ethnografische notizen 275: köln in zeiten von corona

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Julia Komp, Lindgens Lokschuppen

Julia Komp, Lindgens Gastronomie by Julia Komp, Köln (Foto: Hamza Chater)

Die jüngste Sterneköchin Deutschlands wollte eigentlich nach einer 14-monatigen Weltreise Ende März ihr Bistro im Mülheimer Hafen aufmachen.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Wir haben die Eröffnung zehn Tage vorher abgesagt, da hatte ich schon drei Monate geplant. Das war schon sehr enttäuschend. Eigentlich wollten wir das durchziehen, ein bisschen kleiner vielleicht. Das Pop-up war komplett ausgebucht, die Küchenparty aber nur zur Hälfte. Scheinbar hat das Wort „Party“ die Leute doch ein bisschen zurückgehalten. Vom Menü hätten wir noch viel mehr verkaufen können, aber die andere Veranstaltung lief eher schleppend. Als dann das Corona-Thema immer präsenter wurde, haben wir gesagt, dass wir das den Gästen gegenüber nicht verantworten können. Wenn hier 60 Personen sitzen, plus Küchenteam und Lieferanten, die raus und reinlaufen, dann sind das rundherum fast 100 Kontakte.

Wir haben uns für eine Verlegung entschieden und für Ostern weitergeplant. Es wurde aber schlimmer und schlimmer und wir haben angefangen, ein To go-Menü für die Feiertage vorzubereiten. Aber wenn ich sowas mache, dann will ich das auch richtig cool machen. Also haben wir erst einmal gekocht, dann ein Video für das Anrichten zuhause gedreht, Anleitungen geschrieben, Listen gedruckt und die Tüten gepackt. Kochen war gar kein Problem, aber das Verpacken ist viel Aufwand. Am Anfang habe ich gedacht: „Wenn wir 50 Portionen verkaufen, dann ist das schon gut.“ Dann hatten wir plötzlich 100 Bestellungen, dann 150, dann 200. Da hat die Küche gefragt, wie wir das alles schaffen sollen. Insgesamt haben wir letztendlich 250 Ostermenü-Portionen verkauft. Das war schon eine logistische Leistung.

2. Was machst du gerade?

Wir machen jeden Tag unser To go-Business. Solange das Wetter schön ist, läuft das gut. Bis jetzt hatten wir sehr viel Glück, mit vier Wochen Sonne. Mittlerweile kommen die Gäste gezielt hierher, wir haben schon eine kleine Fanbase.

Mein Leben ist ja ansonsten noch relativ normal, ich habe eine Wohnung, ich gehe zur Arbeit, habe mein Team. Aber es ist schon ungewohnt, auf einmal Zeit zu haben. Ich habe sonst nie Zeit, ich bin ja immer im Stress. In der ersten Woche war es noch richtig kalt hier. Da war ich einen Tag zuhause und habe meine Steuererklärung zusammengesucht. Ich war ja 14 Monate nicht da und bin gerade in eine neue Wohnung gezogen, da musste ich erst mal das Chaos in den Griff bekommen. Dann war es zwei Uhr, es hat immer noch geregnet, ich habe mich warm angezogen und bin laufen gegangen. Ich bin ja neu hier und war schon schockiert, wie viele Menschen draußen geschlafen haben. Da kommt man ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen, wenn man sieht, wieviel Menschen kein Dach über dem Kopf haben, während der Rest sich darum streitet, wer das Klopapier kauft.

3. Was wirst du als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

Bestellen und aufräumen. Der Lokschuppen hier wird dann ein richtiges Bistro. Unsere Stühle sind zur Hälfte da, die Tische sind in den letzten Zügen, die Theke wird noch einmal komplett neu gemacht. Die Kaffee- und Teelounge wird etwas problematisch, weil unsere Möbel noch in Dänemark stehen, aber die Liegestühle für draußen sind bestellt, die Sonnenschirme haben wir auch schon. Vielleicht wird es am Anfang alles ein bisschen provisorischer, aber wir können anfangen.