ethnografische notizen 285: frankreich 2021 (5/14)

Ein gedeckter Tisch und eine Statue.
Pâté Lorrain / Ban-de-Sapt

Auf dem Schrank in der Küche liegt ein Gästebuch, eingebunden in dunkles Leder. Drinnen befinden sich zahlreiche begeisterte Einträge, die meisten davon auf Französisch, gemischt mit ein paar niederländischen und deutschen Danksagungen. „Hier hinten“, sagt Amélie, unsere Gastgeberin, „hier gibt es ein paar Adressen zum Einkaufen. Nichts Großes, aber ein Bäcker, ein Metzger und ein kleiner Supermarkt mit regionalen Produkten.“ 

Boucherie/Charcuterie und Petit Supermarché befinden sich nicht nur im selben Ort, sondern, wie wir bei Ankunft in Ban-de-Sapt bemerken, sogar im selben Haus. Ein winziger Ort, dessen Geschichte wir auf den Erklärungstafeln auf dem Ehrenfriedhof überfliegen. Ein paar schwarzweiße Fotos neben den Texten zeigen die totale Zerstörung des unmittelbaren Geländes und der umliegenden Dörfer währen des „großen“, des Ersten Weltkriegs. Und auch mehr als 100 Jahre später lassen sich die Schützengräben und Granatentrichter noch erahnen. Unten im Ort reckt eine düstere Frauengestalt aus grauem Beton die rechte Faust mit einem Siegerkranz. „La Commune de Ban-de-Sapt à ses Glorieux Morts, 1914-1918” steht auf dem Sockel, umgeben von den letzten Blumen des Sommers. Das dahinter liegende Rathaus wirkt wie ausgestorben und auch sonst ist niemand auf der Straße zu sehen.

Auf dem Parkplatz entsorgen wir zunächst das Leergut und ein paar Plastikverpackungen mit der Aufschrift „Penser au tri!“, der französischen Entsprechung des grünen Punkts. Dann überqueren wir die Straße in Richtung Supermarkt von der Größe eines generösen Wohnzimmers. „Chez Lulu“ steht in weißer und hellgrüner Schrift auf violettem Hintergrund. Ein fröhlicher Kontrast zur regenverhangenen Stimmung des Vormittags. Lulu, zumindest nehmen wir an, dass es sich bei der Frau hinter der Kasse um Lulu handelt, telefoniert gerade. Sie nickt uns freundlich zu, während wir das Sortiment anschauen. Mein Blick fällt auf ein freistehendes Regal mit Konfitüren, Honig und Sirup. Blaubeere, Himbeere, Mirabelle und Tannenspitzen. „Sie suchen regionale Produkte?“, fragt Lulu, die das Gespräch unterbrochen hat. Sie zeigt uns schlichte Flaschen mit Limonade und zwei lokale Craftbiere mit bizarrem Logo. Ich betrachte die Fantasyfiguren mit unklarem germanisch-keltischem Einschlag. „Wir MÜSSEN das nicht kaufen“, sagt P. und erlöst mich aus meinem Dilemma, „wir haben noch Bier zuhause.“ Mit einer Blaubeermarmelade, einem Tannenspitzensirup und einer Flasche Mirabellenlimonade gehen wir zur Kasse. Lulu legt das Handy beiseite. Sie zeigt auf einen weißen Karton. „Möchten Sie vielleicht auch diese lothringische Pastete probieren“, fragt sie und lächelt uns an.