ethnografische notizen 273: köln in zeiten von corona

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Marlen Mager, Zur Tant

Thomas Lösche & Marlen Mager, Zur Tant, Köln (Foto: privat)

Die 36-Jährige aus Radeberg ist Restaurantleiterin im Sternerestaurant „Zur Tant“ in Porz-Langel, das sie mit ihrem Partner Thomas Lösche führt.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Schlimm, ganz schlimm. Wir wussten ja erst nicht, was passieren würde, aber wir hatten so ein Bauchgefühl. Montag haben wir hier den letzten Abendservice gemacht, das war schon ganz schön mulmig. Die Gäste waren angespannt und es gab nur dieses Thema. Alles war so ungewiss und man kam mit den ganzen Nachrichten gar nicht hinterher.

Am Dienstag haben wir dann geschlossen, das Restaurant zusammengepackt und gedacht: Das war’s jetzt! Ich habe geweint, weil ich fix und fertig war und weil ich nicht wusste, was mit den Mitarbeitern ist und wie wir das alles stemmen sollen. Wir haben die Küche komplett ausgeräumt und die frischen Lebensmittel haben wir den Mitarbeitern mit nach Hause gegeben. Wir dachten ja, dass es vorbei ist. Diese Ungewissheit, die war das Schlimmste, die Existenzangst. Wie bezahlst du die Mitarbeiter weiter? Wie kommen die klar? Die haben ja auch Kosten. Irgendwann ging dann auch bei mir der Schalter um und mir wurde klar, dass ich ja auch eine Privatperson bin. Wie zahle ich denn meine Miete? Wir haben ja auch keine Riesenrücklagen. Das war schon krass.

2. Was macht ihr gerade?

Am Mittwoch sind Thomas und dann alleine in den Laden und haben überlegt, was wir machen sollen. Nach Rücksprache mit anderen Kollegen aus der Gastro haben wir uns entschlossen, dass wir Außerhaus anbieten. Wir wechseln jetzt jeden Tag die Karte. In den ersten zwei Tagen habe ich das mit Thomas alleine gemacht. Ich war mit in der Küche und habe geschnibbelt, geschnibbelt, geschnibbelt. Ich habe ihn da unterstützt, obwohl mein Talent beim Kochen eher begrenzt ist, habe aber schnell gemerkt, dass wir da beide an unsere Grenzen kommen. Klar, kann ich ein paar Kartoffeln schälen, aber damit ist es halt nicht getan. Nach einer Woche haben wir deshalb zu unserem Patissier gesagt, dass er unbedingt wiederkommen muss. Momentan läuft das so gut, gerade an den Wochenenden, dass wir gar nicht nachkommen. Wir vergeben Uhrzeiten für die Außerhaus-Gäste, die dann im Viertelstundentakt ihre Bestellungen abholen kommen.

Die Anspannung ist aber groß, das ist ein ganz anderes Arbeiten. Logistisch musst du da ganz anders rangehen, das sind wir nicht gewohnt. Wenn alles irgendwann mal wieder normal sein wird, müssen wir wahrscheinlich das Andere wieder lernen, weil wir ein ganz anderes System entwickelt haben. Wir arbeiten Tag für Tag, heute für morgen, morgen für übermorgen – nur so geht’s. Psychisch und physisch kommen wir schon an unsere Grenzen, weil ja auch nicht alle Mitarbeiter da sind.

Teilweise habe ich ein schlechtes Gefühl dabei, dass wir im Restaurant sind. Alle sollen zuhause bleiben und wir stehen hier. Wir müssen ja keine Leben retten, wir müssen ja nur kochen. Haben wir überhaupt eine Berechtigung? Darüber mache ich mir derzeit viele Gedanken.

3. Was werdet ihr als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

So weit haben wir noch gar nicht gedacht, wenn ich ganz ehrlich bin. Weil wir ja gar nicht wissen, was passieren wird. Das ist ja für alle ungewiss, nicht nur für uns, sondern für alle Branchen.

Vielleicht machen wir eine große Fete und jeder bringt was mit. Thomas, der kocht nicht, dem stelle ich zwei Plattenspieler hin, der soll einfach Musik machen für alle.