ethnografische notizen 286: frankreich 2021 (6/14)

Oignons de Roscoff, 09/2021

Gegen Mittag, nachdem ich mir im örtlichen Decathlon eine Badehose gekauft habe, begeben wir uns vollständig in die Folklore – wir fahren nach Roscoff.

Die Straße hinaus zur Spitze der Halbinsel ist gesäumt von Gemüsefeldern. Um diese Jahreszeit gibt es vor allem Kohl und Artischocken, deren Köpfe in verschiedenen Formen (schlank und länglich oder rund und dick) und Farben (blassgrün bis tiefviolett) über die Feldränder ragen. Ein riesiges, handgemaltes Schild verweist auf den Verkauf von „oignons – produit de terroir“.

Ein Stück weiter verkauft eine Frau große Säcke mit Zwiebeln von der Ladefläche eines Lastwagens, außerdem Kartoffeln und ein bisschen anderes Gemüse. Roscoff, die hübsche kleine Stadt am Ende der Straße zählt etwa dreieinhalbtausend Einwohner*innen und ist berühmt für ihre rosafarbenen Zwiebeln. In dicken Zöpfen kann man sie in den Souvenirshops kaufen, in der gleichen Form und Verpackung, wie bei uns in der Gemüseabteilung im Handelshof. Wir spazieren durch den Hafen, einmal um die Kirche herum und suchen nach einem Lokal für das Mittagessen. Die grauen Häuser aus großen, sorgfältig behauenen und zusammengefügten Steinen sind tadellos gepflegt. Die länglichen, schmalen Fenster lassen erahnen, dass hier im Herbst und Winter ein raueres Klima herrscht. 

Jetzt aber liegt noch eine spätsommerliche Nachsaison-Stimmung in der Luft und die Restaurants füllen sich langsam. Wir entscheiden uns gegen Crêperie „Marie Stuart“ (es gibt ein Haus, in dem die schottische Königin als Kind geweilt haben soll) und stattdessen für einen kleinen, eher unscheinbaren Laden namens „Tal an Iliz“. Die Galettes sind lecker und wir bekommen nach dem ersten Durchgang ungefragt die Karte ein zweites Mal gebracht. Dazu trinken wir Cidre aus blauen Keramiktassen. Hinter uns sitzt eine größere Familie in drei Generationen, der Aussprache nach zu urteilen aus Westfalen. Einer der etwa 20-jährigen Enkel erklärt den Großeltern die Speisekarte in dem für sein Alter typischen Tonfall der Allwissenheit. Ob sie schon einmal hier gewesen seien, will er von seiner Oma wissen. „Wir haben Roscoff gemieden“, antwortet sie, „das war uns immer zu touristisch.“ Dass aber die Aussicht auf die Kirche von hier aus wunderschön sei, fährt sie fort. „Wie eine Filmkulisse!“ „Die Stadt hier gefällt mir auch besser als der andere Ort, wo wir gestern waren“, sagt der Enkel, „irgendwie authentischer.“

„Die Bretagne ist ein Paradies für wohlhabende, konservativ-aufgeklärte Menschen“, denke ich. Solche, die es sich leisten können, im Urlaub eine Stadt zu meiden, weil es zum guten Ton gehört, eine Stadt „zu touristisch“ zu finden (um dann doch hinzufahren und für die romantische Kulisse zu schwärmen). Die touristischen Strukturen der Region sind fest in bildungsbürgerlicher Hand, inklusive Wohnwagen, Ferienhäusern und Kunstreiseführern. Nichts, was die maritime Idylle stören würde, einmal abgesehen von einem der pittoresken Morde in einem der zahlreichen Bretagne-Krimis.

Dann aber, schon auf dem Weg zum Auto, begegnet uns plötzlich eine historische Persönlichkeit. Wir kommen an einer Bäckerei vorbei. Ein junger Mann in Jeans und grauem T-Shirt tritt aus der Türe, setzt einen schwarzen Helm auf und fährt mit seinem Elektroroller über das Kopfsteinpflaster davon. Als er um die Ecke ist, überquere ich die Straße, um mir eine Gedenktafel an der Hauswand anzusehen. Sie ist aus krakelierter Keramik, gefördert vom Département Finistère, von der Region Bretagne und von der europäischen Union. Zu sehen ist ein Porträt des Schriftstellers Alexandre Dumas, der in diesem Haus im Jahr 1896 den Sommer verbrachte und hier das Kapitel „Zwiebel“ seines großen Küchenlexikons bearbeitet haben soll. „Um richtig über einen Gegenstand schreiben zu können“, zitiert der danebenstehende Text den Autor, „so muss man diesen Gegenstand vor Augen haben. Es war ein unverhoffter Zufall, dass ich just in diesem Moment in Roscoff ankam, als das Wort ‚Zwiebel‘ aus meiner Feder floss.“ Es folgt ein etwas unspezifisches Rezept für ein Zwiebelragout.

Alexandre Dumas der Ältere wurde 1802 in der Nähe von Soissons in der Picardie geboren. Bekannt wurde er vor allem durch zwei seiner zahlreichen historischen Romane; zum einen durch „Der Graf von Monte Christo“, zum anderen durch „Die drei Musketiere“. Eher unbeachtet sind in Deutschland zwei weitere Aspekte seines Lebens. Zum einen sein kulinarisches Interesse, welches 1873 in der Veröffentlichung des „Grand Dictionnaire de cuisine“, einer Sammlung von mehr als 3.000 Rezepten und Anekdoten gipfelte (daher die Zwiebel). Zum anderen die Tatsache, dass er der Enkel einer versklavten schwarzen Frau aus Haiti war. Letzteres kann man bei Betrachtung des berühmten Dumas-Porträts des Fotografen-Pioniers Nadar aus dem Jahr 1855 eigentlich gut übersehen. Krauses Haar und breite Nasen haben viele Menschen, ganz unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Wenn da nicht die unausgesprochene „one drop rule“ wäre, diese unausgesprochene Regel, die nach wie vor bestimmt, dass ein schwarzer Vorfahr einen Menschen schwarz macht. Ein sprichwörtlicher Tropfen Blut reicht.

Alexandre Dumas starb 1870 bei Dieppe in der Normandie. 132 Jahre später wurden seine sterblichen Überreste ins Pariser Panthéon überführt, wo er als erster Schwarzer unter den Geistesgrößen der französischen Vergangenheit geehrt wurde. An diesem sonnigen Nachmittag im rosagetönten Roscoff behält er somit ironischerweise das letzte Wort: „Un pour tous, tous pour un.“