ethnografische notizen 284: frankreich 2021 (4/14)

Intermarché, Saint-Dié-des-Vosges (2021)

„Vive la modernité“, sagt die Frau hinter mir lakonisch, als ich zum zweiten Mal in diesem Urlaub die Supermarktkasse lahmlege.

Ein paar Tage zuvor war es ein Patisson, ein weißer, platter Gartenkürbis, den ich kaufen wollte. „Den müssen sie aber wiegen“, sagt die Kassiererin etwas ungnädig und schickt mich zurück zum Gemüse.

Auch in Frankreich gibt es offensichtlich solche und solche Supermärkte, solche mit integrierten Waagen und solche ohne. Zurück in der Fachabteilung tippe ich mich etliche Mal durchs Menü, komme mit der Courgette dem Kürbis aber nur bedingt näher. „Madame“, frage ich eine vorbeieilende Verkäuferin, „können Sie mir vielleicht sagen wo …“ „Moment“, sagt die Dame beschäftigt und läuft, das Telefon am Ohr, an mir vorbei. Ich spüre, wie die Kassiererin, mein Mann und ein paar weitere Kunden mich interessiert aus der Ferne beobachten. Ich zucke in ihre Richtung mit den Schultern und tippe aus lauter Verlegenheit noch ein bisschen auf dem Bildschirm herum. Das überflüssige Etikett, das dabei herauskommt, klebe ich verstohlen unter den Tisch. Schließlich winkt mir die Frau an der Kasse energisch zu, ich solle zurückkehren und erst jetzt verstehe ich, dass sie die ganze Zeit mit der Kollegin in Obst und Gemüse telefoniert hat. „Wir können das Produkt nicht finden“, sagt sie, nun sehr viel freundlicher als vorhin, „ich buche das mal als Wassermelone. Ist auch noch billiger.“

Heute sind es die Reineclauden. „Was genau ist das?“, fragt mich eine diesmal weitaus jüngere Mitarbeiterin. „Äh“, sage ich, weil mir natürlich genau in diesem Moment nicht einfallen will, wie die Dinger heißen. Ich winde mich ein bisschen und trete von einem Bein aufs andere, während diesmal sie verlegen auf dem Touchpad herumsucht. „Des reineclaudes“, sage ich schließlich erleichtert, weil sich die Wissenslücke gerade wieder geschlossen hat. Die Verkäuferin schaut mich mit einem seltsam leeren Gesichtsausdruck an. „Grüne Pflaumen“, möchte ich hinzufügen, weil mir aber die passende Vokabel für Pflaume nicht einfallen will, sage ich stattdessen „grüne Federn“. Der Gesichtsausdruck ändert sich nur minimal. Sie greift zum Telefon. Nach kurzer Wartezeit erscheint die Chefin, um wie wild auf dem Bildschirm herumzutippen. „Das sind Pflaumen“, erklärt sie der Mitarbeiterin, „auch wenn die nicht rot sind.“ Auf der Anzeige erscheint „prune reine claude“ und meine Ehre ist für einen Moment gerettet. „Mit Karte“, sage ich, ein wenig triumphierend. „Vas y“, sagt die Verkäuferin und lächelt mich an.  Ich stecke die Karte ein (kontaktloses Bezahlen funktioniert in Frankreich zumindest mit einer deutschen Karte eher selten) und es passiert – nichts. „Der Empfang“, sagt die Kassiererin entschuldigent. „Vive la modernité“, sagt die Frau hinter mir.