ethnografische notizen 262: köln in zeiten von corona

Saint Louis, Deutzer Freiheit, 19.03.2020

Deutz

Am Vormittag treffe ich mich kurz mit einer Kollegin, um ihr meine Fahnen für die Schlusskorrekturen mitzugeben. Wir stehen auf der Deutzer Freiheit, in gehörigem Abstand voneinander. Sie ist schwanger, auf der Suche nach Toilettenpapier und mit einer großen Lust auf eine „Torta della Nonna“, einem italienischen Kuchen mit Zitronencreme und Pinienkernen. Ihr Mann habe ihr versprochen, am Wochenende für sie zu backen. Dafür braucht sie nun Mehl. „Viel Erfolg“, sage ich und lache, weil sie genau die beiden Dinge sucht, die kaum noch zu bekommen sind. Wir verabreden, getrennt in den umliegenden Geschäften auf die Suche zu gehen. „Beim Penny war ich schon“, sagt sie.

Ich stelle mich in die Schlange vor dem DM, während sie auf der anderen Straßenseite in den Rewe geht. Die Frau vor mir hält mindestens fünf Meter Abstand zu der Person vor ihr, was mir etwas übertrieben scheint. Der Senior hinter mir hingegen steht etwas dicht, wie ich finde. „Was soll das denn für einen Unterschied machen, ob wir hier draußen oder da drinnen so eng beieinanderstehen“, sagt ein Mann, der sich direkt hinter den älteren Herrn befindet. „Sie sind in der Tat ziemlich dicht dran“, antworte ich. Ob die Schlange denn bis zum Rhein reichen solle, regt sich der Mann auf. In der Drogerie gibt es, wie zu erwarten, weder Klopapier noch Mehl. Lediglich ein paar Packungen gemahlener Buchweizen liegen in den ansonsten leeren Regalen.

Die Schlange im benachbarten Bioladen hat sich inzwischen aufgelöst und ich muss nicht mehr warten, bis andere Kund*innen den Laden verlassen haben. „Kommen Sie rein“, sagt die junge Frau am Eingang freundlich und winkt mir zu. Aber auch hier gibt es kein Mehl, zumindest keines, was sich für die Zubereitung italienischen Feingebäcks eignen würde. Angesichts des, wenn auch begrenzten, Angebots an Roggenmehl und Kamuth überlege ich einen Moment, ob man nicht schnell ein entsprechendes Backbuch für Cupcakes, Cakepops und Whoppie Pies auf den Markt bringen sollte.

Draußen treffe ich die Kollegin wieder. Auch ihre Suche war erfolglos. „Immerhin habe ich Zitronen bekommen“, sagt sie stolz. „Lass mal nachdenken,“, überlege ich, „wo es vielleicht noch Mehl gibt. Ein Ort, auf den man jetzt nicht direkt kommt.“ „Im Zweifelsfall immer beim Nachbarn“, sagt sie.

Als ich mein Fahrrad wieder aufschließe, überhöre ich der Unterhaltung zweier älterer Frauen. „Ich gehe ansonsten gar nicht mehr raus“, sagt die eine. „Ich gehe mal gucken, was da ist“, antwortet die andere, „was es nicht gibt, das essen wir eben nicht.“

Das Café Heimisch schräg gegenüber ist dicht. „Vorübergehend geschlossen“, steht auf einem handgeschriebenen Zettel über einem traurigen Smiley. Die Kollegen von der Pizzeria Diana weiter hinten halten die Stellung. „Nur Speisen zum Mitnehmen“ heißt es auf dem Kundenstopper. „#staythefuckhome“ und „fuckcorona“ lese ich auf der Türe des geschlossenen Saint Louis auf der anderen Straßenseite., „Bleibt gesund und haltet durch.“

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.