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miniportion 368: möhren

2 Apr
Saftmöhren Klasse II aus Schwarzenau, Würzburg 2013

Saftmöhren Klasse II aus Schwarzenau, Würzburg 2013

Oft werde ich, wenn ich einen Besuch bei meinen Eltern ankündige, vorab gefragt, was ich denn gerne essen möchte. Man denkt dabei dann gerne an Gulasch oder Sauerkraut, vielleicht auch noch Frikadellen. Meistens wünsche ich mir dann aber aus verschiedenen Gründen einen Eintopf. Zum einen macht der nicht so viel Arbeit (was meine Mutter nicht davon abhält, mir jedes Mal zu versichern, ich könne mir auch etwas „richtiges“ wünschen) und zum anderen mag ich Eintöpfe ganz gerne. Sie erinnern mich nämlich an eine nicht einfach zu beschreibende Geschäftigkeit im Haus. Alle hatten irgendwie etwas zu tun im Haus und Garten und der Eintopf war schon fertig, damit das alles nicht so lange dauerte – das mit dem Mittagessen.
Je nach Saison gab es Linseneintopf, Erbsensuppe oder Stangenbohnen. Am besten fand ich aber Möhreneintopf mit Fleischwurst und einem Stück Speck. Die Möhren kamen mitunter aus dem eigenen Garten und gehörten zu den Gemüsen, die man mehr oder weniger heimlich auch vor Ort konsumieren konnte. Dafür musste man eigentlich nur die Erde ein bisschen am Gras abwischen. Das klingt im Nachhinein einfacher als es war, weil ich nämlich als Kind glaubte, dass auch Vögel urinieren würden und ich befürchtete, dies im Gras nicht sehen zu können. Aus diesem Grund hielt ich mich eher an die Erbsen, die ja von sich aus in ihrer eigenen Schale ganz hygienisch verpackt waren.
Erbsen und Möhren gab es übrigens auch gelegentlich zusammen. Allerdings, obwohl eben beides hinter dem Haus in haushaltsüblichen Mengen angebaut wurde, immer aus der Dose beziehungsweise dem Glas. Ansonsten kannte ich nur Möhrensalat, fein gerieben. Dass man Möhren aber auch, fein mit Vanille abgeschmeckt, zu einem vornehmen Confit verarbeiten kann und mit einem Spritzbeutel auf extravaganten Tellern neben dem niedrigtemperaturgegarten Tenderloin serviert, davon hatte ich damals nun wirklich noch keine Ahnung.

miniportion 367: ibérico

1 Apr
Jamon Bellota, Barcelona 2013

Jamon Bellota, Barcelona 2013

Der Anspruch von Dokumentationssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist ziemlich umfassend. Man kann dort in manchen Nächten alle jemals gemachten Filmaufnahmen vom Obersalzberg in einer Dauerschleife anschauen oder sich im Rahmen eines Themenabends die Gedanken von bleichen britischen Ägyptologinnen zu den mutmaßlich von den alten Ägyptern produzierten Broten und Bieren zu. Essen und Trinken kommt generell nicht zu kurz, auch wenn derzeit eine Tendenz zu Aufnahmen aus Segelflugzeugen besteht. Einmal jedoch sah ich eine sehr interessante Sendung über das Ibérico-Schwein, die vergleichsweise bodennah aufgenommen worden war. Und auch wenn ich mich nicht an sehr viel mehr erinnern kann als an die Tatsache, dass dieses Tier von Eicheln im Wald lebt, hat sie einen dauerhaften Eindruck hinterlassen. Seither weiß ich, warum gewisse spanische Schinken so gut schmecken und warum gewisse kleine Koteletts in den Auslagen diverser Feinkostgeschäft so teuer sind.
„Cerdo ibérico“ heißt übersetzt Schwein von der iberischen Halbinsel und „pata negra“, die handelsübliche Bezeichnung für den dazugehörigen Schinken, bedeutet soviel wie „schwarzes Beinchen“. Das klingt doch irgendwie sehr viel hübscher als Holsteiner Katen- oder Münsterländer Kernschinken.
Meine eigenen Erfahrungen mit Schweinebeinen beschränken sich übrigens auf zwei zartrosafarbene Füßchen, die ich einmal beim Biometzger bestellte, nicht mehr aus der Hand legen wollte und letztendlich doch zu Kroketten nach spanischem Rezept verarbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte.
Vor einiger Zeit aber aß ich unter ganz besonderen Umständen ein ganz besonderes Stück vom Ibérico mit Namen „secreto“ (das Stück, nicht das Schwein). Dazu wurde ein mit sehr feinem Curry versehener, niedrigtemperatur-gegarter Teil eines Kraken gereicht. Das gefiel mir beides ausnehmend gut. Einen Dokumentarfilm muss man darüber aber nicht mehr drehen – im Fernsehen war das schon längst zu sehen.

miniportion 366: pharisäer

29 Mrz
Unehrliches Tässchen auf dem Flohmarkt, Hamburg 2014

Unehrliches Tässchen auf dem Flohmarkt, Hamburg 2014

Eine solide katholische Erziehung hat ihre Vor- und Nachteile. Eher nachteilig empfinde ich die dauerhafte Implementation von Schuldgefühlen, die man vermutlich nie wieder vollständig loswerden kann. Unter solch widrigen Umständen ist daher schon eine gewisse Kreativität von Nöten, um trotz allem ein erfülltes und lustiges Leben zu führen. Die religiöse Überwachung baut sich also gewissermaßen en passant ihre eigene Umgehungsstraße. Während beispielsweise Fastenzeiten für die Angehörigen anderer Konfessionen und Religionen eine ziemliche Einschränkung bedeuten, leben die katholischen Traditionen davon, Ausnahmen von der Regel zu finden. Herrgottsbescheißerle etwa, mit Fleisch gefüllte Maultaschen, deren Inhalt, so hoffte man zumindest, vor dem Höchsten verborgen sein würde, oder aber der Verzehr von Biberfleisch, da man das Nagetier ja aufgrund seines schuppigen Schwanzes nicht anders als einen Fisch und damit als fastenzeitkompatibel einordnen konnte. Ein weiterer katholischer Reflex besteht darin, immer erst einmal die anderen für den Untergang der eigenen Werte und Sitten verantwortlich zu machen. Ein Pharisäer beispielsweise ist laut Duden zum ersten ein Angehöriger einer altjüdischen Bewegung, zum zweiten ein Heuchler und zum dritten ein heißer Kaffee mit Rum und geschlagener Sahne. Wenn man, wie ich, als Kind viel Zeit in der Kirche verbringt und dabei nicht aus Norddeutschland kommt, sind einem die beiden ersten Bedeutungen zwangsläufig bekannt, da das Neue Testament in der Darstellung jüdischer Personen nicht besonders differenziert ist, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Das Getränk hingegen soll der Legende nach erst im 19. Jahrhundert in Ostfriesland erfunden worden sein, um das Alkoholverbot eines besonders strengen Geistlichen zu umgehen. An sich also in einem eher unkatholischer Landstrich, aber was dem einen sein Fleisch in der Fastenzeit ist dem anderen sein Rum im Kaffee.

365 miniportionen – ein jahr „lexikon der ganz persönlichen esskultur“

21 Mrz

screenshot_woerterLiebe Leser und Leserinnen,

das Lexikon der ganz normalen Esskultur umfasst mit diesem Text 365 Einträge. Ein ganzes Jahr habe ich fast jeden Tag eine kleine Geschichte aus Alltag oder Erinnerung aufgeschrieben.

Die stets länger werdenen Abstände der letzten Wochen haben sowohl mit diversen neuen Ideen zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass ich mich mit dem Ende dieses Projektes nicht ganz leicht tue. Denn auch wenn ich manchmal sehr genau überlegen musste, ob ich diese Geschichte nicht schon in einem anderen Beitrag verwurstet hatte oder ob mir zu jenem „Wort des Tages“ überhaupt etwas einfallen würde, gibt es noch eine ganze Menge Dinge, die ich noch nicht geschrieben oder veröffentlicht habe.

Deshalb wird es – auch wenn ich mein Jahressoll mit dem heutigen Tag erreicht habe – auch in Zukunft immer wieder mal einen Text im bewährten Format von maximal 1.100 Zeichen plus Abbildung geben.

Bleiben Sie an den Geräten …

miniportion 365: mettbrötchen

21 Mrz
Zwiebel auf Mett, auf Brötchen auf Serviette, Köln 2014

Zwiebel auf Mett, auf Brötchen auf Serviette, Köln 2014

Neulich, so erzählt mein Mann mir, habe man in der Firma ein gemeinsames Frühstück anberaumt. Zur Vorbereitung hätten er und seine Kollegen überlegt – nachdem man sich mehrheitlich für die Anschaffung von Mettbrötchen entschieden habe – wie viel man denn so pro Person berechnen müsse. Letztendlich entschied man sich für beeindruckende 200 Gramm, deren Gesamtmenge vom Metzger als hübscher Marienkäfer mit Punkten aus Zwiebelringen in Form gebracht wurde. Nach wie vor kann ich mich nicht entscheiden, was ich bemerkenswerter finde – die 1,2 Kilogramm für die insgesamt sechs Mitarbeiter oder die Tatsache, dass man so mir nichts dir nichts zum Mettkonsum umschwenken kann. Die Portionsgröße wurde übrigens noch im Laufe des Vormittags mit Hilfe einer Briefwaage nach unten korrigiert. Mettbrötchen sind, so höre ich, zu einem festen Bestandteil der Firmenkultur geworden.

Meine frühesten eigenen Erinnerungen an Mettbrötchen sind mit der Filiale einer Aachener Bäckerei verbunden, in der sich meine Mutter unweit des Doms einmal ein ebensolches auf die Hand kaufte. Vielleicht irre ich mich da aber auch, weil meine Mutter eigentlich nur sehr selten, sehr ungern etwas aus der Hand isst. Dafür würde allerdings sprechen, dass sie lange Zeit das einzige Mitglied der Familie war, für das ein Mettbrötchen überhaupt in Frage gekommen wäre. Aber manche Dinge bleiben wie sie sind und manche ändern sich. Während meine Mutter vermutlich auch wie vor gelegentlich ein heimliches Mettbrötchen zu sich nimmt, ist mein Mann, denn ich in früheren Zeiten mit rohem Hack und Zwiebeln auf einem Weißbrötchen sehr einfach in die Flucht hätte schlagen können, ein erklärter Fan von Mett-Witzen in den sozialen Medien geworden ist. Letztens bekam ich die Fotografie einer aus Hackfleisch geformten Muppet-Figur auf mein Handy geschickt – ein Kermett gewissermaßen. So ist das in deutschen Büros.