ethnografische notizen 258: köln in zeiten von corona

Mangal Döner, Kalker Hauptstraße, Köln, 23.03.2020

Kalk

Der mit Aufklebern übersäte Eingang der veganen Kultkneipe Trash Chic in der Wiersbergstraße ist geschlossen, es gibt keinen Hinweis auf eine irgendwie außergewöhnliche Situation. Auch auf der anderen Straßenseite, bei der Bambule Kaffeebar, sind die Rollläden unten, aber hier steht immerhin die Tür offen. Erst als ich neugierig ins Innere schaue und ein Foto mache, bemerke ich die Frau, die neben dem Haus eine Zigarette raucht. Mechthild Erhard ist Bambule-Inhaberin und gerade vor Ort, um die letzten Sachen „winterfest“ zu machen. „Na hoffentlich nicht bis zum Winter“, sage ich und wir verabreden uns für den kommenden Tag zum Telefoninterview. Da, wo sonst Schüler*innen und Lehrer*innen ihre Freistunden verbringen wird gerade die letzte Stufe des Lockdowns eingeleitet.

Zurück an der Kalker Hauptstraße, beim Sünner Bier- und Kornhaus, ist das Publikum im Durchschnitt etliche Jahrzehnte älter. Und während hier sonst um diese Zeit etliche Senior*innen zu Mittag essen, ist heute niemand zu sehen. Das Haus Böhmer nebenan erläutert nicht nur die Schließung, sondern hat, sehr fürsorglich, auch ein Infoblatt der Stadt mit Hygienehinweisen aufgehängt „für Personen, die sich besonders gut schützen sollten.“

Im Schaufenster der Bäckerei Schlechtrimen informiert ein Plakat mitten in der Frühlingsdeko, über Osternest und Plüschlamm, darüber, dass es im Betrieb erfreulicherweise noch keinen Fall von Covid19 gegeben habe. „Wenn Sie sich krank fühlen oder aus sonstigen Gründen Kontakt meiden“, heißt es weiter, „geben Sie bitte telefonisch Bescheid. Gern bringen wir Ihnen Ihre Wunschartikel vor die Ladentüre.“

Neben dem Haus, am Metallzaun des Kalker Stadtgartens hat jemand einen „Gabenzaun“ eingerichtet. Auf Augenhöhe hängen diverse Tüten mit Haushaltsgegenständen, Kleidung und Lebensmitteln, aber auch eine Yogamatte und ein Strauß Blumen. „Diese Spenden sind für bedürftige und Obdachlose Menschen“, lese ich auf der Erläuterung, „missbraucht das bitte nicht, wenn es euch gut geht.“

Bäckerei Merzenich, Kalker Hauptstraße, Köln, 23.03.2020

Auch die Bäckerei Merzenich hat viel zu erklären. Ein dichtbedrucktes A4-Papier hängt über dem Schwarzbrot. „Es kann trotz all unserer Bemühungen nicht immer alles perfekt sein! Fehler passieren, wir alle sind Menschen. Ein nett gemeinter Hinweis, ein Lächeln oder eine Bitte können Wunder wirken.“ Die Firma bedankt sich außerdem bei den Mitarbeitern für den unermüdlichen Einsatz.  „Wir sind unglaublich stolz auf jeden einzelnen.“

Der Palmengrill, der zunächst noch auf das Abholgeschäft umgestellt hatte, hat jetzt doch seinen Betrieb eingestellt. Auch die Fenster des Mangal Döner sind auf halber Höhe von innen mit Papier zugeklebt.

Vor der Bäckerei Hesterbrink – ja es gibt viele Bäckereien in Kalk – versperrt ein großer Kundenstopper den Zugang und ermahnt die Kunden achtsam zu sein und Abstand zu halten. „Wir beeilen uns.“ Rechts davon indiziert ein Pfeil die Schlange für hinein, links davon die für hinaus. Die Auslage ist so umgebaut, dass die Verkäuferinnen nun nicht mehr durch die Kunden hindurch zum Schaufenster müssen, um die gewünschte Ware zu holen.

Die Bäckerei Nimet improvisiert und nutzt Warnhinweise, die eigentlich aus anderen Kontexten stammen. „Diskretion, bitte Abstand halten“, steht auf dem Papier im Fenster. Im Eingang stehen ein paar Plastikkisten, obenauf ein gelbes Schild, das sonst auf Rutschgefahr bei nassem Boden hinweist.

In der Bäckerei Klein schließlich ist das gedruckte Plakat mit der Abstandsregelung handschriftlich korrigiert. Die Anzahl der im Laden zugelassenen Kund*innen ist überklebt und auf eine Person reduziert.

Efendim, Kalker Hauptstraße, Köln, 23.03.2020

Im Efendim sehe ich zum ersten Mal in diesen Tagen eine zweisprachige Mitteilung. Auch hier geht es um die Schließung und die Bitte, gesund zu bleiben. Aber eben auch auf Türkisch.

Das Backwerk hofft, dass bald wieder Normalität einkehren wird und das Bekleidungsgeschäft „Kuzey Mode“ gibt folgende simple wie effiziente Empfehlung: „Wir bleiben zuhause und trinken Cay. Cay ist gesund. Cay schmeckt. Trinke du auch Cay und bleib bitte zuhause!“

An der Ampel lese ich den Aufruf zum Osterlämmerverkauf der Pfadfinder, die mit am 11.04. damit ihr Sommerlager finanzieren wollten. Allerdings erst das im Juli 2021, da besteht also noch ein wenig Hoffnung.

Nobiko, Josephskirchstraße, Köln, 23.03.2020

Auch die Nudelbar Nobiko in der Josephskirchstraße informiert auf zwei Sprachen. „Due to the current situation Nobiko remains closed”, heißt es kosmopolitisch auf der Türe.

Im italienisch-türkisch-indischen Imbiss Piccolo d’ella Mama in der kleinen Baracke neben dem Rathaus läuft der Betrieb hingegen wie immer.

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.