ethnografische notizen 271: köln in zeiten von corona

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Daniel Gottschlich, Ox & Klee

Daniel Gottschlich, Ox & Klee, Köln (Foto: privat)

Vor vier Jahren zog der Teilzeit-Musiker mit seinem 2010 eröffneten Betrieb in das mittlere Kranhaus im Rheinauhafen, 2019 wurde dem Restaurant der zweite Michelinstern verliehen.

 

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Ich hatte aus verschiedenen Quellen schon am Samstag erfahren, dass wir wahrscheinlich am kommenden Dienstag schließen würden müssen. Da haben wir einfache eine Party draus gemacht, wir haben in der Küche und im ganzen Laden gefeiert. Das war kein Frustsaufen und auch kein Gewinnerfest, das hatte eher was von einer Abschiedsparty. Ich wusste das ja nicht 100-prozentig, aber ich war mir schon irgendwie ziemlich sicher. Da haben wir halt ein bisschen gefeiert. Das fing das mit einer Flasche Champagner an und endete in einer ziemlichen Sause. Es war legendär, sagen die, die sich noch dran erinnern können.

Weil es aber noch nicht entschieden war, hieß es noch zwei Tage warten. Am Sonntag sind wir alle ziemlich lädiert vor uns hingedümpelt, mich eingeschlossen. Montag habe ich dann bis abends im Büro gesessen und versucht, irgendwie mehr herauszukriegen, bei befreundeten Gastronomen und bei politiknahen Leuten. Aber keiner konnte uns das zu 100 Prozent bestätigen, bis dann am Dienstagmorgen die Nachricht kam, dass die Restaurants geschlossen werden.

Für uns war direkt klar, dass wir Kurzarbeit anmelden. Ich habe die ganze Truppe zusammengerufen und wir uns darüber ausgetauscht. Eigentlich denkt man, dass so etwas nicht passieren kann und dann ist das Unvorstellbare tatsächlich doch eingetreten. Plötzlich sitzt man da und sagt: „So, jetzt räumen wir mal alles zusammen. Wir machen mal die Kühlschränke leer.“

2. Was machst du gerade?

Es gab noch viel zu erledigen. Ich habe gottseidank gute Freunde und Berater, die mir helfen. Das ist wirklich essentiell, man muss ja erst mal durch den ganzen Wust und die „einfache“ Bürokratie durchsteigen. Irgendwann ist das abgehandelt und man fragt sich: „Was kommt jetzt?“ Wir denken noch über Take-away nach, aber erst einmal helfen wir ein bisschen, da wo wir noch können. Wir unterstützen die Freunde der Kölner Straße e.V., zusammen mit der Stiftung 1. FC Köln. Zwei Mal in der Woche machen wir mittags 150 Lunchpakete. Morgen gibt es Sauerbraten. Nächste Woche bin ich auch mal bei der Verteilung dabei.

Ansonsten versucht man zu planen, ohne zu wissen, wie lange das Ganze noch dauern wird.  Ist es jetzt in zwei Wochen wieder vorbei und man muss nicht mehr umdenken? Oder doch lieber direkt eine Delivery-Sache durchspielen? Viele sind damit ja sehr schnell zu Potte gekommen. Das finde ich ziemlich beindruckend. Es gab Kollegen, die waren schon nach zwei Tagen am Start.

Alle Gastronomen müssen sich jetzt überlegen, wo die Reise hingehen soll. Man muss versuchen, sich ein eigenes Bild zu machen. Ich persönlich glaube nicht, dass hier am 19. April alles wieder aufgemacht wird. Wir müssen uns da also was einfallen lassen.

Privat muss man aber auch aufpassen, dass man die Waage hält. Man ist schnell auf so einer Genussschiene, da wird schnell mal die eine oder andere Flasche aufgemacht. Ich versuche, mich gesund zu ernähren, nicht zu viel Alkohol zu trinken und täglich Sport zu machen. Aber wir können das alles immerhin noch. Im Gegensatz zu Italien oder Spanien, wo die Menschen gar nicht mehr aus dem Haus dürfen. Dies Freiheit hier bei uns ist ein kostbares Gut, das man nutzen sollte. Ich hoffe, dass wir sie nicht verlieren werden, aber wir wissen es nicht.

3. Was wirst du als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

Arbeiten! Aber ich frage mich ganz im Ernst: Werden wir einfach wieder zum Status quo übergehen? Wird das überhaupt möglich sein? Gehen wir alle einfach wieder an die Arbeit und machen weiter wie bisher? Ich glaube, dass wird es nicht mehr geben. Auch dazu gibt es natürlich verschiedene Stimmen und Meinungen. Keiner kann aber in die Glaskugel schauen, keiner weiß, was da letzten Endes bei rauskommt. Dass es aber einen Rattenschwanz an Konsequenzen geben wird, auch finanziell, darüber sind sich ja alle im Klaren. Wir alle werden, wenn man das mal in die Zukunft denkt, noch viel Spaß haben mit Stundungen und gut gemeinten Krediten. Ich möchte da trotzdem nicht negativ rangehen, sondern eher realistisch. Ein großer Teil der Arbeit besteht im Moment darin, zu überlegen, wie man das alles so hinbekommt, dass es auch danach funktioniert. Man muss immer wieder prüfen was passiert, wenn das noch länger dauert, wenn da noch eine Woche drangehängt wird. Der erste Übergang des Monats war schon schwierig, jetzt kommt der Mai und dann geht es weiter. Dass das irgendwann mal vorbei sein wird, das kann ich mir im Moment noch gar nicht vorstellen.