miniportion 250: schwarzwurzeln

Schwarzwurzeln im Glas, Köln 2013

Schwarzwurzeln im Glas, Köln 2013

Die Schwarzwurzel gehörte lange Zeit zu der Sorte Gemüse, von dem sogar ich Landkind nicht wirklich wusste, wie es außerhalb der im Supermarkt erhältlichen Glaskonserven aussah. In dieser Form gab es sie gelegentlich in einer Vinaigrette mit kleingeschnittenen Zwiebelchen als Salat zum Abendessen. Stets begleitet von dem Hinweis meiner Mutter, dass in ihrer Kindheit immer ihr Vater das Schälen habe übernehmen müssen, weil man danach immer so dreckige Finger behalte. Das hielt ich lange Jahre für sehr übertrieben, bis ich in meinen Berliner Jahren in der Lebensmittelabteilung des größten Karstadts der Welt, im Untergeschoss am Hermannplatz, einem Gemüse begegnete, dass ich zunächst für überlange und sehr schmutzige Mohrrüben hielt. Laut Etikett handelte es sich jedoch um Schwarzwurzeln aus Brandenburg und weil ich grundsätzlich alles interessant fand, was aus dem Umland der Hauptstadt kam, kaufte ich zum ersten Mal in meinem Leben ungekochte und unbehandelte Schwarzwurzeln. Zuhause konsultierte ich ein Schulkochbuch, das mir dazu riet, die Schwarzwurzeln nach dem Schälen direkt in kaltes mit Essig und Mehl vermischtes Wasser zu geben, damit die Stangen weiß bleiben. Keine Rede von schmutzigen Fingern und dem zu einem dunkelbraunen Klebstoff oxidierenden Saft der Pflanze, der am Schälmesser mehrere Spülmaschinengänge überdauerte. Das ist schon ein erhöhtes Risiko für die Zubereitung eines Gemüses, das eigentlich eher unspektakulär schmeckt. Aber auch unspektakuläre Nahrungsmittel haben ihre Nuancen und die von Schwarzwurzeln rangieren für mich zwischen angenehm fad und wohlig wohlbekannt. Wobei ich mich ernsthaft frage, ob es überhaupt noch andere Zubereitungsmöglichkeiten über „als Salat“ oder „in weißer Soße“ hinaus gibt. Die bekannteste Sorte hört laut Wikipedia übrigens auf den Nahmen „Hoffmanns Schwarzer Pfahl“, was mir aber ein bisschen frivol scheint, für so ein gutbürgerliches Gemüse.

miniportion 130: karfiol

Blumenkohl mit Bröseln, Aachen 2012

Blumenkohl mit Bröseln, Aachen 2012

Unsere österreichischen Nachbarn haben für viele Dinge der Ernährung die schöneren Worte. Melanzane für Aubergine, Sturm für Federweißen oder Obers für Sahne, um nur einmal die bekanntesten zu nennen. „Karfiol“ ist auch so ein Wort. Das klingt irgendwie so elegant, während das bundesdeutsche „Blumenkohl“ zwei Dinge zusammenbringen zu versucht, die weiter nicht auseinander liegen können. Dabei ist der österreichische Ausdruck eine Verballhornung des italienischen Ausdrucks „cavolfiore“ und der wiederum bedeutet wörtlich übersetzt: Kohlblume. Wie man es auch dreht und wendet, es bleibt beim Kappes.

Meine Schwiegermutter wählte einmal bei einem gemeinsamen Einkauf mit ihrer Mutter, einen kleinen Blumenkohl, obwohl dieser einen Stückpreis hatte. Vermutlich gefiel ihr der kleine Kopf besser, war frischer oder sie dachte schlichtweg in Mengen, deren Verzehr realistisch war. Diese Entscheidung führte zu einem regelrechten Schock bei der Großmutter meines Mannes, von dem sie sich ein Leben lang nicht mehr wirklich erholte und von dem sie stets sprach, wenn es um die Themen Blumenkohl und/oder Sparsamkeit ging.

In der Bundesrepublik Deutschland kann man Familien des bürgerlichen Milieus übrigens in zwei Lager einteilen. Die einen sind die, die den im Ganzen gekochten Blumenkohl mit einer weißen Mehlschwitze, übergießen, die anderen, die den Kohl mit in Butter geröstetem Paniermehl versehen. Hätten mein Mann und ich Kinder, hätten wir uns in diesem Punkt der Erziehung vorher einigen müssen. Bei ihm kamen die Brösel, bei uns zuhause die weiße Soße auf den Tisch. Man kann sich da ja durchaus später im Leben auch noch umgewöhnen, aber eine Grundsehnsucht nach dem Gewohnten bleibt bestehen. In den eher seltenen Fällen, in denen Blumenkohl bei uns auf den Tisch kommt, gibt es ihn mit Bechamelsoße. Das geht ohne Beschwerden von sich, nie aber ohne den Hinweis, dass das zuhause anders gewesen sei.