ethnografische notizen 266: köln in zeiten von corona

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Matthias Ludwigs, Törtchen Törtchen

Matthias Ludwigs, Törtchen Törtchen, Köln (Foto: privat)

Der Koch und Konditor ist seit 2012 einer der beiden Geschäftsführer der Patisserie-Manufaktur mit Sitz in Nippes und Filialen in der Innen- und Südstadt.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Das ist im Nachgang doch interessant, wenn man sieht, was man vor zwei Wochen noch für E-Mails geschrieben hat. An dem Freitag habe ich noch zu einer Bewerberin gesagt, dass ich ihr nach dem Wochenende den Vertrag schicke. Am Montag haben wir uns dann gefragt, was wir jetzt tun werden. Wir haben ja den großen Vorteil, dass wir sowieso immer etwa ein Drittel des Umsatzes über Außerhausverkauf machen. Und weil die Cafés nicht vom Ladenbauer gemacht sind, sondern komplett selbst zusammengebaut, war klar, dass wir am Dienstag einfach die Theke umstellen. So können die Kunden zwar nicht mehr rein, aber wir können weiterverkaufen. Das hat relativ gut funktioniert. Wir haben uns natürlich schon gefragt, wie das alles weitergehen soll. Uns war aber sofort klar, dass wir den Betrieb nicht schließen werden. Wir haben noch Ware, die verkauft werden muss, wir haben noch Rohstoffe, die verarbeitet werden können. Wir haben das Geschäft daher zurückgefahren und den Dienstplan für die Woche ausgedünnt. In der Apostelnstraße haben wir zum Beispiel nur noch 20 % Personal, statt fünf Leuten brauchen wir nur noch einen. Das haben wir erst einmal alles gemacht, ohne großartig weiter als einen Tag zu denken. Das ist mir persönlich nicht schwergefallen, ich bin bei so etwas immer recht nüchtern und suche dann eher nach Lösungen.

2. Was macht ihr gerade?

Letzte Woche waren wir vor allem mit dem Krisenmanagement beschäftigt. Am Sonntag haben wir alle angeschrieben: „So wie es aussieht, wird Kurzarbeit folgen müssen und wir wissen selber nicht, was los ist.“ Da hingen alle erst einmal in der Luft. Zufällig war am Montag bis auf einen Mitarbeiter das gesamte Backstubenteam da. Wir haben uns alle zusammengesetzt und erst einmal dargelegt, was das für uns bedeutet. Für uns als Unternehmer war das klar: entweder weitermachen oder Privatinsolvenz. Das muss man dann einfach auch so sagen. Es hilft ja nix, drumherum zu reden. Dann haben wir in die Runde gefragt, was man jetzt machen kann. Habt ihr Ideen? Es ist spannend zu sehen, wie schnell dann hochmotivierte Überlegungen kommen. Wir haben beschlossen, erst einmal einfach zu machen. Wir haben ja einen Onlineshop und können alle Produkte im Internet verkaufen. Dann machen wir eben ab 25 Euro einen kostenfreien Lieferservice. Beim Brainstorm-Kreativrunden-Coronakrisenmeeting haben wir uns aber auch gefragt, was machen die Kinder? Die haben keine Schule und sind zuhause. Jetzt drehen wir Backvideos und bieten Backmischungen für Kindern an. Natürlich müssen wir auch Kurzarbeitergeld beantragen und Liquiditätsplanung machen, aber wir müssen uns auch selber motivieren. Jetzt haben wir schon das zweite Video gedreht und drehen morgen noch eins. Wir haben kurzfristig die Cookie-Backmischung kreiert, wir haben so ein Do-it-yourself Granola-Hasenset zusammengestellt, und morgen gibt es die Brownie-Backmischung. Wir haben ja alles da, die Software für die Etiketten, die Verpackungen, die Rohstoffe – wenn wir ein paar von den Sachen verkaufen, dann ist das prima, wenn nicht, haben wir unseren Spaß damit gehabt und haben einen positiven Eindruck hinterlassen. Man muss jetzt kreativ sein.

Ich bin jetzt übrigens gerade die Törtchen Törtchen Hotline. Die wurde am ersten Tag aus Mangel an Alternativen als Rufumleitung auf mein Handy gelegt. Da haben wir sie gelassen und alle Kunden, die über diese Hotline anrufen, kommen zu mir. Die freuen sich alle sehr, dass wir weiterhin unsere Produkte anbieten. Die Kunden in den Läden genauso. Für die Mitarbeiter ist das psychologisch gut, wenn die noch ein, zwei Tage im Laden stehen und merken, dass die Leute sich freuen.

Privat habe ich gerade weniger Zeit also sonst. Am Wochenende hätte ich eigentlich frei gehabt, aber ich habe geliefert. Wobei das jetzt der Noch-Zustand ist, in der nächsten Woche wird sich das mit der Liefergeschichte hoffentlich alles ein bisschen eingespielt haben. Gerade finde ich es aber wichtig, als Unternehmer präsent zu sein. Wenn wir die Mitarbeiter schon in die Kurzarbeit schicken, muss man selbst auch anwesend sein.

3. Was werdet ihr als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

Die Frage beantworten wir uns gerade. Weil wir den Betrieb nicht gestoppt haben, hat dieser Aspekt ehrlicherweise bislang noch keine Rolle gespielt. Ich habe gestern die ersten zwei Videos auf unseren Youtube-Kanal hochgeladen, da kommen dann noch das Hasenvideo und der Brownie-Film rein. Sowas war immer schon ein Gedanke gewesen, aber im normalen Tagesgeschäft überlegt man immer sofort, ob man damit Geld verdienen kann. Diese Frage können wir uns jetzt nicht direkt stellen. Wir können das jetzt einfach ausprobieren. Dieses Reset ist für uns daher erst einmal auch positiv. Wenn nicht jetzt, wann sonst? Es weiß ja noch keiner, was daraus resultiert.