ethnografische notizen 122: printenwurst

Printenbratwurst, Printe (Kräuter und Prinzess), Printensalami, Aachen 2015

Printenbratwurst, Printe (Kräuter und Prinzess), Printensalami, Aachen 2015

Dass der Rheinländer gerne herzhaft und süß kombiniert ist nichts Neues. Sauerbraten mit Rosinen, mittelalten Gouda mit Marmelade oder Reibekuchen mit Rübenkraut, um nur einige Beispiele zu nennen. Weiterlesen

food haul #003 – 8 bäckereien

Derzeit wird nicht nur unter Food-Bloggern viel über die neue Werbekampagne von Lidl diskutiert. Mit ziemlich viel Geld und Aufwand bastelt man dort an einem neuen Image als letzter Hort des Guten Essens.

Aber anstatt mich über Qualität und Produktionsbedingungen von billiger Massenware zu echauffieren, möchte ich lieber zeigen, warum es sich lohnt, beim Bäcker und nicht im Discounter oder Backshop zu kaufen …

ethnografische notizen 074: mantı

Mantı in der Elsassstraße, Aachen 2014

Mantı in der Elsassstraße, Aachen 2014

Beim dritten Anlauf klappt es endlich mit dem Mittagessen mit Freund R. Wir verabreden uns am Elsassplatz in Aachen-Ost, einem Viertel, das ich allenfalls mal mit dem Auto durchquere. „Nur bergauf“, denke ich missvergnügt, als ich vom Büro losfahre. Die zum Platz gehörige Elsasstraße hat sich verändert, seit ich vor rund 15 Jahren von hier weggezogen bin. Läden, Lokale und Publikum sind nach wie vor überwiegend türkisch, aber die mittlerweile sanierten Fassaden der meist um die Jahrhundertwende gebauten Häuser haben den heruntergekommenen, irgendwie riskanten Charme verloren. Vielleicht liegt das aber auch an meiner Wahrnehmung der gefährlichen Stadt, jetzt, wo das beschauliche Landleben schon lange zurück liegt. Es gibt Schmuckläden, Friseure, ein Gardinen-Deko-Geschäft, einen Metzger und einen Gemüseladen. Eine türkische Straße in Deutschland eben. Weil ich mich nicht mehr genau erinnern kann, in welchem der diversen Restaurants rund um den Platz wir uns verabredet haben, mache ich mein Fahrrad an einer Straßenlaterne fest und warte auf der Straße. Überwiegend Männer machen Mittagspause. Manche von ihnen kommen zu Fuß, andere parken ihre schweren Autos am Straßenrand.

Auch R. macht sein Fahrrad fest und wir gehen rüber zum Restaurant Beyti. Bestellt wird an einer Theke an der Küche, auf halber Strecke zum Innenhof. Wir begutachten die Tagesgerichte und der Koch erklärt uns, was es gibt. Hähnchen, Kalbfleisch und Lamm mit verschiedenen Gemüsesorten. Allesamt liebevoll dekoriert in tiefen Metallblechen. Freund R. entscheidet sich für Kalb mit Bohnen. „Und Tortellini haben wir“, sagt der Mann und zeigt auf ein mit Joghurtsoße überzogenes Gericht. Ich nicke und sage: „Dann nehme ich die Mantı.“ Wenn man schon Expertise hat, kann man sie ja auch mal dezent anbringen. Zwei Jahre lang fuhr ich nämlich auf dem Weg von Neukölln nach Schöneberg jeden Morgen mit dem Fahrrad an einer türkischen Bäckerei vorbei, an deren Türen ein Schild mit der Aufschrift hing: „Dienstags frisch Mantı“. Gegessen habe ich sie dort allerdings nie, weil nämlich auf dem Heimweg am Dienstagabend die Bäckerei immer schon geschlossen hatte.

Heute habe ich mehr Glück und die Bedienung bringt Brot, einen Salat und Wasser. „Sprudel wolltet Ihr, oder?“, sagt sie. „Sprudel“, denke ich, „habe ich schon seit Jahren nur noch meine Eltern sagen hören.“ Ich betrachte die auf die Wand gemalten Bilder von Aya Sofia und Bosporus und unterhalte mich mit R. über unsere Türkei-Erfahrungen. Er war noch nie in Istanbul, ich noch nie im Rest des Landes. Die Bedienung bringt die Tortellini. Dass Türken in Deutschland ein italienisches Wort nutzen, um Deutschen ein türkisches Gericht zu erklären, gefällt mir. Die Mantı selber übrigens auch. „Herrlich“, denke ich, als ich wieder auf’s Rad steige, „fünf Minuten bergab und ich bin wieder im Büro.“

miniportion 338: nougat

Nougat der harte Sorte, Aachen 2010

Nougat der harte Sorte, Aachen 2010

Mein Mann ist, im Gegensatz zu mir, ein zumeist sehr kontrollierter Esser. Nur manchmal macht er eine Ausnahme, nämlich dann, wenn er sich an der Supermarktkasse so einen goldenen Block Schichtnougat kauft und schon auf dem Weg nach hause vollständig verspeist. Das finde ich jedes Mal beachtlich, da Nougat in dieser Form ja neben Nüssen und Kakao im Wesentlichen Fett enthält und somit im Sättigungsgrad einer vollwertigen Hauptmahlzeit entspricht, was jedoch nicht bedeutet, dass man im Anschluss an seinen Verzehr auf das Abend- oder Mittagessen verzichtet würde. Für meinen Mann ist Nougat gewissermaßen ein süßes „amuse gueule“ – zur Steigerung des Appetits.

Der Nougat meiner Kindheit kam einerseits in Form von Nussnougatcreme, die mein Vater gerne mit Quark auf einem Knäckebrot frühstückte und andererseits in Form von steinharten, in grün-rote Folie verpackten, schokoladenüberzogenen Rauten weißer Masse. Damit sind die beiden wichtigsten Varianten, wenn auch nicht unbedingt die hochwertigsten, bereits genannt. Denn der oder das Nougat führt ein Doppelleben. Mal ist er hell und ohne Kakao, mal mit und dunkel, wobei die eine mit der anderen Variante nichts zu tun hat. Die dunkle Masse entstand in Italien, weil man zu napoleonischen Zeiten Schokolade mit gerösteten Nüssen streckte, die helle Version im gesamten Mittelmeerraum als eine Mischung aus Eiweiß, Honig und Samen. Aber dieser Eintrag soll ja keine Wikipediabschrift werden, auch wenn die gelegentliche Nutzung durchaus zur persönlichen Erleuchtung beitragen kann. Jahrelang dachte ich nämlich, Gianduja wäre ein Ort irgendwo in Südamerika,  an dem vielleicht ein besonderer Kakao angebaut würde. Jetzt weiß ich, dass es sich dabei um eine karnevalistische Figur aus Turin in Italien handelt, nach der die Süßspeise benannt wurde. Die Frage, ob der Gianduja Schichtnougat in Portionen von 200 Gramm verzehrt, blieb hingegen leider unbeantwortet.

miniportion 291: sandwich

Sandwichreigen im Komitee der Regionen, Brüssel 2013

Sandwichreigen im Komitee der Regionen, Brüssel 2013

Im Aachener Rathaus hängt ein schönes altes Porträt des Earl of Sandwich. In einem ordentlichen, dicken Rahmen. Im weißen Saal, da, wo man einander gegen Aufpreis die ewige Treue schwören kann. Der Earl soll nämlich zu Zeiten des Wiener Kongresses um 1815 als Diplomat in Aachen geweilt haben. Außerdem soll er ja der erste gewesen sein, der sich von seinen Bediensteten ein Stück gebratenes Fleisch zwischen zwei Brotschreiben hat legen lassen. Aus Zeitnot, weil er beim Spielen nicht unterbrochen werden wollte. Damals gab es ja noch keinen Lieferservice, noch keine Pizzakarton und noch keinen Pizzaburger, wie er derzeit von Dr. Oetker beworben wird.

Mit dem Ausdruck Sandwich verbinde ich watteweiches Brot und einen feinen mayonnaisenlastigen Aufstrich, der mit ein wenig Ei und ein bisschen Kresse auf Vordermann gebracht wird. Vermutlich der Grund, warum mir Sandwiches in meiner Kindheit unbekannt waren. Aus selbstgebackenem Vollkornbrot – womöglich sogar im Blumentopf – und Gouda lässt sich nur schwierig elegantes Fingerfood basteln. Abgesehen davon, dass es als Frevel betrachtet worden wäre, die Rinde abzuschneiden. Deshalb hieß das bei uns Butterbrot und wurde nicht auf einer Etagère sondern auf einem einfachen Holzbrett gereicht.

Sandwiches traten in mein Leben als ich einmal beim Plus ein Haushaltsgerätesortiment kaufte, das neben einem klassischen Toaster und einem Wasserkocher auch einen Sandwichtoaster beinhaltete. Man kennt das ja – zwei Weißbrotscheiben mit Käse dazwischen. Gibt es in den Niederlanden in jeder Kneipen und heißt dort „tosti“. Für uns Deutsche allerdings war das Gerät damals eine ziemliche Sensation und wir toasteten, was die Leitung hielt. Neben Gouda fanden auch Frischkäse, Thunfisch, Zwiebeln und Gurken Verwendung. Inhaltlich setzten wir uns da keine Grenzen, aber manchmal ließen wir uns aus Zeitmangel ein Spiel an den Tisch bringen.