ethnografische notizen 106: flüchtling beim bäcker

Bäckerei in Aachen, Oktober 2015

Bäckerei in Aachen, Oktober 2015

Es wird kälter in Deutschland. Noch ist die Eingangstüre der Bäckereifiliale, in der ich immer frühstücke, morgens weit geöffnet. Aber trotz des sonnigen Wetters kann man den Herbst fühlen. Sogar im geschützten Bereich, da wo ich morgens mit Filterkaffee und Müslibrötchen sitze, kriecht es von unten unangenehm in die Hosenbeine.

Ein dunkelhäutiger Mann schwer zu bestimmenden Alters betritt den Laden. Er trägt einen blauen Anorak mit orangefarbenem Futter und Jeans und ist zunächst nicht zu unterscheiden vom durchgehend wohlhabenden Klientel aus Studenten, Seniorinnen und Angestellten, die sich hier ihre hellen Brötchen, Kirschschnecken und belegten Baguettes für den Tag kaufen. In gebrochenem Deutsch fragt er die Verkäuferin nach den Getränkepreisen. Sie gibt geduldig Auskunft, spricht langsam und deutlich. Der Mann schaut auf das Kleingeld in seiner Hand und bestellt eine kleine Tasse Kaffee. „Wasser bitte“, sagt er zur Verkäuferin. „Das müssen sie kaufen“, sagt die. Ihre Kollegin reicht ihm einen Pappbecher mit Leitungswasser. Der Mann grüßt freundlich in meine Richtung. Ich winke zurück. Die Verkäuferin reicht ihm ein Tablett mit Tasse und Untertasse. „Backen“, sagt er und zeigt auf den Backofen in der Ecke der Filiale, in dem gerade die im Angebot befindlichen Laugenbrezeln aufgebacken werden. „Ja, backen“, sagt die Verkäuferin. „Ich auch backen – before“, sagt der Mann. Ich schließe daraus, dass er da, wo er vorher gelebt hat – vielleicht Eritrea oder Somalia – Bäcker gewesen ist. Die Verkäuferin nickt freundlich.

Bevor er sich setzt, bleibt er an meinem Tisch stehen und sucht das Gespräch. „Sie tragen keine Schuhe“, konstatiere ich, „ist das nicht zu kalt?“ Es folgt eine wortreiche Erklärung, der ich aufgrund sprachlicher Barrieren nicht folgen kann. Er habe 30 Jahre keine Schuhe getragen, verstehe ich.

Als er geht, bemerken auch die Verkäuferinnen, dass er weder Schuhe noch Strümpfe trägt. „Op de bläcke Föös“, sagt eine von ihnen zu einer Kundin und lacht. Nicht abwertend, sondern eher konstatierend. Der Mann ist sichtlich irritiert und bleibt stehen. „Was?“, fragt er und die bislang einvernehmliche freundliche Stimmung droht zu kippen. „Darf ich nicht lachen?“, fragt die Verkäuferin. „Was?“, fragt der Mann und schaut mich an. „Kein Problem“, sage ich, „die sind fröhlich bei der Arbeit.“ „Arbeit“, sagt der Mann, „gut!“. Er geht.

#isswas 001 – bäckerei

Das Haus der Geschichte in Bonn beschäftigt sich in einer Wechselausstellung mit dem Titel „Is(s) was?!“ mit der Geschichte von Essen und Trinken in Deutschland. Im Rahmen der sogenannten IssWas-Woche (15. bis 21. Juni)  sind Hobby-Köch/innen und Profis, Foodies und Gelegenheits-Gourmets eingeladen, ihre Bilder, Anekdoten und Rezepte auf den Social-Media-Portalen des Museums zu teilen. Im Rahmen eines Tweetups am 22. Juni um 12.00 werde ich vor Ort in der Ausstellung die schönsten, lustigsten und skurrilsten Beiträge präsentieren und zur Diskussion stellen.

Jeden Tag stellen wir auf Facebook & Twitter eine andere Frage – heute:

Was gab es bei Euch heute Morgen?

 

Traurige Kinderbriefe, Köln 2014

Traurige Kinderbriefe, Köln 2014

Seit dem ersten April sind meine Wochenenden nicht mehr das, was sie mal waren! Seit 2006, besteht unsere Wochenendroutine darin, dass ich am Samstagmorgen aufstehe, um bei Bäcker Binz auf der Subbelrather Straße in Köln Ehrendfeld Brötchen und Zeitung zu holen. Fünf Brötchen (auch schon für Sonntag), ein Laugencroissant (für meinen Mann), eine Rosinenbrötchen (für mich) und den Stadtanzeiger.

Für Menschen mit einer Wochenendbeziehung sind präzise Abläufe und Rituale nun mal wichtig. Weil man sich am Freitagabend erst einmal wieder annähern muss, damit die hohen Erwartungshaltungen nicht wie am Heilig Abend in Stress und Frust enden. Wer kennt das nicht? Das Frühstück am Samstag ist dahingegen der erste Moment, an dem beide einigermaßen entspannt sind. Da darf es keine Abweichungen geben.

Und dann kam der April und damit der Tag, an dem ich vor des Bäckers Türe stand und noch leicht verschlafen lesen musste: „Auf diesem Weg möchten wir Ihnen für die langjährige Treue danken!“ Im Inneren des Ladens keine Backwaren, lediglich noch ein paar welke Primeln. Ein Witz, dachte ich, ein Aprilscherz und in meiner Not kaufte ich meine Brötchen bei der Bäckereikette gegenüber.

So ein regelmäßiger Brötchenkauf ist ja nicht nur eine persönliche Angelegenheit sondern hat auch eine soziale Dimension. Was, so fragte ich mich ratlos, was wird aus den beiden Verkäuferinnen, die eine blond und ein paar Jahre jünger, die andere dunkelhaarig und mit stets makellos tiefrotem Lippenstift? Was wird aus der älteren Dame mit der auftoupierten Frisur, deren unmöglich geparkte uralte S-Klasse schon von weitem erkennen ließ, dass sie in der Sitzecke aus orangefarbenem Kunstleder Kaffee und Kuchen zu sich nahm? Eine Bäckerei ist ja nicht nur ein Geschäft, sondern auch Arbeitsplatz, Wohnzimmer und Kontaktbörse.

Was mich selbst betrifft, gewöhne ich mich nur langsam an die neuen Zustände. Anderthalb Straßen weiter gibt es eine andere, selbstständige Bäckerei mit qualitativ sehr überzeugendem Angebot. Aber nach wie vor muss ich jeden Samstagsmorgen überlegen, wie ich da am besten hinkomme.

miniportion 013: streuselbrötchen

Streuselbrötchen von Nobis, Aachen 2013

Streuselbrötchen von Nobis, Aachen 2013

Seit nun zwei Jahren wohne ich aber über der Filiale einer Aachener Großbäckerei, die sich nicht nur durch die besten Printen der Stadt und eine ausnehmend ansprechende Gestaltung des Ladenlokals auszeichnet, sondern auch durch die Tatsache, dass ich seit geraumer Zeit morgens nur noch „Wie immer!“ sagen muss, um mein Müslibrötchen über die Theke gereicht zu bekommen. Alle paar Tage füge ich allenfalls noch „Und ein halbes Pfund feines Schwarzbrot!“ hinzu.  „Bitte!“, „Danke!“ und „Vorsicht auf der Treppe!“ – die ist nämlich bei feuchtem Wetter etwas glitschig. Wie verstehen uns, meine Bäckereifachverkäuferinnen und ich.

Am Wochenende aber, da habe ich Sonderwünsche. Da esse ich nämlich für gewöhnlich ein Streuselbrötchen zum Frühstück. Für die Ortsfremden: ein süßes Brötchen mit dicken, noch süßeren Streuseln obenauf. Laut Wikipedia sogar in Aachen erfunden. Das lässt sich mittels der mir verfügbaren Literatur nicht verifizieren – in Heizmanns Lexikon der Rheinischen Küche findet sich beispielsweise kein Eintrag. Aus eigener empirischer Forschung weiß ich aber zu berichten, dass die anderswo verkauften Streuseltaler in keinem Fall mit den Besonderheiten des Aachener Originals mithalten können. Das Streuselbrötchen ist nämlich das einzige Gebäck dass ich kenne, dessen Idealform einerseits vom Missverhältnis der beiden Teigsorten, andererseits von der Unvollständigkeit des Backprozesses abhängt. Der schwere Streuselteig muss so auf dem luftigen Hefeteig lasten, dass diese nicht aufgehen kann und die Streusel selbst müssen innen fast noch ein wenig roh sein. Keinesfalls durchgebacken, denn dann werden sie hart. So ein Streuselbrötchen macht nicht nur satt, sondern auch (vorübergehend) sehr zufrieden.  Ein Umstand, denn die oben erwähnten Verkäuferinnen geschickt zu nutzen wissen, wenn sie den anwesenden quengelnden Kindern, der Scheibe Fleischwurst beim Metzger gleich, ein Stück Streusel über die Theke reichen. Mit Kundenbindung kann man eben nie früh genug anfangen.