel interessiert am Nyloneinkaufsbeutel der Bekannten schnüffelt, „kennen Sie Arlette?“ „Eine nette Frau“, sagt die andere und zieht die Tasche ein bisschen höher. „Sehr nett“, bestätigt die Hundehalterin, „trotzdem dass sie korpulent ist.“ Das klingt nicht unbedingt nach deutscher Sparsamkeit, sondern schon viel eher nach französischem savoir vivre.

„Die belgische Esskultur gehört zum Wesen der Belgier“, bestätigt der Ministerpräsident, „und sie unterscheidet sie wahrscheinlich auch von ihren direkten Nachbarn, insofern wir uns nicht gerade in der niederländischen Provinz Limburg befinden. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch das ganze gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben.“ Seit 1999 ist er im Amt. „Sind die Fragen ernst gemeint?“, fragt er zu Beginn des Gesprächs und scheint sichtlich erleichtert, dass er nicht direkt nach dem Ende des belgischen Staates und den damit zusammenhängenden Zukunftsszenarien befragt wird. Vor ihm steht eine Pumpkanne aus Edelstahl, an deren unterem Rand ein kleiner Aufkleber mit der Aufschrift „1. Etage, Nr. 1“ angebracht ist. Er füllt zwei Tassen mit Kaffee und lehnt sich zurück auf das schlammgraue Ledersofa. „Es wäre in Belgien undenkbar, eine Arbeitssitzung von Bedeutung nicht mit einem Arbeitsessen zu kombinieren“, fährt er fort, „das ist für die niederländischen und deutschen Nachbarn oft gewöhnungsbedürftig und wird mitunter falsch eingeschätzt. Aus der Perspektive des belgischen Partners handelt es sich eben nicht um eine Nebensache, sondern um eine ganz entscheidende Phase im Ablauf des Geschehens.“ Dass im Rahmen der gegenwärtigen politischen Schwierigkeiten immer wieder darüber berichtet wird, wer sich wo mit wem zum Essen getroffen hat, ist für ihn eine logische Konsequenz der hohen Wertigkeit von Essen und Trinken in seinem Land. Denn während sich in Deutschland die kulinarischen Präferenzen der Kanzler und Kanzlerinnen auf deftige Positionen wie Saumagen, Currywurst und Eintopf beschränken, haben in Belgien die Köche und Köchinnen der Politiker eine weit über die Sättigung hinausgehende Funktion. Maria Landis, die sardische Köchin des vorletzten belgischen Premiers Guy Verhofstadt, ist auch nach dessen Auszug aus dem Amtssitz Lambermont in Brüssel vor drei Jahren, nach wie vor ein Mythos. „Es mag sein, dass die Opulenz der Dinge etwas nachgelassen hat“, versucht Lambertz die Auswirkungen der Krise zusammenzufassen, „früher dauerte so ein Arbeitsessen immer mehrere Stunden. Heute wird aber nicht das Essen selbst gestrichen, sondern eher an der Ausgestaltung. Man achtet mehr auf die Kosten, auf die Auswahl der Weine und die Preise der Etablissements. Aber grundsätzlich wird diese Tradition nicht in Frage gestellt.“

ethnografische notizen 37: belgiens trost – teil 1/5

28 Aug
"Mitraillette" in Liège, Belgien

"Mitraillette" in Liège, Belgien

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Ein überdimensionales Logo mit einem stilisierten belgischen Löwen leitet die Autofahrer von der Straße zu den Parkplätzen auf dem Dach des Gebäudes. Eine neonbeleuchtete Treppe führt hinunter in den Laden und schon die ersten Schritte geben die Richtung vor. Das Sortiment empfängt mit der Weinabteilung, mit einer derart großen Auswahl an Champagner und Crémant, wie sie in Deutschland allenfalls im gehobenen Fachhandel zu finden sein dürfte. Kein Wunder, stieg der Champagnerkonsum im Königreich doch im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2009 um satte 9 Prozent, wie das Comité interprofessionel du Vin de Champagne bekannt gab. Weiter hinten im Geschäft harren zwei Hummer mit von einem weißen Gummiband zusammengehaltenen Scheren in einem geräumigen Becken ihrem Schicksal. Daneben ein ganzes Sortiment an Werkzeugen für den alltäglichen Luxus – Krustentierbestecke, Austernmesser und Schneckenpfännchen nebst dazugehöriger Zange. In fast jedem Gang sind unauffällige Mitarbeiter in adretten Kitteln damit beschäftigt, die Regale aufzufüllen, hier und da eine Konservendose zurecht zu rücken und Kunden zu einem vergeblich gesuchten Produkt zu begleiten. Hier heißen die Fertiggerichte im Kühlregal nicht irgendwie nebulös „Hähnchenpfanne asiatisch“, sondern ganz selbstbewusst „Flämisches Kaninchen mit Pflaumen“ und die Frischfleischtheke offeriert Steaks gleich von mehreren Rinderrassen. Die Gemüseabteilung bietet, neben den üblichen klimakatastrophalen kenianischen Prinzessböhnchen und thailändischen Drachenfrüchten eine große Auswahl regionaler Spezialitäten. Chicoree ist beispielsweise gerade im Angebot, „Freilandware aus Brabanter Boden“ vermerkt ein kleines Etikett mit dem Hinweis auf „Region und Tradition“.

Was klingt wie ein High End-Delikatessgeschäft im Herzen des diplomatischen Viertels von Brüssel, ist in Wahrheit die örtliche Filiale der nationalen Supermarktkette Delhaize in Eupen, der Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG) mit gerade einmal 19.000 Einwohnern. Für einen durchschnittlichen deutschen Supermarktkunden in Angebot, Frische und Service eine kulinarische Offenbarung, für die hier einkaufenden Belgier ein Stück Alltag. 1867 wurde das Herzstück belgischer Supermarktkultur in der Nähe von Charleroi gegründet und verfügt knapp 150 Jahre später über satte 755 Filialen im kleinen Königreich mit seinen gerade einmal 11 Millionen Einwohnern.

Von Rezession und Staatszerfall ist hier zwischen Wachteleiern und handgeschöpftem Salz, zwischen Kirschbier und Algensalat erst einmal nichts zu spüren. Dabei gerät Belgien nicht nur aufgrund der unüberbrückbaren politischen Differenzen zwischen Flamen und Wallonen immer tiefer in die Krise. Im Januar setzten Rating-Agenturen die Bewertung der Staatsanleihen auf „negativ“ und König Albert II. forderte die Politik zu größerer Sparsamkeit im laufenden Haushaltsjahr auf. Die Medien berichten nahezu täglich über neue Teilungsszenarien und die Sorge um die ökonomische Zukunft des Landes scheint mehr als berechtigt.Der Zugewinn der Gastronomiebranche um mehr als sechs Prozent in 2010 wird zwar noch auf die Senkung des entsprechenden Mehrwertsteuersatzes von 21 auf 12 Prozent zurückgeführt, was den belgischen Haushalt mal eben rund 230 Millionen Euro gekostet haben soll. Doch das Image der sorgenfreien Genießer bekommt erste Kratzer. Im Januar meldete die Berufsvereinigung der belgischen Kartoffelhändler eine Preissteigerung von rund 38 Prozent im vergangenen Jahr. Eine Preissteigerung von bis zu zehn Cent pro Portion für das in der Papiertüte verkaufte Nationalheiligtum „friet“, wie die flämische Tageszeitung „De Standaard“ im selben Artikel vorrechnete.

Zu eben einer Frittenrevolution mit kostenlosen Pommes Frites hatte die Jugendorganisation „Niet in onze naam“ dann auch die belgischen Bürger im Februar aufgerufen. Nachdem absehbar geworden war, dass das Königreich nach 250 Tagen ohne Regierung den Irak als bisherigen Weltmeister in Sachen politischer Pattstellung ablösen würde, wollte man auf die Gemeinsamkeiten von Flamen und Wallonen hinweisen und auf die Gefahren einer möglichen Spaltung des Landes.