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miniportion 088: reibekuchen

19 Apr
Einzelportion Reibekuchen, Köln 2005

Einzelportion Reibekuchen, Köln 2005

Um Reibekuchen geht es nicht nur in „Rievkooche Walzer“, einem der ersten Hits der Kölner Stimmungsband Bläck Fööss aus dem Jahre 1970, sondern auch in vielen Geschichten, die vom Essen und Trinken in Deutschland nach dem Krieg handeln. Ältere Menschen verbinden hierzulande den Konsum von Reibekuchen offensichtlich häufig mit heimeligen Erinnerungen in Gesellschaft der Kernfamilie. Reibekuchen, die anderswo Kartoffelpuffer oder -plätzchen heißen, in Franken Baggers, in Bayern Reiberdatschi, Klitscher im Erzgebirge und Grumbeerküchle in Rheinland-Pfalz, sind so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner in der Produktpalette des Soulfood. Sie verkörpern Werte wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Genügsamkeit. Für Reibekuchen braucht man nicht viel – im Wesentlichen geriebene Kartoffeln, Ei, Mehl, Fett und Hitze – und dennoch kommt je nach Koch oder Köchin immer etwas anderes raus.

Auch ich verbinde Erinnerungen mit dem Verzehr von Reibekuchen – weder besonders heimelige noch irgendwie dramatische. Eher normal. Bei uns gab es Reibekuchen nämlich immer als Fertigprodukt und immer dann, wenn es abends noch einmal etwas warmes zu essen gab. Das war an und für sich schon eine Ausnahme, denn die einzig wahre Hauptmahlzeit fand ja am Mittag statt. Einer von uns Kindern musste dann in den Keller an den Gefrierschank gehen, denn unsere Reibekuchen wurden ja fertig gekauft, tiefgefroren entnommen und in der Pfanne gebraten. Dazu gab es traditionell Apfelmus. Kartoffeln und Äpfel waren aber eine Kombination, die ich nicht besonders schätzte, vermutlich, weil mein Schwester sie bevorzugte. Ich hingegen aß meine Reibekuchen lieber mit Curry-Gewürzketchup aus einer roten Plastikflasche, von der man mit etwas Ausdauer die weiße Beschriftung rubbeln konnte. Der Inhalt schmeckte zwar etwas seifig, aber immerhin konnte ich mich schon farblich vom Rest der Familie absetzen. Esskultur hat ja auch immer etwas mit Identitätsfindung zu tun.

miniportion 044: apfelmus

6 Mrz
Apfelmuswärmestation, Köln 2005

Apfelmuswärmestation, Köln 2005

Kalte Speisen sind schlecht für den Magen! Das gilt vor allem für kalte Getränke. Mein Freund S., der einen beträchtlichen Teil seiner Kindheit in Gesellschaft seiner Großmutter, Tanten und deren Freundinnen in Kaffeehäusern mit handwarmen Johannisbeersaft verbrachte, kann das bestätigen. Eine Warnung, die auch meine Mutter gerne ausgab und die in ihrer Risikobehaftung nahe an die des Verzehrs von ungewaschenem Obst herankam.

Bei der Großmutter meines Mannes gab es kaum ein Mittagessen, zu dem kein Apfelmus gereicht worden wäre. Ein Tag ohne Salzkartoffeln und ohne Apfelmus ist ein verlorener Tag! Mit Ausnahme vielleicht derjenigen Monate in denen die einheimischen Feldfrüchte aufgebraucht waren und man bis zur neuen Ernte auf Importe auf Übersee hätte zurückgreifen müssen. Unvorstellbar. Beim Einkauf von Kartoffeln und Äpfeln achtete die Oma daher stets strikt auf deutsche Herkunft – weniger aus patriotischen Gründen, sondern weil sie Transporte aus Gegenden jenseits des Westerwaldes für Wahnsinn hielt. Eine Art Regional-Aktivismus avant la lettre. Einmal mit der flotten Lotte vermust, wurden die Äpfel zum Abkühlen in eine Glasschüssel umgefüllt und etliche Stunden vor dem Mittagessen aber wieder auf der Heizung platziert, um wieder auf magenschonende Temperatur zu kommen.

Bei uns zuhause bekamen wir ab und an von Bekannten von Bekannten eine größere Menge Äpfel geschenkt bekamen. Dann gab es Apfelkuchen vom Blech, dessen dicken Vollkornhefeteig ich entsetzlich trocken fand und eben Apfelmus, das in Glasbehältern mit Plastikdeckeln eingefroren wurde, in denen einmal Zaziki gekauft worden war (das mit dem Selbermachen hatte nicht immer Priorität).

Manchmal fuhr aber auch ein brauner Kombi mit Heinsberger Kennzeichen durch die Straße, und eine kleine, ältere Frau mit einem gelähmten Arm, dessen Hand in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, klingelte an den Haustüren, um den Bedarf von Eiern und Äpfeln zu erfragen. So war das damals auf dem Land.