ethnografische notizen 283: frankreich 2021 (3/14)

Pêche a pied, Bretagne 09/2021

„Dahinten buddeln ein paar Leute“, sagt P., nachdem wir beim ersten Strandspaziergang auf einige wenige appetitliche Herzmuscheln gestoßen sind. Ich erinnere mich an die Urlaubsbilder von der Atlantikküste, die uns Freunde im Sommer schickten – mit selbstgesammelten Muscheln und wildem Fenchel, kurz in Olivenöl sautiert. „Dahinten“ aber bedeutet etwa einen Kilometer in die Bucht hinein, denn gerade ist Ebbe. Aber bei den Muschelsuchern bleibt es ohnehin bei zwei einzelnen Herren, die irgendwann zur Aperitifstunde erfolglos wieder abziehen. Vermutlich Hobbyisten, vielleicht sogar Urlauber.

Auch im Supermarkt finde ich keine coques für das Rezept mit Chorizo und rotem Reis, das mir aus der New York Times im Kopf geblieben ist.  Stattdessen aber eine aktuelle Ausgabe der Kochzeitschrift „Bretons en cuisine“ mit einer Reportage über die Muschelernte in der Bucht von La Baule. Die befindet sich aber im Süden der Halbinsel vor Saint-Nazaire und nicht hier im Norden an der deutlich raueren Cote d’Armor. Nichtsdestotrotz beeindrucken mich die im Gegenlicht fotografierten Muschelsammler am Strand und das Porträt eines Profis nebst dunkelblauem Seemannspullover, kniehohen Gummistiefeln und einem zufriedenen Lächeln. Pêche à pied, das Fischen zu Fuß, ist in Frankreich ein Volkssport.

Im Intermarché in Plestin-les-Grèves kaufe ich schlussendlich moules, nachdem ich festgestellt habe, dass die Crevetten, die ich zunächst ins Auge gefasst hatte, allesamt aus Südamerika stammen. „Von hier“, steht auf dem Schild über der Kiste mit den Miesmuscheln, aus der mir der Verkäufer ein Kilo in einen blauen Plastikbeutel schaufelt.

Auf P.s sehnlichen Wunsch wandern wir am nächsten Vormittag bei Ebbe hinaus bis ans Wasser. Durch mein Fernglas sehe ich schon von Weitem einen älteren Mann mit einem Kescher über die jetzt freiliegenden Felsen klettern. Während wir fasziniert beobachten, wie das Meer sich noch immer weiter zurückzieht, taucht plötzlich ein weiteres Ehepaar auf. Beide tragen ebenfalls ein Netz bei sich und am hinteren Hosenbund türkisfarbene, geflochtene Kästchen mit einer kleinen Klappe. Konzentriert streifen sie zwischen den Steinen von Pfütze zu Pfütze, ziehen das Netz durch das Wasser und betrachten den Inhalt. „Ich bin neugierig“, sage ich im besten Schulfranzösisch, „was suchen Sie denn?“ „Des crevettes“, sagt die Frau. „Die sind aber alle noch zu klein“, fügt sie hinzu, während sie die Algen aus dem Kescher entfernt.

Immer mehr ältere Damen und Herren gesellen sich dazu. Es wird kaum gesprochen, allenfalls kurz gegrüßt. Als die See auf dem Tiefststand ist erscheint ein Mann, der mit einer Art Rechen plus Netz die Brandung durchpflügt. Draußen auf dem Wasser tauchen zwei Kegelrobben auf. Während sie das Geschehen an Land aufmerksam beobachten, schenken ihnen die pecheurs à pied keinerlei Aufmerksamkeit.