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miniportion 364: flips

15 Mrz
Likörgetränke in Kleinstportionen und gewöhnungsbedürftigen Geschmacksrichtungen, Köln 2014

Likörgetränke in Kleinstportionen und gewöhnungsbedürftigen Geschmacksrichtungen, Köln 2014

Am liebsten würde ich diesen Eintrag mit einer ganz persönlichen Geschichte beginnen – einer Geschichte, die vor vielen Jahren in einem Gartenhäuschen in der Nachbarschaft spielt, bei der neben einer Handvoll Kinder auch eine Tüte Erdnussflips dabei war und eine Geschichte, die ich aus Gründen des Anstands aber an dieser Stelle nicht erzählen darf.

Ganz oben auf der Liste meiner Produkt-Präferenzen standen damals Chipsletten, deren Bezeichnung mir irgendwie seltsam vorkam. Weil sie aber irgendwie in Mode waren, fand auch ich sie gut. Dicht gefolgt von ganz gewöhnlichen Kartoffelchips mit Paprikageschmack. Was anderes gab es damals ja auch noch nicht. Dann waren Sticks an der Reihe, ebenfalls mit Paprikageschmack und dann erst Erdnussflips, im Alltag schlicht „Würmchen“ genannt. Die hatten also nicht unbedingt die Pole-Position unter den herzhaften Zwischenmahlzeiten.

Mit Erdnüssen und mir ist das grundsätzlich so eine Sache, da habe ich sehr schnell genug von. Was mich allerdings nicht davon abhält, weiter zu essen. Vielleicht aber ist es genau diese stiefmütterliche Behandlung, die dafür sorgt, dass es „Würmchen“ immer noch gibt und vermutlich auch immer geben wird. Man isst sie nicht besonders oft und eigentlich auch immer als letztes, wenn alle anderen Knabbereien bereits aus sind. Aber wenn sie nicht mehr da wären, würde ganz sicher etwas fehlen. Oder wann haben Sie zum letzten Mal aktiv eine Tüte „Würmchen“ gekauft?

Neulich aber sah ich ein Plakat eines Herstellers von Likörgetränken in Kleinstportionen, auf dem dieser für neue Geschmacksrichtungen seines Hauptproduktes warb, dass über Jahrzehnte hinweg ganz bequem mit Feige und Wodka ausgekommen war. Neben Coco Biscuit und Luxus Lakritz gibt es nun aber sogar die Sorte „Erdnussflips“. Vermutlich auch so eine Art Initiationsritus über den wir besser schweigen.

miniportion 363: nahrungsergänzungsmittel

5 Mrz
Nahrungsergänzungsmittel bei aufziehender Bronchitis, Köln 2014

Nahrungsergänzungsmittel bei aufziehender Bronchitis, Köln 2014

Vor mindestens 20 Jahren saß ich einmal nach dem Haarschnitt mit meiner damaligen Friseurin C. an der Theke ihres Salons und unterhielt mich mit ihr über Vitamine. C. kannte ich bereits aus (ihren) Jugendtagen, in denen sie nämlich bei uns im Dorf gemeinsam mit ihrer Mutter die Kirchenzeitung ausgetragen hatte. Und deshalb hielt ich ihr, auch nachdem sie das „Haarstübchen“ im Nachbarort verlassen und sich selbstständig gemacht hatte, die Treue. Selbige mag auch ein wenig durch die ausliegenden Illustrierten des Lesezirkels bedingt gewesen sein, aber das möchte ich hier lieber nicht vertiefen.

Wir saßen also an der Theke, die vermutlich irgendwie in schwarz-weiß, vielleicht mit ein bisschen Mint oder Flamingopink gestaltet gewesen sein wird. „Vitamine sind sehr wichtig“, sagte C. in einem eher mütterlichen Ton. Eine Aussage, die ich ihr umgehend bestätigte und darauf hinwies, dass auch ich mindestens einmal am Tag eine Multivitamin-Brausetablette zu mir nehmen würde. Das sei aber nicht dasselbe, wurde ich belehrt, worauf ich nicht rechtes zu entgegnen wusste. Denn Brausetabletten waren damals ja eine sehr modische Sache. Nach anfänglicher Monokultur in Zitrone oder Multivitamin, wuchsen sie plötzlich auch in Mango, Pfirsich-Maracuja oder Blutorange. Für uns junge Menschen war der Vitamingehalt oder gar der tatsächliche Nutzen dieser Produkte eher nebensächlich. Das Geschmackserlebnis stand im Vordergrund, wobei ich mich nie so wirklich für die Kulturtechnik meiner Mitschüler erwärmen konnte, Brausetabletten einfach vollständig in den Mund zu stecken und zu lutschen.

Den täglichen Konsum von derartigen Nahrungsergänzungsmitteln hielt ich bis weit in mein Studium hinein konstant. Irgendwie, so dachte ich, muss man ja auch an seine Gesundheit denken. Wie ich es schaffte, davon wegzukommen, kann ich nicht mehr so genau sagen. Vermutlich war es die Erkenntnis, das es einfach keinen Unterscheid macht.

miniportion 362: teegebäck

1 Mrz
Teegebäck in diversen Farben und Formen, Köln 2014

Teegebäck in diversen Farben und Formen, Köln 2014

Nachdem meine Eltern im Jahr 1979 aus den Urlaub in England zurückkehrten (mit uns Kindern, versteht sich), tranken sie eine ganze Weile am Nachmittag gerne eine Tasse Tee mit einem winzigen Schuss Milch.

Zu einer solchen Tasse Tee am Nachmittag würde ja eigentlich auch Teegebäck dazugehören. Zumindest wenn man Loriot folgt, in dessen Sketch „Der Bettenkauf“ es sinngemäß heißt, dass die Gattin nach dem Aufwachen gerne eine Tasse Tee mit etwas Gebäck zu sich nehme. Daran kann ich mich nicht erinnern, was vermutlich daran liegt, dass diese Tee-Phase in die Vollkornbewusstseinsphase eingepasst wurde und kleine Kekse aus Weißmehl und Industriezucker – obendrein noch mit Lebensmittelfarbe verziert und zu überteuertem Preis in einer Konditorei erworben – passten da nun wirklich nicht ins Bild.

Interessanterweise scheint Teegebäck (zumindest in eben dieser Form der kleinen mit Zuckerguss, Nüssen und Belegkirschen verzierten Mürbeteigplätzchen) eine ziemlich deutsche Angelegenheit zu sein. Präferiert der Brite nachmittags eher Hefeteig in Form von beispielsweise Scones mit clotted cream oder in herzhafter Form von kleinen Sandwich-Ecken mit Salatgurke und etwas Salz, von denen freundlicherweise der Rand bereits in der Küche entfernt wurde. Keine Spur von Petit Fours in der Hardcore-Version.

Neulich, so hörte ich in den Meldungen, besuchte Frau Merkel im Rahmen eines Staatsbesuches an das Königreich nach dem Premierminister auch die Queen im Buckingham Palace. Während es sich bei Ersterem um einen Arbeits-Lunch handelte, hatte die Königin dem Verlauten nach daheim zum Tee geladen. Ob die Bundeskanzlerin, von diesem Kurztrip zurück in Berlin oder gar in der heimischen Uckermark, in den kommenden Monaten Nachmittags gerne eine Tasse Tee mit etwas Gebäck zu sich nehmen wird, kann ich von dieser Stelle aus leider nicht nachprüfen. In einer Vollkornphase scheint sie sich mir zumindest nicht zu befinden.

miniportion 361: krokette

24 Feb
Hygienisch, zeitsparend, unkaputtbar und einfach zu bedienen, Battice 2013

Hygienisch, zeitsparend, unkaputtbar und einfach zu bedienen, Battice 2013

Die Krokette ist eine Beilage, bei der ich sehr viel weniger an die Umstände ihrer Herstellung denke, als vielmehr an die Art, wann und wie sie serviert wird. Folgt man dem Dr. Oetker-Schulkochbuch ist die Krokettenproduktion an sich eine vergleichsweise schlichte Angelegenheit, bei der kleine Röllchen aus einem zuvor gefertigten Kartoffelteig paniert und „schwimmend in dem auf Stufe 3 erhitzten Fett auf Stufe 2 goldbraun gebacken“ werden. Mit einigen numerischen Grundkenntnissen also sollte das zu schaffen sein und mit ein wenig Geschick gelingen sogar „nach Belieben auch Kugeln oder Kränze“ für den festlichen Tisch. Frittierte Kränze sind etwas Feines, wer würde das bestreiten wollen.

Was die Serviervorschläge betrifft, gilt es den Kontext zu beachten. Während das Standardrezept sie zu feinem Gemüse und Braten vorschlägt, ist die Krokette in bundesdeutschen Gaststätten eher eine langweilige Convenience-Beilage, die – aus der Kühlung, rein in die Fritteuse – in Edelstahlschüsseln mit einem kleinen dünnen Serviettchen serviert wird. Zumindest gehörte sich das früher so.

In meiner Kindheit genoss ich den Vorteil einer kochfreudigen Großtante im französischsprachigen Belgien, die auch Kroketten zu ihrem Repertoire zählte. Auch wenn die von ihr servierten Mittag- oder Abendessen immer einen Unterpunkt namens „feines Gemüse und Braten“ beinhalteten, gab es die Kroketten meistens schon vorher. Dann allerdings nicht auf Edelstahl zum Jägerschnitzel, sondern auf gutem Porzellan und mit Käse und Schinken gefüllt als erste Vorspeise. Im eigenen Haushalt hingegen beschränkte sich der Krokettenkonsum auf die Backofenvariante, nachdem meine Eltern aus noch nicht vollständig geklärten Gründen die ökologische Nahezuselbstversorger-Phase abgeschlossen hatten. Für die belgische Verwandschaft hatte das Folgen: Keine Tante besuchte ich fortan lieber als diese.

miniportion 360: willkommensdrink

20 Feb
Willkommensdrink ganz gesund, Bielefeld 2014

Willkommensdrink ganz gesund, Bielefeld 2014

Der Willkommensdrink oder auch Welcome-Cocktail, ein alkoholisches Getränk in bunten Farben, großen Gläsern und mit kleinen Schirmchen ist ein Relikt aus einer lang vergangenen Epoche. Aus einer Zeit, bevor Pauschal- oder gar All-Inclusive-Urlaube für einen Großteil der ferienmachenden Bevölkerung irgendwie noch etwas besonderes waren und man sich schon Wochen vorher auf den Tomatensaft im Flugzeug freute. Da waren Gratis-Getränke noch so außergewöhnlich, dass man mit ein bisschen Zucker am Glasrand, Obstdeko, Farbstoff und Alkohol neu angekommenen Gästen eine große Freude machen konnte. Das geht heute nicht mehr ganz so einfach – unlängst beklagte eine Kollegin, dass sie an der Bar die Markengetränke hätte bezahlen sollen. Ein Skandal, wie wir fanden und waren uns aber auch schnell einig, dass man in diesem Fall auch mal eine Ausnahme in den Qualitätsstandards machen darf.

Der Willkommenscocktail ist aber glücklicherweise dokumentiert – als Gegenstand einer sehr lustigen Szene in einem sehr lustigen Film. In Hape Kerkelings „Club Las Piranjas“ von 1995 nämlich heißt die ziemlich übellaunige und immer ziemlich besoffene Clubchefin Dr. Renate Wenger (Judy Winter) ihre Gäste mit einem ebensolchen Getränk willkommen. Und das nicht nur einmal, sondern eigentlich den ganzen Film über. So oft, dass man danach auch ständig sagen muss: „Ischeißesieherzlischwillkommen!“

Jedenfalls dachte ich immer, dass der Welcome-Drink zumindest hierzulande vollkommen ausgestorben sei – bis ich unlängst ein von der Gewerkschaft ausgerichtetes Seminar besuchte und gebeten wurde, mich um 14.00 Uhr im Foyer des Tagungshauses einzufinden. Dort erwarteten uns nämlich die Küchenbelegschaft und die Hausleitung. Ersterer servierte uns einen kleinen Cocktail aus Orangensaft und Himbeermark, letztere war leider nicht wirklich besoffen. Aber das ist mit reinem Fruchtnektar auch nicht ganz so einfach.