ethnografische notizen 260: köln in zeiten von corona

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Iris Giessauf, Essers Gasthaus

Iris Giessauf, Essers Gasthaus, Köln (Foto: privat)

Die Gastgeberin und Sommelière führt gemeinsam mit ihrem Mann Andreas Essers das gleichnamige Gasthaus in Neuehrenfeld.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

In erster Linie war das unfassbar traurig. Am Sonntag waren noch relativ viele Kollegen da und wir haben die ganze Zeit darüber gesprochen, wie lange man noch aufhaben kann. Als Österreicherin habe ich in der Woche davor schon die Pressekonferenz von Kurz gesehen. Am Sonntagabend hat es hier noch geheißen: Die Restaurants bleiben offen. Dass das nicht hält, das war mir relativ klar. Aber dass das dann so schnell geht? Ich dachte eher an Mittwoch, Donnerstag oder so.

Montagabend waren nur noch Stammgäste im Laden. Ich bin mit meiner Tochter so gegen neun, halb zehn gegangen. Wenn man sich dann für länger von Menschen verabschiedet, die man sonst zwei, drei Mal im Monat sieht, dann ist das schon nicht schön. Weil du ja nicht weißt, wie lange das Ganze geht. Sind es jetzt zwei Wochen, sind es drei Monate? Du hast dann so eine Unsicherheit in dir drinnen, die fand ich total gruselig.

Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag haben wir uns dann alle getroffen, einmal richtig durchgeputzt und den Keller aufgeräumt. Wir haben die Sachen gemacht, von denen man immer sagt: Das müssen wir irgendwann einmal machen, wenn wir Zeit haben. Die Zeit hatten wir ja jetzt und haben den Laden einmal umgedreht. Aber schön war das trotzdem nicht.

2. Was machst du gerade?

In erster Linie habe ich das Gefühl, dass ich ganz schön entschleunigt werde. Das tut auch ein bisschen gut, um ehrlich zu sein. Weil wir dafür ja sonst nie die Möglichkeit haben. Wir essen jeden Abend zusammen in der Familie. Unsere Tochter ist ja zwölf und kurz vor genervt, dass die Eltern die ganze Zeit da sind. Das ist die ja überhaupt nicht gewohnt. Gestern hat sie beim Abendessen gefragt: „Mama, wann haben wir eigentlich fünf oder sechs Mal hintereinander zusammen gegessen, ohne, dass wir in Urlaub waren?“ Noch nie! Die bringt mir aber auch das nächste Problem mit, die müssen ja zuhause „home schooling“ machen. Das heißt, ich muss mich jetzt wieder mit Mathegleichungen auseinandersetzen. Die habe ich in der Schule schon gehasst. Und ich merke, 30 Jahre später, es hat sich nichts getan in meiner Abneigung.

Wir fangen am Donnerstag wieder an mit Kleinigkeiten zum Abholen. Das ist alles frisch eingekauft, weil ja keine großartigen Reste mehr da sind. Das Gemüse ist alles weggeweckt. So viel ist bei uns nicht übergeblieben, um ehrlich zu sein. Das war Glück im Unglück, dass das am Montag entschieden worden ist und nicht erst am Mittwoch. Gestern und heute waren wir deshalb einkaufen. Möllers hat ja noch auf, bis zwölf allerdings nur, also verkürzt. Da gibt’s eigentlich unproblematisch alles, was man so braucht. Wir machen das ja auch in ganz kleinem Rahmen, wir stellen jetzt nicht die ganze Speisekarte online. Mehr als drei Essen werden wir nicht anbieten.

Gestern haben wir das Abholangebot eingestellt und ich bin mega zufrieden. Der Post ist 46 Mal geteilt worden, das fand ich emotional sehr berührend. Die Rückmeldungen geben dir das Gefühl, dass die Leute sich freuen. Am Ende ist das eine Win-Win-Situation. Wir machen das, um nicht in Vergessenheit zu geraten und den Leuten den Alltag ein bisschen zu erleichtern – viele sagen jetzt schon: „Ich kann den Herd nicht mehr sehen!“ –, aber wir machen das natürlich auch, um wenigstens einen kleinen Teil der Fixkosten reinzukriegen. Es ist nicht nur eine Spaßveranstaltung, sondern hat auch einen kleinen wirtschaftlichen Hintergrund. Aber es freut mich natürlich auch wahnsinnig, dass ich unsere Gäste teilweise wiedersehen kann.

3. Was wirst du als erstes tun, wenn die Krise vorbei ist?

Ich habe echt viel über diese Frage nachgedacht. Ich glaube, dass wir nicht viel anders machen werden, als wenn die Sache nicht gewesen wäre. Vielleicht machen wir es bewusster und noch liebevoller. Ich freue mich darauf, zum ersten Mal den Rollladen an der Türe wieder hochzumachen, auf die ersten Leute, die reinkommen und auf den Moment, wenn es in der Küche zum ersten Mal wieder „PING“ macht, weil das Essen rausgebracht werden kann. Und natürlich auch darauf, dass wir selber wieder raus und unter Kollegen sein können. Das werden wir sicher in den ersten Wochen ausnutzen.