ethnografische notizen 259: köln in zeiten von corona

26 Mrz

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Steffen Potratz-Heller, Brauerei Heller

Steffen Potratz-Heller, Brauerei Heller, Köln (Foto: privat)

Der Journalist & Biersommelier führt mit seiner Frau, Brauerin Anna Heller, die Brauerei, das Brauhaus und die Gastronomie im Volksgarten.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Es hat sich letztendlich ja angekündigt, weil in den Tagen vorher schon die Bars und Kneipen geschlossen wurden. Im Prinzip hatten wir also damit gerechnet. Am Sonntag davor haben wir uns noch mit der der IG Gastro aus dem Kwartier Latäng zusammengesetzt und eine Krisensitzung gehalten. Gemeinsam haben wir überlegt, was man so machen kann, da merkte man doch schon die Verzweiflung bei allen. Für Montag hatten wir ohnehin eine Personalversammlung einberufen, kurz davor kam dann die Info, dass auch die Restaurants schließen müssen. Wir hatten den Festangestellten mitgeteilt, dass wir in Kurzarbeit gehen müssen, wenn die Gaststätte zumacht. Das war dann plötzlich der Fall und ein ganz skurriles Gefühl. Auch wenn man damit rechnet, ist man irgendwie leer in dem Moment. Ich bin dankbar, dass wir Personal haben, das uns unterstützt. Alle haben der Kurzarbeit zugestimmt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, bis Ende März zwar Kurzarbeit zu machen, aber eben mit 50 Prozent. Wir wollen nicht überstürzt, sondern mit Bedacht alles zurückbauen. Das haben wir dann auch gemacht. Die komplette Belegschaft des Brauhauses, Betriebsleiter, die Kollegen aus der Küche, alle Festangestellten haben geputzt, aufgeräumt und die vorhandenen Reservierungen abgesagt. In der Küche haben wir die Lebensmittel eingekocht und weggefroren, damit wir im Volksgarten was anbieten können, wenn es wieder losgeht. Alle verderblichen Produkte haben wir an unser Personal und Bekannte verschenkt. So haben wir im Prinzip das komplette Brauhaus einmal zurückgebaut und seitdem ist die Tür im wortwörtlichen Sinn verschlossen.

2. Was machst du gerade?

Wir verbringen sehr viel Zeit als Familie, wir halten uns tatsächlich auch sehr an das, was vorgegeben wird. Einer von uns geht morgens eine lange Runde mit den Kindern und dem Hund spazieren, dann macht einer von uns immer Mittagsschlaf mit dem Kleinen. Wir nutzen die Zeit für uns persönlich ganz intensiv, ohne die Arbeit zu vergessen. Im April werden wir auch die Brauerei zumachen. Wir fahren also noch einmal einen Schritt zurück, weil wir keine Umsätze mehr haben. Aber der administrative Teil wird weiterlaufen, den teile ich mir mit Anna und der Buchhaltung. In der Brauerei wird die Gärung noch weiterbetreut, weil wir gerade erst eingebraut haben. Wir können jetzt das Bier nicht machen lassen, was es will.

Außerdem mache ich ja noch ein Fernstudium und investiere die Zeit mal effektiv ins Lernen – aber immer mit dem Betrieb um Hintergrund. Der Kontakt zur Außenwelt und zu den Kunden muss natürlich aufrechterhalten werden.

3. Was wirst du als erstes tun, wenn die Krise vorbei ist?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Ich finde, man muss in jeder Krise auch eine gewisse Chance sehen. Das ist zumindest meine Meinung. Ich glaube, es wird sich gesellschaftlich sehr viel verändern, die Leute werden wieder bewusster durch den Alltag gehen. Man telefoniert jetzt schon wieder mehr, man ist ganz anders im Kontakt mit den Menschen. Als wir so bewusst aus dem Stress rausgegangen sind, ist uns aufgefallen was für einen geilen Job wir haben: Wir machen Menschen mit Essen und Trinken glücklich. Wir freuen uns darauf, glückliche Gesichter im Biergarten zu sehen. Und wir freuen uns, wenn unsere Festangestellten wieder aus der Krise herauskommen und in den Alltag rutschen. Man wird schon ein wenig demütig und auf eine gewisse Weise dankbar.