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miniportion 004: altbier

25 Jan
Wegberg-Beeck, Dezember 2010

Wegberg-Beeck, Dezember 2010

„Welches Resultat bekommt man, wenn man Altbier chemisch analysiert?“, fragt Stevie K., „Das Pferd hat Zucker!“ Das auf blog.plus.de veranstaltete Gewinnspiel „Alt vs. Kölsch“ endete nach einem knappen Monat mit einem Sieg der Kölsch-Liebhaber. „Mein Esel trinkt Alt und pisst Kölsch“, befindet hingegen Krys, „Altbier ist das Bier für wahre Männer!“ Rudi vermutet die Verwendung von abgestandenem Rheinwasser bei der Herstellung von Alt und verweist auf die Lage von Düsseldorf rheinabwärts von Köln. Letzteres bezeichnet Djonzo dann als „hässliches Kapellenstädtchen“. Es finden sich aber – wenn auch nur vereinzelt – Einträge, die geradezu versöhnlich klingen. „Beide Biere haben die gleiche Brauart“, schreibt Christoph, „und das verbindet doch wieder diese beiden Biersorten. Aber ein Altbier am Abend für einen Menschen nach einem langen Arbeitstag ist doch immer noch das Beste.“

Altbier ist ohne Zweifel ein Thema, nicht nur in den Kneipen zwischen Emmerich und Rommerskirchen, Schermbeck und Niederkrüchten, sondern auch im Internet.

http://blog.plus.de/dusseldorf-vs-koeln

ethnografische notizen 017: wegberg-beeck

5 Dez

Wegberg-Beeck, Dezember 2010

Es ist Winter und  die Erkelenzer Haupteinkaufsstraße ist bei diesem Wetter nur mäßig belebt. Zum ersten Mal sehe ich einen ausgeräumten Netto City und auch das Eiscafé Teza nebenan sieht nicht viel besser aus. Die Aufschrift auf dem Schaufenster besagt, dass es jetzt auch Crêpes gibt, das braune Packpapier mit dem der Laden zugeklebt ist, lässt jedoch vermuten, dass hier schon länger gar nichts mehr zu bekommen ist. Die Temperaturen steigen auch tagsüber nicht über minus sieben und Hich bin froh als der Bus an Haltebucht D vorfährt. „Trinkt und esst nicht während der Fahrt, denn mit Abfall und Speiseresten möchte niemand gerne unterwegs sein“, steht auf dem Schild, das an der Glaswand hinter dem Fahrer befestigt ist. Wir fahren durch die Innenstadt und die Namen der vorbeiziehenden Restaurants und Imbissbuden lesen sich wie eine Chronik der wichtigsten bundesdeutschen Migrationswellen. Die Italiener scheinen offensichtlich bereits mit den ersten Anwerbungen Fuß gefasst zu haben.  „Dolomiti-Eis seit 1955“ steht auf einer fahlgelb getünchten Hauswand neben einem überdimensionalen kindlich gemalten Eisbecher. Der Grieche vor Ort heißt, wie könnte es anders sein, „Akropolis“, während die Döner-Bude sich ein kosmopolitisches „Berlin-Grill“ zugelegt hat. Gastronomie war einmal eine der weniger Möglichkeiten für Zuwanderer der Fabrikarbeit zu entkommen. Die originale Thai-Massage unweit des Bahnhofs zeigt, dass die Aufstiegschancen längst durch Dienstleistungen anderer Art erweitert wurden.

Auch Wegberg-Beeck, das Ziel meiner Reise, liegt unter einem schweren weißen Mantel. Dicke Schneeflocken fallen auf die bereits ordentlich geräumten Bürgersteige als ich aus dem Bus steige und ab und an fährt ein schwerer Mittelklassewagen vorbei.

„Nehmen Sie ruhig, hat die Frau gebacken“, sagt Herr G. und zeigt auf den Teller mit Spritzgebäck vor mir. So als wäre „die Frau“ eine Berufsbezeichnung wie „der Bäcker“ oder „die Metzgerin“. Gebacken wurde für den Weihnachtsmarkt am letzten Wochenende, dessen Verkaufserlös aus Plätzchen und Holundergelee mit und ohne Apfel dem Heimatverein zugute gekommen ist. „Verpflegung ist kein Problem hier im Haus“, fährt Herr G. fort, mit dem ich über die Anmietung des Museums für eine Konferenz spreche, ohne sich über die Komik seiner Ausdrucksweise bewusst zu sein, „Frauen haben wir genug hier.“ Wenn die nicht gerade aus dem Ort selber kommen, sind es Seniorinnen, die das Flachs- oder das Europäische Trachtenmuseum um die Ecke besuchen und oft eine Kombination aus Führung und niederrheinischer Kaffeetafel buchen. Dass wir uns am Rande des Niederrheins bewegen, lässt sich auch auf der altmodischen fünfeckigen Werbetafel erkennen, das an einer Hausecke für die Gaststätte „Tante Juliane“ wirbt.

„Vier mal 100“, erklärt Herr G. mir eine Faustregel zum Flachsanbau, der hier im äußersten Westen Deutschlands im Nationalsozialismus noch einmal eine politisch motivierte Subventionierung als „arische Pflanze“ erfuhr und 1945 abrupt zum Erliegen kam. „Am hundertsten Tag wird ausgesäht, hundert später keimen die Samen, hundert Tage später wird geerntet und jedes Samenkorn ergibt einhundert neue.“ Kinder können heute vor Ort ein Flachsdiplom erwerben, zu dem neben der Verarbeitung des Leinen-Rohmaterials auch das Backen eines Leinsamenbrots gehört. Das Flachsmuseum, eine vom örtlichen Heimatverein getragene Einrichtung, ist jedoch nicht nur in der Darstellung des Flachsanbaus vorbildlich. „Wir bemühen uns, den Kindern nebenher noch ein bisschen mehr Wissen zu vermitteln“, sagt Herr G. als er mir die Streuobstwiese und den Kräutergarten unter der dicken Schneeschicht zeigt.

Ein Stückchen weiter die Straße hinunter nennt ein mit Kreide beschriebenes Schild hinter der beschlagenen Scheibe eines Fleischers die anliefernden Bauern.  „Aus eigener Schlachtung“, steht zu lesen, „Schweine: Clever/Tüchenbroich, Hülsen/Beeck. Rind: Kremers/Heinsberg.“ Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle ist die Metzgerei aber bereits geschlossen. Eine dick eingepackte Frau trägt zwei Dutzend Eier durch den Schnee nach hause. Es ist Winter in Wegberg-Beeck.