ethnografische notizen 255: köln in zeiten von corona

Café Franck, Eichendorffstraße, Köln, 22.03.2020

Neuehrenfeld & Ehrenfeld

Das Café Franck an der Eichendorffstraße ist kurz vor Mittag noch geschlossen. Durch das Fenster kann man vereinzelte Kuchen in der Theke stehen sehen.  „Der Außer-Haus Verkauf geht weiter“, heißt es, Kaffee und selbst gebackenen Kuchen gibt es zwischen 11 und 17 Uhr, sonntags ab 12. Ein mittelaltes Paar sieht, dass der Eingang noch verschlossen ist und will weitergehen. Dann wird die Türe von innen geöffnet und die beiden hereingerufen.

Überall ist Unsicherheit zu spüren. „4 Personen ohne Personal“ steht auf einem Kuchendeckel im Schaufenster der Bäckerei Schweitzer. Offensichtlich gab es Nachfragen, wie die maximale Personenanzahl denn zu berechnen sei. In der Imbiss-Bäckerei Alanya Firini um die Ecke sind lediglich zwei Personen gleichzeitig zugelassen. Nach langer Recherche finde ich schließlich im Amtsblatt der Stadt Köln vom 17. März, Sondernummer 18 die entsprechende Allgemeinverfügung zur Schließung der Gastronomie. Unter dem Hinweis auf die Ausnahme für den „Außerhausverkauf sowie die Lieferung von bestellten Speisen und Getränken“ findet sich kein Hinweis auf mögliche Beschränkungen vor Ort.

Kebapland, Venloer Straße, Köln, 22.03.2020

Auf der Venloer Straße angekommen, fällt das geschlossene Kepabland erst einmal vielleicht gar nicht so auf, aber der Geruch fehlt. Kein Grillqualm, der bis in die U-Bahn zieht, dafür eine abweisende Eingangstüre. Die Stühle sind hochgestellt und im Fenster warten Salz- und Pul Biber-Streuer auf die Wiederaufnahme des Betriebs. „Geschlossen“ steht auf dem Schild im Fenster, ergänzt um eine rot unterlegte Reihe von Ausrufezeichen. „Wir informieren euch auf Instagram sobald wir wissen, wann wir wieder öffnen.“

Das Köşebaşı Kebap am Ehrenfeldgürtel wittert seine Chance und bewirbt sein Tagesangebot mit an die Wände geklebten Zetteln. „Angebot!!! Döner + Ayran nur 4,50 Euro“.

An der gegenüberliegenden Straßenecke bekommt ein Spruch auf einer schon länger hier hängenden Tafel eine neue Brisanz. „Ciao Bella, Dinosaurier haben nie Pizza & Pasta gegessen und sind ausgestorben“, steht dort zu lesen, „Mache nicht denselben Fehler. Leonardo da Vinci“. Ein Tisch blockiert den Eingang, der Verkauf von Pizza, Pasta und Burger findet über das Fenster nebendran statt. Noch gibt es keine Kunden.

Ein paar Meter weiter ist das Tchibo-Team traurig, findet dann aber auch hoffnungsvolle Worte. „Wir können nicht für Sie da sein. Wir helfen damit, die Corona Viren zu stoppen! […] Gemeinsam schaffen wir es, die Krise zu überwinden.“

Die Merzenich-Filiale bewirbt ihren saisonalen Einstieg in den Frühling. „Mit erntefrischen Erdbeeren“ steht auf dem vom Vordach herunterhängenden Schild, „So schmeckt die Erdbeerzeit nur bei Merzenich.“ Die Kund*innen reihen sich vorbildlich in die Schlange ein und warten auf dem Bürgersteig. Der letzte in der Reihe ist ein Lieferando-Fahrer in einem orangefarbenen Anorak mit einer Gesichtsmaske und Kopfhörern.

Venloer Straße, Köln, 22.03.2020

Über die gesamte Schaufensterfassade der ehemaligen Bäckerei Binz ist ein schwarzweißes Graffito aufgeklebte. Links die Zeichnung von zwei Packungen Nudeln, rechts steht in großen Lettern „Nudelregale leergefegt, Egoismus ohne Grenzen.“ Weiter die Straße runter, unter einer großen Aldi-Reklame findet sich eine weitere Arbeit: „Klopapier-Streit eskaliert, Polizei setzt Elektroschocker ein“.

Es gibt aber auch optimistischere Prognosen. „Sehr geehrte Kunden“, schreibt das Restaurant Fuji, „wegen Covid 19 schließt unser Laden für zwei Wochen. Ab dem 30.03.2020 sind wir wieder da.“

Das Haus Scholzen bietet derweil „Scholzen to go“, mit telefonischer Bestellung unter Angabe der Abholzeit und Ausgabe am Flaschenverkauf. Es gibt unter anderem Jägerschnitzel mit Rahmchampignons, Matjesfilet mit Bratkartoffeln oder drei Reibekuchen mit Apfelmus.

Die Nachricht der Sushi Ninjas gegenüber fällt kürzer aus: „Wenn der Wahnsinn ein Ende hat, sind wir wieder für euch da. Bleibt zuhause. Enzo & David“

Zeit für Brot, Venloer Straße, Köln, 22.03.2020

Das Zeit für Brot ist zugeklebt mit diversen Plakaten und Verlautbarungen, die den reibungslosen Betrieb gewährleisten. Es gilt ein Abstand von 1,5 m, nur Außerhausverkauf, nur bargeldlose Zahlung und ein Sitzverbot draußen auf der Fensterbank. Auf dem Boden ist mit einer Sprühflasche eine Linie gezogen, von links parallel zum Haus über den Bürgersteig und dann um die Ecke Richtung Eingang. Dazwischen sind im entsprechenden Abstand Kreuze geklebt, auf denen sich die Gäste in der Sonne in die Zimtschneckenschlange einreihen können.

Ein kleiner blauer Aufruf der Initiative CoView19 auf der anderen Straßenseite macht deutlich, dass die Krise aber bei aller Ferienstimmung real ist. „Sei solidarisch deinen Mitmenschen gegenüber und achte besonders auf jene, denen möglicherweise gerade menschlicher Kontakt fehlt. Vernetzt euch und seid für einander da.“ Am Hans Böckler-Platz fordert eine Plakatwand von corona-soli-koeln.org unter anderem die Evakuierung der Geflüchtetenlager und gleichen Zugang zum Gesundheitssystem für alle.

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.