ethnografische notizen 282: frankreich 2021 (2/14)

Madeleines in der Autobahnraststätte

Auf Autobahn ziehen die braun-orangefarbenen Schilder mit den Sehenswürdigkeiten vorbei. Landschaften, Gebäude, Industriezweige und kulturelles Erbe jeglicher Art. Kulinarisch geht es um Andouillette, Molkereiprodukte, Äpfel und Austern. Kurz vor dem Mont-Saint-Michel fahren wir für einen Kaffee ab. „Aire ist ein schöneres Wort als Rastplatz“, sagt P. während wir über den Parkplatz laufen, „irgendwie eleganter.“

Eine Busladung Senior:innen reiht sich brav in die Schlange vor der Kaffeetheke ein. Bequeme Schuhe, ärmellose Westen und andere praktische Reisebegleitung in unterschiedlichen Beigetönen. Der Unterschied zu Deutschland ist eher gering. In diversen Kurven wird nicht auf der freien Fläche zwischen Theke und Tischen angestanden, sondern in Richtung der Toiletten gestaut. Vermutlich eine Coronaschutzmaßnahme, denn hinsetzen darf man sich erst, wenn die Dame an der Kasse das amtliche Zertifikat erfolgreich eingescannt hat. Auf der Tafel über ihr sind international kompatible Kaffeespezialitäten gelistet. „With milk?“, fragt sie bei der Bestellung von café crème, um auch den letzten Rest möglicher kultureller Missverständnisse auszuräumen. „Do you want sugar?“. Vor uns bezahlt eine Frau mit einer Art Urlaubsgutschein, was ein wenig dauert, weil sie erst ausrechnen muss, welches Gebäck sie auswählen kann, ohne draufzahlen zu müssen. Auch das würde man eigentlich eher irgendwo in Baden-Württemberg vermuten. Die Kassiererin nimmt es aber gelassen hin und wartet, bis die Kundin sich für ein Baguette entschieden hat. Ihre Kollegin sortiert derweil mit einer großen Zange croissants und pains au chocolat in die Auslage. Außerdem ist ein Baguette mit Thunfischmayonnaise im Angebot, sowie eines mit Schinken und Käse. 

Wir nehmen unser Tablett und suchen uns einen Tisch. Auf dem Weg dorthin werfen wir einen Blick in den Rest der langen Theke, in der bleiche Baguettes mit unterschiedlichen Belägen darauf warten, aufgebacken zu werden. Die Tische stehen hinter einer Reihe künstlicher Apfelbäume. Eine rote Plastikfrucht ist wohl abgefallen und jemand hat sie in eine ebenso unnatürliche Astgabel gesteckt.

Auf dem Weg zurück zum Auto werfe ich noch einen kurzen Blick in den Shop auf der anderen Seite des Gebäudes. Wie in Frankreich üblich findet sich hier, zwischen gekühlten Getränken, Chips und abgepackten dreieckigen Sandwiches auch eine Auswahl regionaler Spezialitäten. Es gibt – wir befinden uns quasi auf der Grenze zwischen Normandie und Bretagne – Salzkaramell und bretonische Kekse mit und ohne Schmuckdose, sowie einzeln verpackte, große Madeleines, die zu so etwas wie einem gesamtfranzösischen kleinsten gemeinsamen Nenner in Sachen Gebäck geworden zu sein scheinen.