ethnografische notizen 272: köln in zeiten von corona

Einbrand, Bonner Str., Köln, 29.03.2020

Südstadt

„Five Minutes for Future“, steht noch auf dem Fenster von der Caffé Bar am Ubierring, „trink deinen Kaffee entspannt hier.“ Das ist mittlerweile einerseits überholt, andererseits aber so aktuell wie nie zuvor. Das kleine Café hat an diesem Sonntag aber geschlossen.

Thomas Wippenbeck und Nadja Maher, Restaurant Frau Maher, Übierring, Köln, 29.03.2020

Gegenüber, bei Frau Mahér, ehemals Wippn’bk, ist die Türe geöffnet. Nadja Maher und Thomas Wippenbeck stehen hinter einem Tisch im Eingang und warten auf Kundschaft. Wir unterhalten uns kurz über die Krise und darüber, dass der Laden gerade erst nach einer grundlegenden Sanierung und Konzeptänderung wiedereröffnet hat. Das macht die Lage nicht einfacher. Auf dem Tisch liegen Zettel mit dem Angebot, darauf Desinfektionsmittel in einer Quetschflasche aus der Küche. Es gibt Gemüselasagne, eine Veggie-Bowl aber auch Currywurst Pommes. Abgeholt wird hier an der Eingangstür.

Vor dem Mainzer Hof stehen zusammengeklappte Tische, dahinter eine Tafel mit der Aufschrift „Die Liebe gewinnt!“

Café Terrarium, Mainzer Str., Köln, 29.03.2020

Im Café Terrarium wird gearbeitet. Die Fenster sind mit Malervlies abgeklebt. „Nach vorne gucken, wir renovieren“, steht auf einem Zettel. Am Eingang wird die Corona-Pause angekündigt, „auch das Sparkästchen setzt eine Weile aus.“ Darüber hängt eine Karikatur, die zwei Männer an der Theke zeigt. „Wie schaut’s aus, wer dominiert die Liga?, fragt der eine. „Der FC Corona!“, antwortet der andere.

Am Capricorn [i] Aries hängen die Speisekarten für das Take-away-Geschäft, die Exemplare zum Mitnehmen sind schon vergriffen. Es gibt beispielsweise rosa Crevetten mit Zitronenmayonnaise, Confit de Canard mit Rotkrautsalat oder Knoblauchkartoffeln mit Chutney. Auf einer großen Tafel neben dem Eingang wird in schwungvoller Schrift ein kindgerechter Speiseplan für mittags und abends angekündigt. Außerdem kann man Weine vom Weinhaus Süd ab 8 Euro auf „unserem kleinen Take-away-Weintisch“ kaufen.

Bei Geschnitten Brot werden die Kunden aufgefordert, die lokalen Unternehmer*innen zu unterstützen. „Support your local dealer”, steht auf einem Schild, „kauft einen Gutschein hier bei uns im Laden, schreibt eine Mail oder schaut auf ticket.io“. Eine Frau holt gerade im Laden etwas ab. Vielleicht Kuchen? Den gibt es derzeit sonntags zwischen 12 und 14 Uhr für zuhause.

An der Hauswand des Blickwinkels hängt ein Plakat von Vodafone, auf dem sich ein junges Paar innig umarmt.

Die Speisekammer bleibt stoisch: „In der Ruhe liegt die Kraft. Passt auf euch auf und bleibt gesund.“

Die Alte Wettannahme ist auf einer kleinen, handgeschriebenen Botschaft auf einem der Tische am Fenster ebenso optimistisch: „Liebe Freunde & Gäste, wir bleiben alle gesund! Und sehen uns hoffentlich bald wieder!“

Im Veedel Vital hängt ein mit dickem Stift vollgeschriebenes und unterzeichnetes A4 an der Eingangstüre. „Diese Maßnahme dient zum Schutz unserer Mitarbeiter. Gleichzeitig möchten wir unserer sozialen Verantwortung gerecht werden und dafür sorgen, dass es aktuell zu möglichst wenig sozialen Kontakten kommt, damit sich die Verbreitung des Corona-Virus verlangsamt. […] Katrin.“

Die Ansage im Teeladen ein paar Schritte weiter ist streng. Es wird mit dem „Einkaufen wie in der guten alten Zeit“ geworben: „Kein Essen, bitte kein Eis, keine Getränke mit reinbringen! Und bitte nicht telefonieren! Kartenzahlung ist ab 25,00 Euro möglich. Bitte teilen Sie uns frühzeitig mit, wenn Sie mit Karte zahlen: KEINE KREDITKARTEN, nur Deutsche Girocard.“

Die Filiale der Bäckerei Lubig, Ecke Chlodwigplatz/Bonner Straße ist geöffnet. „ABER“ steht mit drei Ausrufezeichen auf einem Plakat, man möge bitte Abstand halten, darauf achten, dass sich nicht zu viel Kundschaft im Laden befindet und möglichst wenig in der Filiale anfassen.

Das Einspänner bleibt erst einmal bis auf weiteres geschlossen. Unter der Bekanntmachung steht handschriftlich: „Wir öffnen spontan für Kaffee zum Mitnehmen.“ An diesem Sonntag zum Beispiel von 9 bis 14 Uhr. Man kann außerdem für samstags Kuchen vorbestellen, etwa Bananenbrot, Zitronentarte oder glutenfreien spanischen Mandelkuchen.

Die Fette Kuh bietet insgesamt sieben Burgermenüs zum Mitnehmen, darunter Hamburger, BBQ-Bacon-Cheese und ein Kindermenü („nur für Kids“). Auf den Ausdrucken sind die jeweiligen Hinweise „Fritten + Sauce deiner Wahl“ mit pinkfarbenem Textmarker hervorgehoben.

Die italienische Bäckerei hat ein eigenes Farbsystem auf den handschriftlichen Anweisungen. „Bitte nacheinander eintreten“ ist mit einem grünen Stift geschrieben, „Bitte Abstand halten“ in Rot.

Raskolnikow, Bonner Wall, Köln, 29.03.2020

Das Raskolnikow im ehemaligen Tripse Bock hat sich auf den Fensterverkauf verlegt. „Bitte klopfen“ steht auf den bunten Scheiben im Bleiglas-Look, „wir sollen leider schließen. Aber kochen können wir weiter.“ Die Gäste werden aufgefordert über eine Handynummer zu bestellen. Es gibt unter anderem Borschtsch, Pelmeni und Honigkuchen. „Helfen Sie uns zu überleben. Verzehrgutschein ohne Ablaufdatum. 20 € Gutschein kostet nur 15 €.“

Das Italico nebenan verkündet lapidar, dass das Café „aus der Situation heraus“ geschlossen bleibe.

Das Carmelädchen öffnet die Tür jeden Freitag zwischen 15 und 18 Uhr für Marmeladen- und Feinkostverkauf. Ein ganzer Kuchen oder eine ganze Quiche kosten 30 Euro.

Im Café Ernst gilt eine Zutrittsbeschränkung für zwei Personen. Unter der Korrektur auf dem Zettel lässt sich noch das ursprüngliche Limit von vier Personen erkennen.

Auch das Einbrand ein paar Häuser weiter ist geöffnet. „Coffe2go und Kaffeebohnenverkauf laufen (erst einmal) weiter. […] Der Verzehr im Café und davor ist untersagt, es dürfen keine Gruppen gebildet werden.“

Das Bierlager hat „den Genuss vor Ort“ vorerst eingestellt, verkauft aber Bier für den privaten Verzehr. Hier und da blitzt auch in der Südstadt noch ein wenig Humor auf. Auf einem Zettel im Fenster ist mit blauem Kugelschreiber ein Reim notiert: „Wir bitten Sie den Laden nur alleine zu zieren, sonst explodieren wir vor Viren.“

Das Johann Schäfer kommt, wie die meisten Brauhäuser, ohne große Ansprache aus. „Aus gegebenem Anlass […] bis auf Weiteres geschlossen“, steht auf einer Tafel, die sich auf einer Staffelei hinter der Eingangstüre befindet.

Der Nimet Grill hält es da anders. „Wir halten euch auf dem Laufenden und wollen hoffen, dass mit der solidarischen Zusammenarbeit die Phase schnell überstanden wird.“

Und auch das MJ Sushi auf dem Ubierring spricht die Kunden persönlich an: „Zusätzlich gewähren wir euch einen Rabatt von 10 % auf jede Bestellung, da wir wissen, dass dieser Ausnahmezustand uns ALLE betrifft!“

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.