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ethnografische notizen 240: wien 4/5

2 Jan

Wien zeichnet sich durch ein beharrliches Festhalten an Traditionen aus, durch eine Lust an komplizierten Ritualen und eine gewisse Skepsis gegenüber kulinarischer Innovation. Kurz: Eine ganze Stadt tut so, als wären die letzten 100 Jahre nicht passiert. Das zeigt sich ganz besonders in den kulinarischen Konventionen und Gepflogenheiten …

Punschkrapfen im Cafe Prousek/Aida, Wien – 12/2017

Punschkrapfen im Cafe Prousek/Aida, Wien – 12/2017

Punschkrapfen stehen auf dem digitalen Zettel, auf dem ich im Smartphone vor der Reise Empfehlungen aus allen Richtungen gesammelt habe. Aber auch die Tische in den Kaffeehäusern sind nicht wesentlich einfacher zu ergattern als die für das Abendessen. Im Prückel ist alles voll. Im Prousek, einem kleinen zweckmäßigen Café – augenscheinlich aus den späten 1950er Jahren und ohne jegliche Grandezza – finden sich zwei kleine Tische, die wir zusammenschieben nachdem die dort pausierende Schulklasse sich mit entsprechendem Getöse verabschiedet hat.

Café Prousek/Aida

verlängerter Schwarzer | kleiner Punschkrapfen

Personal

  • junge Frauen mit slowakischem oder tschechischem Akzent, in nur bedingt vorteilhafte rosafarbene Uniformen gezwängt

Gäste

  • Wienerinnen und Wiener unterschiedlichen Alters und gesellschaftlichen Stands,
  • etwa eine gediegene Dame im Pelz mit ihrem Mann, der einen Gehstock aus Ebenholz mit Silberknauf trägt,
  • eine kleine dicke, ältere Dame mit einem Hut aus Tweed,
  • ein ebenfalls dicker, älterer Mann mit einem weißen Bart,
  • ein Bettler, der es wagt, um ein Almosen zu bitten
  • und ein paar versprengte Touristen, die nirgendwo anders einen Platz bekommen haben

Links neben uns sitzt ein Ehepaar, sie im Nerzmantel und Mütze, er mit Gehstock aus Ebenholz mit einem Knauf aus Silber. Die beiden teilen sich eine Cremeschnitte. „Jetzt iss halt du“, sagt sich und schiebt ihm augenrollend den Teller hinüber. Auf der anderen Seite befindet sich eine ältere Frau mit einem Hütchen aus Tweed und einer ebenfalls älterer dicker Mann mit einem weißen Bart. Die beiden scheinen sich nicht zu kennen, kommen aber – ohne sich anzusehen – miteinander ins Gespräch, als die Frau einen von Tisch zu Tisch gehenden Bettler rüde angeht. „In Geschäften darf man so etwas nicht! Geh’n Sie hinaus! Die beiden Bedienungen mit dem Akzent wischen die Tische ab und bringen den Kaffee. Eine grafische Übersicht in der laminierten Karte erklärt die korrekte Bestellung. Dabei scheint die Konfiguration jedenorts ein wenig anders zu sein. Mal kommt die Milch zum kleinen Braunen in einem kleinen Kännchen, mal ist sie als Schaum auf der Tasse, mal – wie hier –  eine Haube aus Obers. „Zwei kleine Braune ohne Obers“, bestellt die Dame im Pelz, als wäre das ganz normal. Die Dame mit dem Tweed-Hütchen verzehrt ein Stück Gugelhupf, den man bei uns als Marmorkuchen bezeichnen würde. Mein Punschkrapfen kommt. Er ist sehr petit. Sogar für ein Petit four.  „Aber doch nicht in Wien!“, sagt der dicke Mann in Richtung des Tweed-Hütchens, „ich bitte Sie!“

Noch einmal zurück zu Hilde Spiel und ihre Schilderungen Wiens im 18. Jahrhundert:

„Die Monotonie der großen Welt in Wien, fand Madame de Staël, sei nicht zu ertragen. Doch sie begriff nicht, daß gerade in der Eintönigkeit dieser gesellschaftlichen Vergnügungen ein besonderer Reiz enthalten war. In ihrer Wiederholung wirkten sie beruhigend auf einen Kreis, dem vor jedem Wechsel bangte. Man begegnete sich in einem zeitlosen Raum, in der Illusion einer durch keinerlei unvorhergesehene Ereignisse gestörten Dauer, dem einen windstillen Platz, einem geschützten Winkel, so fern wie möglich von Revolution oder gar Tod – gleichsam in einer irdischen Ewigkeit.“

Buchteln mit Powidl-Füllung im Cafe Hawelka, Wien – 12/2017

Buchteln mit Powidl-Füllung im Cafe Hawelka, Wien – 12/2017

Café Hawelka

verlängerter Schwarzer | Buchteln mit Powidl

Personal

  • ein älterer Kellner
  • der Besitzer
  • mehrere jüngere Kellnerinnen im Hintergrund

Gäste

  • diverse jüngere und ältere Touristen aus aller Welt

Der ältere Kellner kommt und fragt, was wir bestellen möchten. Er wartet nicht lange und macht konkrete Vorschläge, um Zeit zu sparen. „Kaffee? Etwas Süßes?“ Wir zeigen auf einen Buchtel-Teller am Nachbartisch. „Ein paar Buchteln“, sagt er und wedelt mit den Fingern in Richtung unseres Tisches, „in die Mitte.“ Die Stühle sind im Laufe der Jahrzehnte windschief gerückt und man sitzt ein bisschen wie ein Kindergartenkind an den Marmortischen. Der Chef kommt und stellt den Teller auf den Tisch. „Jetzt bekommen Sie ein wunderbares Serviettel“, sagt er, 2und bitteschön gleich essen. Warum?2 Er schaut fragend in die Runde und gibt selbst die Antwort. „Weil’s warm ist. Der Kaffee kommt sofort.“ Eine österreichische Reiseleiterin betritt mit einer kleinen Gruppe das Café und erläutert auf Englisch die Besonderheiten des Wiener Kaffeehauslebens mit Zeitungen, Marmortisch und niedrigen Stühlen. Danach verschwinden sie wieder. An den Wänden hängen Plakate von Konzerten und andere Auftritten und ein Schild mit der Aufschrift: „Hunde sind ausnahmslos auf dem Boden zu halten!“

Café Prousek/Aida | Kaiserstr. 37 | 1070 Wien

Café Hawelka | Dorotheergasse 6 | 1010 Wien

 

Hilde Spiel, Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation, 1962
zitiert nach: Christine Hehle (Hrsg.), Wien literarisch, Berlin 2012