Tag Archives: bäckerei

Supermarkt-Challenge 02/07

21 Okt

Bevor wir mit den Porträts loslegen, müssen wir noch einmal eine Runde drehen. Auf der Kalker Hauptstraße, aber auch gedanklich – denn schon während der Vorbereitung wird deutlich, dass die eigentliche Challenge woanders liegt. Weiterlesen

soulfood düren – #003

14 Okt

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

13.10.2016

In der Facebook-Gruppe „Düren, unsere Stadt“ poste ich morgens die Frage nach der kulinarischen Identität der Stadt. „Bin für jeden Tipp dankbar“, schreibe ich und hoffe, dass es vielleicht jemanden gibt, der am Donnerstagmorgen die Zeit findet, mir zu antworten. Als ich mich am Abend verabschiede, bin ich im Besitz eines riesigen Pakets von Empfehlungen, Hinweisen, Telefonnummern und Namen. „Da sage nochmal jemand, in Düren wäre nix los!“ Weiterlesen

ethnografische notizen 109: #nohogesa

31 Okt
Restaurant in Köln-Deutz, 25.10.2015

Restaurant in Köln-Deutz, 25.10.2015

Während der rechtsradikale Pöbel sich auf dem Barmer Platz einfindet, sammeln sich die Gegendemonstranten auf der anderen Rheinseite. Der Heumarkt ist voll. „Ungewohnt, so ganz ohne was zu trinken“, sage ich. Normalerweise haben wir an diesem Ort ein Getränk in der Hand, ein Bier am CSD zum Beispiel, einen Grauburgunder auf dem Weinfest oder einen Aperitiv beim Diner en Blanc. Heute aber geht es mal nicht ums Trinken, sondern um mehr – um ein Zeichen gegen Intoleranz und Rassismus. Deshalb stehen die Leute auf dem Heumarkt im einsetzenden Regen – ganz ohne Bier in der Hand. Eine knappe Stunde später ziehen wir über die Brücke Richtung Ottoplatz, vorbei am griechischen Restaurant Oase und am kurdischen Bona’Me. Ein bisschen unwohl ist uns zunächst, geschätzte dreihundert Meter von rund 1.000 gewaltbereiten Rechtsradikalen auf dem Barmer Platz. Die haben, so lesen wir auf Twitter, eineinhalb Stunden lang ziemliche Probleme, 50 Ordner zu benennen, die nicht vorbestraft und nicht alkoholisiert sind. Die rund 10.000 Kölnerinnen und Kölnern auf der anderen Seite des Deutzer Bahnhofs werden nicht kontrolliert, scheinen aber vorerst – trotz Höhner-Auftritt – eher auf Kaffee aus zu sein. Da es immer schwieriger wird, in den Bahnhof hinein zu bekommen, ziehen große Gruppen Richtung Deutzer Freiheit. „Liebe Gäste“, steht auf der Tafel draußen an einem Restaurant auf dem Weg, „wegen der Demo am Barmerplatz bleibt unser Lokal am Sonntag, den 25.10.2015 geschlossen!“ Nachdem im letzten Jahr noch nach den Krawallen eine Bäckerei in der Innenstadt geplündert wurde, geht man in diesem Jahr auf Nummer Sicher. Zumindest im Steakhouse. Vor der Tchibo-Filiale und dem Backwerk stehen hingegen lange Schlangen. Wir gehen ein paar Meter weiter zur Deutzer Filiale der Bäckerei Hütten. Die Demonstranten vermischen sich mit dem regulärem Sonntagspublikum, das hier seinen Kuchen holen kommt. Wir essen ein Frikadellenbrötchen, Muzen, Mandelhörnchen und Apfelkuchen. Dazu gibt es Kaffee auf der Straße. Zurück am Ottoplatz positionieren wir uns an der Seite vor der Cantina Mexicana. Wir beschließen, dass es Zeit für ein Getränk ist. Auch die Cantina steigert heute ihren Jahresumsatz. „Einen Cappuccino bitte“, sagt die Frau vor uns zur Servicekraft hinter der Theke. Die schüttelt den Kopf. „Haben wir nicht.“ „Ach dann“, sagt die Kundin, „dann nehme ich eben einen Rotwein.“ Draußen auf der Bühne erzählt Krätzchensänger Ludwig Sebus von Köln nach dem Krieg.

ethnografische notizen 106: flüchtling beim bäcker

3 Okt
Bäckerei in Aachen, Oktober 2015

Bäckerei in Aachen, Oktober 2015

Es wird kälter in Deutschland. Noch ist die Eingangstüre der Bäckereifiliale, in der ich immer frühstücke, morgens weit geöffnet. Aber trotz des sonnigen Wetters kann man den Herbst fühlen. Sogar im geschützten Bereich, da wo ich morgens mit Filterkaffee und Müslibrötchen sitze, kriecht es von unten unangenehm in die Hosenbeine.

Ein dunkelhäutiger Mann schwer zu bestimmenden Alters betritt den Laden. Er trägt einen blauen Anorak mit orangefarbenem Futter und Jeans und ist zunächst nicht zu unterscheiden vom durchgehend wohlhabenden Klientel aus Studenten, Seniorinnen und Angestellten, die sich hier ihre hellen Brötchen, Kirschschnecken und belegten Baguettes für den Tag kaufen. In gebrochenem Deutsch fragt er die Verkäuferin nach den Getränkepreisen. Sie gibt geduldig Auskunft, spricht langsam und deutlich. Der Mann schaut auf das Kleingeld in seiner Hand und bestellt eine kleine Tasse Kaffee. „Wasser bitte“, sagt er zur Verkäuferin. „Das müssen sie kaufen“, sagt die. Ihre Kollegin reicht ihm einen Pappbecher mit Leitungswasser. Der Mann grüßt freundlich in meine Richtung. Ich winke zurück. Die Verkäuferin reicht ihm ein Tablett mit Tasse und Untertasse. „Backen“, sagt er und zeigt auf den Backofen in der Ecke der Filiale, in dem gerade die im Angebot befindlichen Laugenbrezeln aufgebacken werden. „Ja, backen“, sagt die Verkäuferin. „Ich auch backen – before“, sagt der Mann. Ich schließe daraus, dass er da, wo er vorher gelebt hat – vielleicht Eritrea oder Somalia – Bäcker gewesen ist. Die Verkäuferin nickt freundlich.

Bevor er sich setzt, bleibt er an meinem Tisch stehen und sucht das Gespräch. „Sie tragen keine Schuhe“, konstatiere ich, „ist das nicht zu kalt?“ Es folgt eine wortreiche Erklärung, der ich aufgrund sprachlicher Barrieren nicht folgen kann. Er habe 30 Jahre keine Schuhe getragen, verstehe ich.

Als er geht, bemerken auch die Verkäuferinnen, dass er weder Schuhe noch Strümpfe trägt. „Op de bläcke Föös“, sagt eine von ihnen zu einer Kundin und lacht. Nicht abwertend, sondern eher konstatierend. Der Mann ist sichtlich irritiert und bleibt stehen. „Was?“, fragt er und die bislang einvernehmliche freundliche Stimmung droht zu kippen. „Darf ich nicht lachen?“, fragt die Verkäuferin. „Was?“, fragt der Mann und schaut mich an. „Kein Problem“, sage ich, „die sind fröhlich bei der Arbeit.“ „Arbeit“, sagt der Mann, „gut!“. Er geht.

#isswas 001 – bäckerei

15 Jun

Das Haus der Geschichte in Bonn beschäftigt sich in einer Wechselausstellung mit dem Titel „Is(s) was?!“ mit der Geschichte von Essen und Trinken in Deutschland. Im Rahmen der sogenannten IssWas-Woche (15. bis 21. Juni)  sind Hobby-Köch/innen und Profis, Foodies und Gelegenheits-Gourmets eingeladen, ihre Bilder, Anekdoten und Rezepte auf den Social-Media-Portalen des Museums zu teilen. Im Rahmen eines Tweetups am 22. Juni um 12.00 werde ich vor Ort in der Ausstellung die schönsten, lustigsten und skurrilsten Beiträge präsentieren und zur Diskussion stellen.

Jeden Tag stellen wir auf Facebook & Twitter eine andere Frage – heute:

Was gab es bei Euch heute Morgen?

 

Traurige Kinderbriefe, Köln 2014

Traurige Kinderbriefe, Köln 2014

Seit dem ersten April sind meine Wochenenden nicht mehr das, was sie mal waren! Seit 2006, besteht unsere Wochenendroutine darin, dass ich am Samstagmorgen aufstehe, um bei Bäcker Binz auf der Subbelrather Straße in Köln Ehrendfeld Brötchen und Zeitung zu holen. Fünf Brötchen (auch schon für Sonntag), ein Laugencroissant (für meinen Mann), eine Rosinenbrötchen (für mich) und den Stadtanzeiger.

Für Menschen mit einer Wochenendbeziehung sind präzise Abläufe und Rituale nun mal wichtig. Weil man sich am Freitagabend erst einmal wieder annähern muss, damit die hohen Erwartungshaltungen nicht wie am Heilig Abend in Stress und Frust enden. Wer kennt das nicht? Das Frühstück am Samstag ist dahingegen der erste Moment, an dem beide einigermaßen entspannt sind. Da darf es keine Abweichungen geben.

Und dann kam der April und damit der Tag, an dem ich vor des Bäckers Türe stand und noch leicht verschlafen lesen musste: „Auf diesem Weg möchten wir Ihnen für die langjährige Treue danken!“ Im Inneren des Ladens keine Backwaren, lediglich noch ein paar welke Primeln. Ein Witz, dachte ich, ein Aprilscherz und in meiner Not kaufte ich meine Brötchen bei der Bäckereikette gegenüber.

So ein regelmäßiger Brötchenkauf ist ja nicht nur eine persönliche Angelegenheit sondern hat auch eine soziale Dimension. Was, so fragte ich mich ratlos, was wird aus den beiden Verkäuferinnen, die eine blond und ein paar Jahre jünger, die andere dunkelhaarig und mit stets makellos tiefrotem Lippenstift? Was wird aus der älteren Dame mit der auftoupierten Frisur, deren unmöglich geparkte uralte S-Klasse schon von weitem erkennen ließ, dass sie in der Sitzecke aus orangefarbenem Kunstleder Kaffee und Kuchen zu sich nahm? Eine Bäckerei ist ja nicht nur ein Geschäft, sondern auch Arbeitsplatz, Wohnzimmer und Kontaktbörse.

Was mich selbst betrifft, gewöhne ich mich nur langsam an die neuen Zustände. Anderthalb Straßen weiter gibt es eine andere, selbstständige Bäckerei mit qualitativ sehr überzeugendem Angebot. Aber nach wie vor muss ich jeden Samstagsmorgen überlegen, wie ich da am besten hinkomme.